Deutsche WM-Songs vor Gericht

Singt noch einmal, Jungs!

Jetzt hat es also auch Reporterlegende Manni Breuckmann erwischt: Die trügerische Gewissheit, die Welt mit einem WM-Song behelligen zu müssen. Für die 11FREUNDE-Ausgabe #148 hat sich Philipp Köster auf die Spurensuche nach Breuckmanns Vorgängern begeben. Eine Chronologie des Grauens.

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148

1974 – Fußball ist unser Leben

Wim Thoelke, sonst ja als galanter Conferencier bekannt, konnte seine Verachtung kaum verbergen, als er den Liveauftritt der Nationalelf in seiner Show »Drei mal Neun« anzusagen hatte. Man werde nun »eines der größten Werke der modernen, profanen Chorliteratur« hören, verkündete Thoelke eisig und gab dann doch die Bühne frei für elf Nationalspieler, die für die Darbietung von »Fußball ist unser Leben« in biedere Vertretermonturen gesteckt worden waren. Auffällig insbesondere die überbreiten Krawatten, aus denen in schlechteren Zeiten sicher auch schon Großsegel geschneidert worden waren. Allein, es gab kein Entkommen, obwohl Wolfgang Overath in den ersten Sekunden durchaus den Eindruck erweckte, als plane er gleich, schreiend aus der Halle zu laufen. Dafür hätte er sich allerdings an den Posaunisten der damals omnipräsenten Showband von Max Greger vorbei schlängeln müssen, die gerade so laut dröhnte, dass die teilweise arg schiefen Sangesdarbietungen der Fußballer nicht peinlich auffielen. Was die Stimmbänder nicht hergaben, machten manche Spieler mit Körpereinsatz wieder wett. Allen voran Paul Breitner und Uli Hoeneß, die beide von der Saalregie an die Front kommandiert worden waren und im Gegensatz zu manchem Mannschaftskameraden wenigstens den Eindruck erweckten, freiwillig hier zu sein. Auffällig insbesondere Jürgen Grabowski, der in eine Art Duldungsstarre verfiel, die sonst Gebrauchtwagenhändlern vorbehalten war, wenn Schichtarbeiter ausgerechnet im teuersten Sportwagen probesitzen wollten. Immerhin blieb die Truppe trotz des scheppernden Vollplaybacks stets konzentriert und bewegte selbst bei jenen Passagen tapfer die Lippen, in der Musketierromantik und Weltkriegslyrik eine hässliche Ehe eingingen: »Einer für alle / Alle für einen / Wir halten zusammen / Und ist der Sieg dann unser / Sind Freud und Ehr für uns alle bestellt«. Immerhin animierte der schmissige Grundton des von Schlagerkönig Jack White erdachten Lieds die Zuschauer zum fleißigen Mitklatschen, was den erstaunlicherweise nur am Bildrand postierten Kaiser Franz ein seliges Lächeln entlockte. Warum Beckenbauer nicht stärker in die Performance eingebunden wurde, erschloss sich nicht, schließlich hatte der mit «Gute Freunde« den bis dahin mit Abstand größten Solohit gelandet. So wurde Beckenbauer am Ende sogar noch von Katsche Schwarzenbeck überrundet, der seinerseits nach zwei Minuten nur noch wie ein müder, alter Karpfen nach Luft schnappte. Richtig Feuer gefangen hatte hingegen zum Schluss Wolfgang Overath. Die Hände in die Hüften gestützt, den Hosenbund gelockert, grölte der Kölner lauthals mit und hätte beinahe sogar Grabowski aus seiner Lethargie gerissen. Aber nur beinahe.

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