19.03.2014

Deutsche WM-Songs vor Gericht

Singt noch einmal, Jungs!

Seite 2/3: Buenos Dias, Argentina
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1978 - Buenos Dias, Argentina

Textlich sicher das schwächste Werk in der Historie der WM-Songs. 1974 war den Nationalspielern immerhin noch eine eingängige Bierzelthymne präsentiert worden, 1978 wurden die Auswahlspieler hingegen zu Erfüllungsgehilfen für Baggerkönig Udo Jürgens degradiert. »Buenos Dias, Senorita! / Und wenn du dann bei mir bist / Wird die Zeit hier wie ein Traum sein / Den man niemals mehr vergisst!«, schmachtete Jürgens mit jenem Timbre, das dazu führte, dass sich heute immer mal wieder uneheliche Töchter des Chansonniers melden. Die Nationalspieler ahnten hingegen, dass sie in den sechs Wochen im sturzöden WM-Quartier Ascochinga keine Senoritas, sondern nur ein paar alte Nazis zu Gesicht bekommen würden. Eine perfide Mischung aus Colonia Dignidad und Festungshaft. Dementsprechend übellaunig posierten sie für die Videoaufnahmen, bewegten notdürftig die Lippen und erinnerten dabei stark an einen Trupp schlechtbezahlter Wanderarbeiter, die wegen schlechten Wetters seit mehreren Wochen auf einer Bohrinsel festsitzen.



1982 – Olé Espana

Nun also Michael Schanze, der dem schon nach acht Jahren etwas angegammelten Genre des WM-Songs jugendlichen Drive beibiegen sollte. Musikalisch legte das Werk schwungvoll los, der Text ging jedoch rasch in den Sinkflug. Thema waren, grob umrissen, abermals die bereits von Udo Jürgens angebaggerten Frauen des Gastgeberlandes. »Es liegt im Lachen der Señoritas / In ihren Lippen wie roter Mohn / Und im Versprechen der schwarzen Augen / Und wer es findet, wird reich belohnt«. Derart dick aufgetragene Romantik war wiederum allzu weit entfernt von der Erlebniswelt vieler Kicker, so dass diese bei der Premiere des Songs rasch unkonzentriert wurden. Während Schanze trällerte, plauderte vor allem Horst Hrubesch ungeniert mit den Kameraden. Schanze rächte sich, indem er sich einen Ball zuköpfen ließ, plötzlich kehrt machte und die Spieler aufforderte, ihm den Ball zuzuwerfen. Als Erster war Assistenztrainer Erich Ribbeck dran, dessen panischer Blick ein Highlight der Aufnahme ist. Schöner nur noch Keeper Eike Immel, der nicht nur als Einziger versehentlich einen hellblauen Pulli trug, dessen lethargisches Gesicht obendrein vermuten lässt, man habe ihm vor dem Auftritt eine Familienpackung Morphium injiziert.



1986 – Mexico Mi Amor

Am Anfang war die goldene Trompete. Toni Schumacher setzte sie an die geschürzten Lippen, dann blies er mit geschlossenen Augen und aufgeblähten Backen das Intro des WM-Songs für Mexiko. Schumachers unsichere Handhaltung verriet zwar, dass dem Keeper offenkundig erst kurz vor der Aufnahme erklärt worden war, in welche der beiden Öffnungen er hineinzublasen habe, gleichwohl hatte es Schumacher noch deutlich besser getroffen als mancher seiner Mannschaftskameraden. Lothar Matthäus und Pierre Littbarski waren dazu verdonnert worden, Sombreros zu tragen und sich staubige Flickenteppiche umzuhängen, die allenfalls entfernt an mexikanische Ponchos erinnerten. »Sombreros verbergen den Stolz in den Augen der einsamen Männer«, sang Peter Alexander dazu in »Mexico Mi Amor«. Beide ertrugen die Demütigung mit regungslosen Mienen, auch weil sie wussten: Es geht noch schlimmer. Anderswo werden Azubis geschickt, um die Gewichte für die Wasserwaage zu holen oder das Senkblei für die Zinsen, in der Nationalmannschaft musste Rookie Michael Frontzeck an die Gitarre. Der junge Gladbacher griff dann in seiner Not einige Phantasieakkorde und klampfte sich ansonsten hilflos durch die Strophen, was insbesondere Kalle Rummenigge königlich amüsierte. Der desaströse Gesamteindruck rührte jedoch nicht aus all den missglückten Soli, sondern aus dem erbarmungswürdigen Outfit der Truppe. Die Nationalelf trug unförmige Klubjacken, die manche Spieler obendrein hochgekrempelt hatten, dazu kollektiv weiße Tennissocken. Eine absonderliche Kombination, die besonders ins Auge fiel, als sich die Nationalelf aus den Stühlen erheben sollte, um Vorsänger Peter Alexander über die Bühne zu folgen. Was da hinter Alexander hergetrottet kam, war selbst für die achtziger Jahre außergewöhnlich geschmacklos. Schön übrigens auch, dass manch einer den Einsatz zum Aufstehen verschlief und so auf den zeitgenössischen Aufnahmen Franz Beckenbauer zu sehen ist, wie er Horst Köppel mit jenem routinierten Griff aufs Parkett führte, mit dem sonst Zivildienstleistende renitente Senioren zum Essen geleiteten. Und so war allgemeine Erleichterung zu spüren, als sich der Schmachtfetzen dem Ende zuneigte. Peter Alexander wirkte stark erschöpft. Aber er wusste: »Unter der roten Sonne sehn wir uns wieder in Mexico.« In weißen Sportsocken.

 
 
 
 
 
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