Deutsche Gastarbeiter in Luxemburg

Endlich erstklassig!

Deutsche Gastarbeiter in LuxemburgAndré Mailänder
Heft #77 04 / 2008
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77
Es beginnt mit einer Mischung aus Sommermärchen und der »Sendung mit der Maus«. Trainer Claude Osweiler wirft drei Familienpackungen Müsliriegel auf den Tisch der Umkleidekabine, rollt das Blatt Papier mit der Aufstellung zusammen und bittet um Ruhe. »Heute gegen Etzella Ettelbrück entscheidet sich, wohin unser Zug fährt«, sagt Osweiler, zweifellos ein Vertreter der Gattung »harter Hund«.

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Unruhig geht er an der Taktiktafel auf und ab, seine kurzen grauen Haare sind ebenso aufgeladen wie er, und im knitterfreien weißen Hemd ähnelt er dem aufgekratzten Klinsmann während der WM. »Wir müssen sofort zeigen, wer Herr im Haus ist«, sagt Osweiler, und damit ihn auch alle verstehen, wiederholt er den Satz noch mal auf Französisch, wie im Vorspann der Maus-Sendung. Als er die Aufstellung erklärt, springt Osweiler zwischen allen drei Amtssprachen Luxemburgs hin und her. Der 45-Jährige warnt in einem Halbsatz auf Französisch vor den Provokationen des Gegners, wechselt kurz nach dem Prädikat ins Luxemburgische und fordert schließlich auf Deutsch den »totalen Einsatz«.

»Luxemburgisch ist dem Trierer Platt sehr ähnlich«

Die Mannschaft des CS Grevenmacher verfolgt die Ansprache aufmerksam. Die zwei Franzosen, sieben Luxemburger und sieben Deutschen warten geduldig auf Ansagen in ihrer Landessprache. »Der Sprachmix ist hier ganz normal«, sagt der deutsche Mittelfeldspieler Eric Wolff. »Luxemburgisch ist dem Trierer Platt sehr ähnlich, und die wichtigsten französischen Vokabeln haben wir auch drauf.« Wolff, der als Beamter der Stadt Trier wie alle seine Kameraden den Fußball als Hobby betreibt, ist einer von insgesamt elf Deutschen beim CS Grevenmacher – so viele wie bei keinem anderen Erstligisten im Ausland. Im Moseltal gibt es nicht nur keine Sprachbarriere, auch die nationalen Grenzen nehmen die Leute kaum wahr. Für die Einwohner des Winzerstädtchens Grevenmacher ist Trier der erste Anlaufpunkt für Kultur und Konsum, während viele Deutsche zur Arbeit nach Luxemburg pendeln – so auch im Fußball. Gäbe es in der 1. Liga des Großherzogtums nicht die Regel, dass mindestens sieben Luxemburger auf dem Spielberichtsbogen stehen müssen, fänden sich wohl noch mehr Deutsche in Grevenmachers 16er-Kader für das Match gegen Ettelbrück.

Für den ambitionierten CSG steht im Duell mit dem Tabellennachbarn viel auf dem Spiel. Der Verein kämpft in Luxemburgs National Division um den zweiten oder dritten Rang, die Qualifikationsplätze für den UEFA-Cup und den UI-Cup – an der Tabellenspitze ist der Serienmeister F91 Düdelingen uneinholbar enteilt. Nachdem Grevenmacher in der vergangenen Saison die internationalen Plätze verpasst hat, steht die Mannschaft nun unter Druck, zumal der Klub im kommenden Jahr sein hundertjähriges Bestehen feiert. Zu diesem Anlass würde ein Sensationserfolg in der ersten Runde des Europapokals natürlich perfekt passen. Bisher hat der CSG in elf Versuchen noch nie die zweite Runde erreicht, trotzdem ist der Verein auf die Spiele im Europapokal so stolz wie die Luxemburger auf ihre niedrigen Steuersätze. Auf der klubeigenen Internetseite prangt der Hinweis auf die internationalen Abenteuer denn auch an prominenter Stelle. Die Aufzählung ist beeindruckend: Champions League 2003, Pokal der Pokalsieger 1995 und ’98, UEFA-Cup 1994, ’96, ’97, 2000, ’01 und ’02, UI-Cup 2004 und ’06. Von einer solch regelmäßigen Teilnahme am Europapokal können die meisten Klubs in der Bundesliga nur träumen. Es ist eine Tradition, die verpflichtet.

Wenige Stunden vor dem wichtigen Spiel gegen Ettelbrück strotzt Jacques Plumer vor Zuversicht. Er hat zum Interview in sein stattliches Haus geladen, will die Besonderheiten, Risiken und Nebenwirkungen des luxemburgischen Fußballs erläutern und außerdem – wie sich im Gespräch herausstellen wird – auch die Vorzüge der lokalen Weine. Der 44-jährige Unternehmer, seit April 2007 Vereinspräsident in Grevenmacher, ist ein Pragmatiker. Einsatz und Ertrag müssen für ihn auch beim CSG stimmen. Also schenkt er ein Glas luxemburgischen Crémant ein und rechnet vor: »Jeder Klub, der im Europacup antritt, erhält von der UEFA 80?000 Euro. Das ist mal eben ein Viertel unseres Jahresbudgets.«

Lieber Beamter als Fußballstar


Momentan ist es um den Volkssport Nummer Eins des Kleinstaates nicht gut bestellt. Neben Jeff Strasser, der in Frankreich beim FC Metz spielt, gibt es nur noch einen weiteren Auslandsprofi, Mario Mutsch beim Schweizer FC Aarau. Auch daher rührt die niederschmetternde Erfolglosigkeit der Nationalmannschaft. »Uns fehlt das Zugpferd, um die Leute wieder für den Fußball zu begeistern«, sagt Plumer und holt nun einen luxemburgischen Riesling aus dem Kühlschrank. Er kennt noch einen weiteren Grund für den Mangel an herausragendem Nachwuchs: »Den Luxemburgern geht es so gut, dass eine Sportlerkarriere und der damit verbundene soziale Aufstieg für die meisten gar keinen Anreiz bieten. Sie werden lieber Beamte, denn unser Staat zahlt mit 4000 Euro im Monat die höchsten Beamtenlöhne der Welt.« Die deutschen Spieler sind für den CS Grevenmacher vor allem deshalb interessant, weil man genau weiß, was man an ihnen hat. »Es ist seltsam, wie die Klischees stimmen«, findet Plumer, »aber auf die Deutschen kann man sich immer verlassen, während die Luxemburger oft zum Schlendrian neigen.« Dann plötzlich springt er auf: »Aber im Moment interessiere ich mich eher dafür, welchen Rotwein wir jetzt trinken werden.«

Später schaut auch noch Trainer Claude Osweiler im Haus des Präsidenten vorbei. Seit Saisonbeginn betreut er das Team und ist damit seit langem mal wieder ein luxemburgischer Coach bei Grevenmacher. Auch Osweiler lobt die Kicker von jenseits der Grenze über den grünen Klee: »Sie haben die Verbissenheit, die Franzosen und Luxemburgern fehlt. Außerdem sind sie taktisch gut geschult und man muss nicht ständig mit ihnen diskutieren.« Trotz der warmen Worte, ein Einbürgerungsangebot hat bislang keiner der Legionäre erhalten. Luxemburger zu werden ist ziemlich kompliziert, man muss erst fünf Jahre dort wohnen, um überhaupt eine Chance zu bekommen. Für Tobias Lorig wäre Luxemburgs Nationalelf ohnehin keine Option. »Ich muss mich doch für Jogi Löw bereit halten«, sagt der 1,96 Meter große Verteidiger und grinst über das ganze Gesicht. Den deutschen Fußballern geht es beim CS Grevenmacher wirklich sehr gut.

»Es gibt hier in der Region kaum eine Fußballadresse, die so attraktiv ist«, findet auch der 25-jährige Stürmer Fatih Sözen. Seit Eintracht Trier vor zwei Jahren in die Oberliga abgestiegen ist und dort weitgehend ambitionslos herum dümpelt, reizt nicht mal mehr der ehemalige Zweitligist. Den deutschen Gastarbeitern, die alle in Trier und Umgebung wohnen, fallen daher viele gute Gründe ein, für den CSG aufzulaufen. »Mit dem Auto ist man in 15 Minuten beim Vereinsgelände«, sagt Kapitän Volker Schmitt, der noch unter Paul Linz bei der Eintracht gespielt hat, »und auch zu Auswärtsspielen sind wir nicht lange unterwegs. In Luxemburg erreicht man doch alles in einer halben Stunde.«

Glaubt man dem 27-jährigen Lorig, spielt sogar der finanzielle Aspekt eine gewisse Rolle: »Früher sind die älteren Spieler der Eintracht erst zum Karriereausklang nach Luxemburg gewechselt. Mittlerweile ist die Liga für uns viel interessanter.« Der CSG zahlt seinen Spielern eine Aufwandsentschädigung, die auch Lorig, der beim Vertrieb der Lokalzeitung »Trierer Volksfreund« arbeitet, ein angenehmes Zubrot beschert. Dafür trainieren die Amateure viermal pro Woche abends unter Flutlicht. Den besten Grund für ein Engagement in Grevenmacher nennt jedoch Abwehrchef Christian Albrecht: »Natürlich die Chance auf den Europapokal.« Der 34-Jährige spielt seit acht Jahren für den Verein und ist damit der dienstälteste Deutsche im Kader. Er war beim größten Erfolg der Klubgeschichte dabei, dem Gewinn des Doubles 2003, und kann seinen Mitspielern von insgesamt sechs Europacup-Reisen vorschwärmen: »Wenn sich einmal im Jahr der ganze Tross für vier Tage aufmacht, ist das schon ein besonderes Erlebnis.«

Ob das den Spielern auch im nächsten Jahr vergönnt sein wird, steht derzeit noch in den Sternen. Etwas mehr als 500 Zuschauer sehen an einem sonnigen Februartag die vorentscheidende Partie gegen Ettelbrück. Der blaue Himmel veredelt den romantischen Blick vom Stadion »Op Flohr« auf die Weinberge am gegenüberliegenden Moselufer zusätzlich. »Auf der Flur« bedeutet der Stadionname auf Deutsch, denn bevor 1985 der Fußballplatz und die überdachte Haupttribüne gebaut wurden, gab es auf der Anhöhe nur Ackerland. Mittlerweile umgeben gutbürgerliche Wohnhäuser das Stadion in Grevenmacher. Im Großherzogtum Luxemburg leben die Menschen mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt (64?000 Euro), und die protzigen Neuwagen der Zuschauer, die großen Sonnenbrillen der Frauen und der feine Sonntagszwirn der Männer unterstreicht auch im »Op Flohr« den beinahe flächendeckenden Wohlstand der Luxemburger.

CSG-Anhänger mit einem Fanschal in den blauen Vereinsfarben kann man dagegen an einer Hand abzählen. Lediglich zwei kleine Jungs tragen Trikots, allerdings von Bayern München. Für viele Zuschauer scheint das Fußballspiel sowieso nur ein willkommener Anlass zu sein, sich mal wieder im Ort zu zeigen und miteinander zu plauschen. Mütter schieben ihre Kinderwagen um den Platz, edle Hunde stolzieren samt Herrchen an der Tribüne vorbei, ein Junge buddelt in der Kugelstoßgrube hinter dem Tor. Dafür strömen um so mehr Besucher zur Imbissbude und folgen brav einem Banner, auf dem der Verein alle Gäste auffordert: »Kauft bei unseren Sponsoren.« Nur die Frau am Fanartikelstand hat gar nichts zu tun. Für die wenigen Schals, Polohemden und Pins, die sorgfältig auf einem kleinen Tisch ausgebreitet sind, interessiert sich niemand.

Stadionsprecher und Vizepräsident Guy Fusenig, der als Regierungskommissar für Sport und Erziehung in der Hauptstadt Luxemburg arbeitet, wünscht allen »ein flottes Match«. Beim Gegner aus Ettelbrück steht für luxemburgische Verhältnisse ein kleiner Fußballheld auf dem Platz: Alphonse »Fons« Leweck. Im Großherzogtum ist der Mittelfeldspieler ein Star, seit er beim letzten Sieg der Nationalmannschaft im Herbst 2007 gegen Weißrussland das entscheidende 1:0 schoss – in der 94. Minute. Das bescherte ihm einen beachtlichen fünfzeiligen Wikipedia-Eintrag, inklusive eines Fotos mit Bierflasche, und Luxemburg einen historischen Erfolg. Denn bis zu diesem Tag musste das stolze Land eine zwölfjährige Leidenszeit ohne einen einzigen Sieg ertragen.

Gegen Grevenmacher fällt Leweck aber nur durch seine orange leuchtenden Schuhe auf. Auch die Mannschaft des CSG erfüllt so gar nicht die Vorgaben ihres Trainers. Claude Osweiler läuft zeternd die Seitenlinie rauf und runter, ein Großteil des Publikums regt sich dagegen selbst über den plötzlichen 0:1-Rückstand nicht auf. Einige Zuschauer kommen ohnehin erst kurz vor der Halbzeit vorbei, andere verlassen das Stadion da bereits wieder, weil es nur ein Zwischenstopp auf ihrem Sonntagsspaziergang war. Die meisten halten sich 90 Minuten in der Nähe des Imbisshäuschens auf. Die Männer trinken Bofferding, ein Luxemburger Flaschenbier, die Frauen stoßen mit Sekt an. Es gibt belgische Schokolade und, trotz aller Extravaganzen, auch das Grundnahrungsmittel deutscher Stadionbesucher: Bratwurst vom Grill.

Die Aufholjagd von Osweilers Mannschaft bleibt erfolglos. Der CSG verliert 0:1 und damit den Anschluss an die internationalen Plätze. Auf der Tribüne steht wie versteinert Jacques Plumer. »Die Saison ist für uns gelaufen«, murmelt der enttäuschte Vereinspräsident und starrt mit verkniffenem Gesicht auf den ramponierten Rasen. »Diese Leistung ist nicht akzeptabel, das wird Konsequenzen haben.« Was immer diese Konsequenzen sein mögen, die deutschen Grenzgänger wird sie kaum betreffen. In Grevenmacher wird auch nach dieser Enttäuschung das Leben weitergehen. Eine Flasche leckerer Crément wird die Sache schon richten.


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