Deutsche Fans im Libanon

»Wir haben gewonnen!«

Seit die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr durch die Turniere rumpelt, hat sie überall auf der Welt ihre Fans. Unter anderem in Beirut, der Hauptstadt des Libanon. Ein Erlebnisbericht vom Klassiker Deutschland gegen Holland.

Wenn die deutsche Nationalmannschaft spielt, werden wir plötzlich alle Deutschland, sind alle ein großes Wir. Aber wer hat eigentlich Anrecht, auf dieses Wir? Ist das ein Exklusivrecht eines Landes oder haben auch Menschen anderer Länder ein Anrecht auf das deutsche Fußball-Wir? Im Libanon ist die Antwort auf die Frage eindeutig. Hunderttausende Deutschlandfans hofften gestern auf einen Sieg von »Uns« und jubelten nach dem Sieg »Wir haben gewonnen!«. Aber woher kommt die Fußballbegeisterung in dem kleinen Mittelmeeranrainer? 

Die Menschen dort haben eines gemeinsam: Ihr Land gehört weder zu Europa, noch schaffte es ihr Nationalteam bislang bis zur WM. Auf guten Fußball will man dort aber trotzdem nicht verzichten. So haben sich die Menschen am Mittelmeer eben andere Länder gesucht, andere Teams, denen sie ihr Herz geschenkt haben. »Der libanesische Fan ist ein Patriot ohne Heimat, er hat seine Fußballliebe einfach einem anderen Verein geschenkt«, beschreibt Nationaltrainer Theo Bücker die Situation kurz und knapp.

Rivalität zwischen Deutschland und Spanien

Michel Ghanem ist einer von ihnen. Der 23-Jährige ist seit zehn Jahren Deutschland-Fan. »Es war die WM 2002. Ich war unglaublich fasziniert von der Mannschaft, vor allem von dem charismatischen Oliver Kahn.« Solange Kahn Torwart der Nationalmannschaft war, trug Michel das Trikot von Kahn. Nun steht stolz Schweinsteiger auf seinem Rücken. »Ich gucke so gut wie jedes Spiel der Nationalmannschaft. Die Entscheidungsspiele in Bars, den Rest schaue ich mit Freunden zu Hause.« Mit diesen Freunden hat er auf Facebook die Gruppe »German Football Fans (Lebanon) – die Nationalmannschaft« gegründet. Noch ist die Gruppe mit 189 Fans recht beschaulich. In Zukunft sollen sich hier aber alle Deutschlandfans im Libanon in dieser Gruppe sammeln.

Im Libanon ist es ähnlich, wie in Europa: die Anhänger von Holland und Deutschland mögen sich auch hier nicht besonders, Spiele gegeneinander haben einen besonderen Reiz. Dennoch, die größte Rivalität gibt es im Libanon während der WM zwischen Deutschland und Brasilien, während der EM zwischen Deutschland und Spanien. »Neunzig Prozent der Deutschlandfans im Libanon sind zwischen 17-25 Jahre alt. Die Rivalität basiert also auf den letzten entscheidenden Spielen, die wir verloren haben«, sagt Michael Ghanem.

Von Beirut nach München

Für diese EM hat sich die libanesische Hauptstadt wieder rausgeputzt. Um die Begeisterung für die EM auszudrücken, muss es etwas mehr sein. In den Häuserschluchten der libanesischen Hauptstadt Beirut wehen riesengroße Flaggen. Dimensionen mit denen man in Deutschland leicht die Antifa auf den Plan rufen könnte. Die EM 2012 ist gerade in diesem Jahr eine willkommene Ablenkung von den Krisenmeldungen der Region. Die Situation im Nachbarland Syrien entwickelt sich immer weiter zum Bürgerkrieg, samt Massakern und ungewissen Ausgang. Nicht zu Unrecht fürchten Experten, dass die Kampfhandlungen auf das kleine, bürgerkriegserfahrene Nachbarland überspringen könnten. Zu gespalten zeigt sich der Libanon in politisch wie religiöser Hinsicht. Und beim Fußball? Auch da sind sich die Libanesen nicht einig. Allerdings verlaufen hier die Konfliktlinien nicht entlang von Parteien und Konfession. Sie laufen entlang von Familien. Ob Deutschland, Italien, Frankreich oder Spanien, ist im Libanon eine rein persönliche Entscheidung.

Der Libanese wirkt patriotischer als die meisten Deutschen

George Saad hat sich auch für Deutschland entschieden. Er guckt alle Spiele auswärts, in seiner Stammkneipe in Monot. Jedes Spiel hat der 29-Jährige in den vergangenen Jahren gesehen, ansonsten ist er Fan von Bayern München. Aber darüber mag er nicht sprechen, zu sehr schmerzt noch die Niederlage gegen Chelsea. 2006 ist er nach Deutschland gefahren und hat zwei Spiele seiner Mannschaft im Stadion gesehen. Wenn er davon erzählt, wirkt er patriotischer als die meisten Deutschen.

Ein paar Straßen weiter, im Greedy Goose, scheinen sich heute alle Hollandfans des Landes versammelt zu haben. Damen haben sich einheitlich ansehnliche orangefarbene Kleider gekauft. Sportkleidung und Gesichtsbemalung Fehlanzeige, die Frauen setzen auf schick – Hauptsache Orange. Geholfen hat es nichts. Auch wenn die Deutschenlandfans hier in der Unterzahl waren, am Ende waren sie die lauteren. Und was gibt es Schöneres, als in einem orangefarbenen Meer 2:1 gegen Holland zu siegen? Ach ja: Spanien im Finale zu überwinden.

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