12.01.2013

Der wundersame Aufsichtsrat des Hamburger SV

Jahrmarkt der Eitelkeiten

Seite 4/5: Die Aufsuchtsräte versicherten an Eides statt, nichts ausgeplaudert zu haben
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Der langjährige Ratsboss Udo Bandow sitzt in seinem kleinen Büro unweit des Rathausmarktes und nippt an einer Cola. Bandow ist heute über achtzig, was seiner hanseatischen Aura eher zuträglich ist. Aber auch er ist nicht davor gefeit, Spieler als »Versager« zu klassifizieren. Schon Ende der Neunziger ließ er in seiner Funktion sämtliche Aufsichtsräte eidesstattliche Versicherungen abgeben, dass nicht sie für Indiskretionen verantwortlich waren, die aus dem Rat nach außen gedrungen sein mussten. Alle unterschrieben – doch die Information war in der Welt. Als Bandow mit Oliver Bierhoff als Nachfolger für den geschassten Sportdirektor Holger Hieronymus verhandelte, war das Gespräch kaum beendet, als bereits die erste Meldung dazu erschien.

Wirtschaftskapitäne und Honoratioren in den besten Jahren unterziehen sich eben keinem Mediencoaching, wenn sie Aufsichtsratsposten übernehmen. Oft spielt auch die Unerfahrenheit eine Rolle, die vermeintliche Indiskretionen begünstigt. Ein Informationskrümel kann in so einem Ausschuss schnell Fahrt aufnehmen. Einfach, indem sich jeder zur Richtigstellung bemüßigt fühlt und es immer zwölf potentielle Mitwisser gibt. Der Journalist fragt: »Ihr wollt grüne Äpfel kaufen?« Der Befragte antwortet: »Wer sagt das? Die Äpfel sollen doch rot sein.« Und mit jedem weiteren Gespräch wird das Gerücht mehr zur Nachricht.

»Alle Aufsichtsräte eint eine gehörige Portion Eitelkeit«, sagt ein langjähriges Mitglied. Der Platz im VIP-Bereich, das Fachsimpeln und Mitredendürfen – neben den zähen Sachfragen, mit denen sich der Ausschuss in seinen Sitzungen beschäftigen muss, ist gerade der Stammtischtalk über Fußball ein wichtiger Grund, hier dabei zu sein. Es ist sogar schon vorgekommen, dass der Aufsichtsrat vom Sportvorstand das Erscheinen des Stammtorwarts verlangte, weil dessen Abschläge einigen Räten viel zu oft ins Seitenaus gingen.

Jürgen Klopps schluffige Drei-Tage-Bart-Optik passte nicht ins Anforderungsprofil

Nicht nur an der fehlgeschlagenen Verpflichtung von Matthias Sammer trägt das vermeintliche Kontrollorgan eine Mitschuld, auch den Transfer von Jürgen Klopp aus Mainz zum HSV 2008 half der Rat zu unterbinden. Udo Bandow macht keinen Hehl daraus, dass aus seiner Perspektive ein HSV-Trainer ein dem Renommee des Klubs angemessenes Auftreten haben müsse. Was immer das bedeutet. Klopps schluffige Drei-Tage-Bart-Optik passte jedenfalls nicht ins Anforderungsprofil, so dass der Ausschuss den damaligen Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer unterstützte, der Fred Rutten als neuen Trainer favorisierte. Der HSV ließ Klopp nochmals beim Training von einem Scout beobachten, der letztlich bestätigte, dass Jürgen Klopp tatsächlich so aussieht, wie er nun mal aussieht. Als der Trainer davon Wind bekam, sagte er von sich aus ab.

Die Meinungen über den Sinn des Aufsichtsrats driften auch wegen solcher Aktionen zunehmend auseinander. Während viele »Realos« im Klub eine Verkleinerung befürworten, um die Indiskretionen einzudämmen, gibt es Stimmen im Führungszirkel, die ganz für die Abschaffung des geschwätzigen Ausschusses plädieren. Jürgen Hunke steht mit seiner Meinung ganz woanders: Er kann sich vorstellen, den Rat auf 15 Personen auszubauen und dann alle Entscheidungen in einfacher Mehrheit durchzubringen. Die ursprüngliche Idee, ein »Who is Who« der hanseatischen High Society zu versammeln, hält er für gescheitert. Hunke sagt: »Wir brauchen keine großen Namen, was wir brauchen, ist Vertrauen!«

 
 
 
 
 
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