12.01.2013

Der wundersame Aufsichtsrat des Hamburger SV

Jahrmarkt der Eitelkeiten

Seite 3/5: Mitglieder kloppten sich verbal wie die Kesselflicker
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Viele, die dabei waren, loben die konstruktive Streitkultur der ersten Jahre. Die Mitglieder kloppten sich verbal auch wie die Kesselflicker, aber es wurde stets hanseatisch maßgehalten: Und wenn es gut war, beendete meist der Vorsitzende Bandow die Diskussion, indem er sein Hörgerät abstellte und zur Abstimmung bat. Auch Dagmar Berghoff, die als Fernsehfrau kritisch beäugt wurde, machte eine gute Figur. Sie war zwar übermäßiger Fußballkompetenz unverdächtig und rauchte während der Sitzungen wie ein Schlot, war aber exzellent vorbereitet und ein ruhender Pol. In Anwesenheit der kühlen TV-Dame nahmen die Alphatiere in Diskussionen immer wieder den Fuß vom Gas.

Berghoff genoss den strategischen Vorteil, dass sie bereits als öffentliche Person ins Gremium gewählt wurde. Ihre Popularität als ARD-Anchorfrau konnte selbst der HSV nicht steigern. Ihre männlichen Kollegen hingegen mussten sich erst in die neue Rolle einfinden. Der langjährige Ratsvorsitzende Udo Bandow stellte verwundert fest, dass sein Bekanntheitsgrad in Hamburg durch das Ehrenamt beim Erstligisten aus dem einstelligen Bereich plötzlich weit über die 50-Prozent-Marke schnellte. Als das erste Mal sein Name in der »Bild«-Zeitung in negativem Zusammenhang mit dem Klub auftauchte, stammelte seine Frau fassungslos: »Das kannst du nicht zulassen!« Als Bandow sich beim Sportchef der Boulevardzeitung daraufhin beschwerte, sagte der cool: »Hör auf mit deiner Larmoyanz. Du wusstest doch, worauf du dich einlässt.«

Eben noch Randfigur der High Society, jetzt schon bekannter Fußballexperte

Doch in der Überhöhung des Fußballs durch die öffentliche Meinung liegt in erfolgreichen Zeiten natürlich auch eine Versuchung. Früher oder später unterlagen fast alle Ausschussmitglieder dem Trugschluss, dass mit ihrer Wahl zum HSV-Aufsichtsrat auch der Ritterschlag zum Fußballexperten erfolgt sei. Eben noch unscheinbare Randfiguren der Hamburger Hautevolee, palaverten sie nun in Sitzungen auf Augenhöhe mit Vorständen wie Uwe Seeler, später Holger Hieronymus, Didi Beiersdorfer bis hin zu Frank Arnesen über Spielerpersonalien und Taktik. Die Verpflichtung von Daniel van Buyten etwa wurde zur Grundsatzdiskussion – obwohl solche Entscheidungen des Sportvorstands an und für sich nur abzunicken waren. Der ehemalige Profi Sergej Barbarez, der zwischenzeitlich mit im Rat saß, stellte seinen Posten bald wieder zur Verfügung. Mit seinem Know-how fühlte er sich in den hitzigen Sitzungen bei so viel Tresentalk doch ziemlich fehl am Platze.

Viele derer, die eigentlich Reputation in den Klub tragen sollten, nutzten ihren Posten längst dafür, um Reputation herauszuziehen. Jürgen Hunke als Mahner des Gremiums hat schon manchen honorigen Kollegen angefahren, wenn er mitbekam, wie dieser erst zu Beginn der Sitzung den Umschlag mit den Tagesordnungspunkten aufriss, obwohl der schon Wochen vorher per Post zugestellt worden war.

»Die meisten Aufsichtsräte reden den gleichen Quark wie die Fans in der Kneipe«, sagt ein langjähriger Vorstand. Und einige umkreisen mitunter wie Motten das mediale Licht. Dieter Matz, Reporter beim »Hamburger Abendblatt«, bestätigt, dass er ab und an Informationen von Räten gesteckt kriegt – auch ohne vorher nachzufragen. Die Boulevardmedien bedanken sich für derlei Hinweise dann, indem sie in Splittermeldungen dem einen oder anderen Stichwortgeber zum Geburtstag gratulieren oder ihn vor Neuwahlen ins rechte Licht rücken.

 
 
 
 
 
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