12.01.2013

Der wundersame Aufsichtsrat des Hamburger SV

Jahrmarkt der Eitelkeiten

Seite 2/5: Jedes Mitglied glaubt, am allerbesten zu wissen, was wichtig für den Verein ist
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Vieles macht den Eindruck, als ginge es nicht darum, eine einheitliche Linie im Interesse des HSV zu finden, sondern die Interessen der jeweiligen Lobby zu befriedigen. Das Wahlvolk setzt sich in dem mitgliederbestimmten Verein – dem letzten seiner Art in der Bundesliga – aus einer Vielzahl von Interessengruppen zusammen: von den fundamentalistischen Mitgliedern über die gemäßigten »Realos« bis hin zu alteingesessenen Vereinsmeiern und dem Seniorenrat.

Der Wahlkampf wird auch über die Medien ausgetragen. Acht Aufsichtsräte werden durch die Mitgliederversammlung bestimmt. Dazu kommen je ein Delegierter der Fördernden Mitglieder, der Amateurabteilungen, der Gemeinschaft der Senioren und des Hamburger Sport-Vereins Ochsenzoll-Norderstedt e.V. Meinungsvielfalt ist also vorprogrammiert. Und jedes Mitglied glaubt – so wie Jürgen Hunke – am allerbesten zu wissen, was gut für den Verein ist.

Welche abstrusen Folgen das haben kann, bewies zuletzt die Suche nach einem Sportdirektor. Die Bestellung des Vorstandes, dem der Sportchef angehört, obliegt laut Satzung dem Aufsichtsrat. Seit Juni 2009 war der Verein unter Zugzwang, einen Nachfolger für Didi Beiersdorfer zu präsentieren. Zu lange schon hatte der fußballferne Präsident Bernd Hoffmann ohne klare Strategie an einer sportlichen Vision gewerkelt. Bis zu sieben Kandidaten sollen in der engeren Auswahl für diesen Posten gewesen sein: Anwärter wie Nürnbergs Martin Bader und Spielerberater Roman Grill scheiterten angeblich am Veto des Aufsichtsrats, DFB-Chefscout Urs Siegenthaler musste sich dem Einspruch des DFB beugen, Bastian Reinhardt war eher eine interne Notlösung.

Theater von ohnsorgschen Ausmaßen um Matthias Sammer

Umso mehr sehnte die Hansestadt die Ankunft des neuen Topkandidaten Matthias Sammer herbei. Und so trafen sich eines Morgens im Januar 2011 acht Aufsichtsräte mit ihren Butterbrotdosen im Gepäck, um in einem Kleinbus zum Hannoveraner Flughafen zu fahren und den designierten Manager zu begutachten, der dort mit seinem Anwalt, dem früheren BVB-Präsidenten Gerd Niebaum, auf die HSV-Abordnung wartete. Wie ein seltenes Tier nahmen selbsternannte Fußballexperten wie der steinreiche Unternehmer Alexander Otto, Schauspieler Marek Erhardt, Jürgen Hunke oder Journalist Manfred Ertel den Europameister von 1996 in Augenschein. Über den genauen Ablauf des Gesprächs gibt es unterschiedliche Versionen. Jedenfalls kehrten die Räte in der Überzeugung an die Elbe zurück, Sammer hätte zugesagt. Obwohl keine Unterschrift erfolgt war, wurde die Neubesetzung der Schlüsselposition noch am Abend verkündet. Das Gremium war so beglückt über das Happy End in dieser Episode, dass es das Wasser nicht länger halten konnte. Das Ende vom Lied: Sammer sagte ab. Es schossen Gerüchte ins Kraut, dass Uli Hoeneß aufgeschreckt durch die Bekanntgabe bei Sammer durchgeklingelt habe, um ihn in letzter Sekunde von seiner Entscheidung abzubringen. Dem HSV-Rat fällt es offenbar leichter, eine Niederlage gegen den FC Bayern einzugestehen, als selbst die Verantwortung für dieses Theater von ohnsorgschen Ausmaßen zu übernehmen. Die Berufung von Frank Arnesen im Mai 2011, den einige im Aufsichtsrat hinter vorgehaltener Hand inzwischen längst wieder als Fehlbesetzung klassifizieren, war nach dieser Posse wohl eher der Versuch, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, als ein echtes Zeichen von Führungskompetenz.

Als der Rat 1996 ins Leben gerufen wurde, ging es darum, den verschuldeten HSV zurück auf Kurs zu bringen. Damals hatte der DFB den Profiklubs die Gründung von Aufsichtsräten empfohlen, um Kapriolen wie auf Schalke oder in Frankfurt zu verhindern, wo auf alkoholschwangeren Versammlungen schon mal die komplette Vereinspolitik über den Haufen geworfen wurde. Der Aufsichtsrat sollte dem HSV, der nie die Auslagerung seiner Lizenzabteilung vollzogen hat, in prosperierenden Zeiten ein Stück weit Seriosität verleihen. Das Gremium sollte ein Beitrag zur Professionalisierung des Fußballs sein, und am Anfang schmückten viele illustre Persönlichkeiten den HSV-Zwölferrat. Tagesschau-Sprecherin Dagmar Berghoff zählte neben HSV-Legende Jürgen Werner und dem Börsenpräsidenten Udo Bandow zu den Gründungsmitgliedern.

 
 
 
 
 
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