16.06.2014

Der Weltfußballer gegen die deutsche Abwehr

Wo ist Cristiano?

Auf Jerome Boateng wartet heute wieder einmal eine besondere Herausforderung. Gegen Portugal kommt es darauf an, dass Cristiano Ronaldo nicht ins Tempo kommt oder - noch besser – gar nicht erst an den Ball.

Text:
Stefan Hermanns
Bild:
imago

Mit der Wahrnehmung von Cristiano Ronaldo ist das so eine Sache. Die einen sehen ihn gar nicht, die anderen offensichtlich gleich doppelt. Mitte der vorigen Woche herrschte mal wieder große Aufregung rund um die portugiesische Nationalmannschaft. Ronaldo, der Superstar des Teams, hatte das Training vorzeitig abbrechen müssen, mit schmerzverzerrtem Gesicht und einem Eisbeutel auf dem lädierten linken Knie verließ er den Platz. Später stellte sich heraus, dass es sich offensichtlich um den zweiten, den anderen Cristiano Ronaldo gehandelt haben muss. Der richtige hatte die Trainingseinheit ganz normal beendet.

Joachim Löw, der Bundestrainer, macht sich keine Sorgen, dass seine Spieler Cristiano doppelt sehen, wenn sie heute in Salvador de Bahia auf Portugal treffen. Im Gegenteil. »Er schleicht sich ein bisschen in den Rücken der Gegenspieler«, sagt Löw, »in den toten Winkel. Man sieht ihn nicht.«

Schon vor zwei Jahren, bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, war Portugal erster Gruppengegner der deutschen Nationalmannschaft, und man hat gerade das Gefühl, in eine Art Zeitschleife geraten zu sein. Die Einschätzungen zu den Portugiesen im Allgemeinen und Cristiano Ronaldo im Besonderen wiederholen sich: Portugal sei ein Gegner auf Augenhöhe, man spiele nicht gegen Ronaldo alleine, man könne ihn nur als Team erfolgreich in Schach halten, und trotzdem müsse man natürlich jederzeit höllisch auf ihn aufpassen.

Die Deutschen mussten in dieser Saison unter Ronaldo leiden

Man kann die Aufregung sehr gut verstehen. Ronaldo ist das derzeit unwiderstehlichste Phänomen des Weltfußballs. Seitdem er 2009 von Manchester United zu Real Madrid gewechselt ist, hat er in 246 Pflichtspielen 252 Tore für seinen Klub erzielt. Und gerade die Deutschen haben in dieser Saison unter dem Portugiesen leiden müssen. In fünf Champions-League-Spielen gegen Schalke, Dortmund und Bayern traf er sieben Mal.

Man kann die ganze Aufregung auch für ziemlich übertrieben halten. Seit 2006 ist die Nationalmannschaft drei Mal auf Portugal getroffen, jedes Mal hat sie die Angelegenheit für sich entschieden: 2006 im Spiel um Platz drei (3:1), 2008 im Viertelfinale (3:2) und 2012 in der Vorrunde (1:0). Was fast noch wichtiger ist: Cristiano Ronaldo hat in keinem dieser drei Aufeinandertreffen ein Tor erzielt. »Wir spielen nicht Deutschland gegen Cristiano Ronaldo, wir spielen Deutschland gegen Portugal«, sagt Verteidiger Benedikt Höwedes. Das ist richtig, aber auch nur die halbe Wahrheit. Das Spiel der Portugiesen ist derart auf Ronaldo fixiert, dass es die deutschen Chancen auf einen erfolgreichen Start in das WM-Turnier erheblich steigern würde, wenn es gelingt, den Weltfußballer aus dem Spiel zu nehmen.

 
 
 
 
 
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