Der Wandel der Sechser-Rolle

Vom Maurer zum Architekten

Der Wandel der Sechser-Rolle Guido Buchwald erlangte Kultstatus bei der Weltmeisterschaft 1990, als er den argentinischen Spielmacher Diego Maradona an die Kette nahm. Buchwald wurde in der Folge in Anspielung auf seine Leistung »Diego« gerufen. Eine Chance, sich in einem derart wichtigen WM-Spiel auszuzeichnen, wird Torsten Frings 20 Jahre später nicht erhalten. Nach der Sperre fürs Halbfinale 2006 macht ihm nun die Ausbootung Jogi Löws einen Strich durch die Rechnung.

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Doch Buchwald und Frings trennen nicht nur einige Jahre, auch das Verständnis, wie sie ihre Rolle als Sechser zu interpretieren haben, ist ein anderes. Der Mann vor der Abwehr ist nunmehr nicht allein der Terrier, der das Offensivspiel des Gegners zum Erliegen bringen soll. Vielmehr gehört zu den Tugenden eines defensiven Mittelfeldspielers in heutiger Zeit die Variabilität. Ein Spieler auf dieser Position muss neben der Zweikampfstärke und dem Abfangen des Balles die Initiative im Spiel nach vorne beherrschen.

Das erweiterte Anforderungsprofil hängt auch mit der Abfuhr für Torsten Frings zusammen. Die Sechs einer Mannschaft ist pausenlos aktiviert, in einem Umfang, wie es bei keinem anderen Spieler auf dem Feld der Fall ist. Dies erfordert ein hohes Maß an Athletik, Kondition und Kraft. Christoph Biermann, 11FREUNDE-Taktikkenner, sagt: »Frings hat nicht mehr die Dynamik, die ihn früher ausgezeichnet hat.« Bundestrainer Löw begründete seine Entscheidung, auf Frings zu verzichten, mit fehlender körperlicher Belastbarkeit.

Auch Hitzlsperger fehlt die frühere Stärke

Und so steckt Frings in der gleichen Problemzone wie sein einstiger Konkurrent um den Posten in der Nationalmannschaft: Thomas Hitzlsperger. Zwar unterscheidet sich Hitzlspergers Interpretation der Sechser-Rolle, doch auch er hat einen Formabfall zu beklagen. Frühere Zweikampfstärke und Passgenauigkeit sind Hitzlsperger abhanden gekommen.

»The Hammer«, wie er genannt wurde, war lange Zeit bekannt und von Löw gelobt für seinen enormen Ehrgeiz, auch Extraschichten zu leisten. Nach normalen Trainingseinheiten klemmte er sich hinter Fitnessgeräte, lief bei Ausdauertests vorneweg. Fehlende Kraft im Zuge vieler Einsätze in Nationalmannschaft und Europapokal kostete dann Konzentration und bedingte so viele Abspielfehler. Das Ende vom Lied: Hitzlsperger fand sich ohne Kapitänsbinde auf der Bank wieder.

Essien als Paradebeispiel

»Die Vereine sind auf der Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau«, meint Christoph Biermann bei der Beschreibung des heutigen Typus Sechser. Denn allein die angesprochene Athletik, um jede Situation auf dem Feld beherrschen zu können, reicht nicht mehr aus. Der defensive Mittelfeldspieler wird vom Maurer, der sein solides Handwerk beherrscht, zum Architekten des Offensivspiels. Paradebeispiele finden sich in Michael Essien vom FC Chelsea und Xabi Alonso von Real Madrid. Ihre Mannschaften verlangen ballsicheres und schnelles Spiel nach vorne, die Spieler vor der Abwehr bilden dafür die Scharnierstelle.

Louis van Gaal sagte vor kurzem, er achte bei einem Tor nicht als Erstes darauf, wer das Tor geschossen oder vorgelegt hatte, sondern auf die »Vorlage für die Vorlage«. Bei genauerer Betrachtung dieser Leistung fällt auf, dass sich hierbei vor allem die defensiven Mittelfeldspieler auszeichnen. Die gesteigerte Bedeutung dieser Position wird noch dadurch unterstrichen, dass es fast keine erfolgreiche Mannschaft gab, die nicht auch die Rolle vor der Abwehr mit einem herausragenden Spieler besetzte. Rudi Assauer lobte, ohne Jiri Nemec wären die Erfolge des FC Schalke wie der UEFA-Cup-Sieg 1997 nicht möglich gewesen. Gleiches bemerken viele Dortmunder in Bezug auf Paulo Sousa, der maßgeblich am Champions League-Triumph des BVB beteiligt war. Die Lobeshymnen auf Zvonimir Soldo beim VfB Stuttgart sind allseits bekannt.

»Doppel-Sechs« und alleinige Rolle vor der Abwehr

Nemec und Sousa standen in ihrer öffentlichen Wahrnehmung hinter zwei Liberos zurück. Matthias Sammer und Olaf Thon interpretierten ihre Position als Libero vor der Abwehr, der defensive Mittelfeldspieler hielt ihnen den Rücken frei. Dabei wird das Los des Sechsers deutlich: Alles machen, für alles sorgen, unersetzbar sein und doch nicht für jeden auffällig sein.

Fabian Ernst beispielsweise wurde in einer früheren 11FREUNDE-Ausgabe mit einem »Basspieler« verglichen. Ernst agierte in der Raute von Bremens Meistermannschaft 2004, Krisztian Lisztes und Frank Baumann ergänzten ihn und sorgten für Ernsts Flexibilität. »Wenn du alleine vor der Abwehr spielst, hast du zu 95 Prozent nur defensive Aufgaben. Da muss man darauf achten, die Ordnung zu halten«, sagt Ernst, mittlerweile bei Besiktas Istanbul aktiv.

In der alleinigen Rolle vor der Abwehr schwächelte Ernst. Als ihm dann auf Schalke Jermaine Jones zur Seite gestellt wurde, brillierte er und wurde vom »kicker« prompt in die »Internationale Klasse« eingeordnet. Genau dies ist der Trend, den auch die deutsche Nationalmannschaft seit 2006 annahm: die Doppel-Sechs. Es ist in etwa eine Spiegelung der Hollywood-Detektivserien, wenn das alte Spiel »good cop, bad cop« losgeht. Einer fürs Grobe, einer fürs Feine. So war es bei Ballack und Frings.

Khedira als Hoffnungsträger

Doch nicht nur die Besetzung mit Frings scheint überholt, auch das System entwickelte sich weiter. Das Mittelfeld der Mannschaften könnte vergrößert werden durch hängende Spitzen und Außenstürmer in Ermangelung eines echten Stürmers. Dies erfasst das von Jürgen Klopp geprägte Wort »Tannenbaum-System«. Vier Abwehrspieler, drei davor, zwei hängende Spitzen, ein Stürmer.

Ein Wortmonstrum wie »Tannenbaum-System« reiht sich in die Riege der Trainer-Aussprüche wie »Dreiecke bilden« und »gegen den Ball arbeiten«. Alles umschreibt die Absicht der Trainer, in hohem Tempo zu verschieben und den Raum um den ballführenden Spieler zu verringern. Zentraler Motor darin wiederum: der defensive Mittelfeldspieler. Er muss das Tempo aufnehmen können, koordinieren und variabel sein. Einer, der das aus Sicht von Experten beherrscht, ist Stuttgarts Sami Khedira. »Er setzt die Anforderungen wunderbar um. Mittelfristig sehe ich ihn als einen möglichen Nachfolger von Michael Ballack«, so Biermann.

Auch Simon Rolfes spielte sich in Deutschland in den Vordergrund. Beide können sich Hoffnungen auf die WM machen. Torsten Frings wird nicht dabei sein. Und vielleicht wird man ihn irgendwann heranziehen, wenn man von alten Sechsern spricht. So wie bei Guido Buchwald.

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