Der vergessene Klub des Helmut Schön

DSC? Kein Begriff!

Zwanzig Jahre nach der Wende liegen viele Ostvereine am Boden. Die Auflösung der bürgerlichen Klubs und das Finanzchaos: Das hat auch dem Dresdner SC zugesetzt, obwohl er auf eine große Vergangenheit zurückblicken kann. Der vergessene Klub des Helmut Schönimago

Plötzlich sind sie wieder da: Fans, Presse, Politiker und der DFB. Zwischen der Hauptallee und dem Deutschen Hygiene Museum herrscht an diesem grauen Novembermorgen Freude, aber auch Wehmut. Ein großer Fußballer der Stadt Dresden soll geehrt werden. Der Mann, der an diesem Tag die Enthüllung des Straßenschildes »Helmut-Schön-Allee« vornimmt, heißt Matthias Sammer, selbst Dresdner und DFB-Sportdirektor.

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Der posthum geehrte Helmut Schön, der Europa- und Weltmeistertrainer, errang damals mit dem Dresdner SC zweimal die Deutsche Meisterschaft: »Vielleicht ist es ein Stück weit Aufklärung, denn Schön ist als Dresdner vielen Fans gar kein Begriff«, sagt Roy Helbig, Stadionsprecher und lebendes DSC-Lexikon. Spricht Helbig über seinen Klub, dann hört man Enthusiasmus in seiner Stimme. Die Geschichte seines Dresdner SC ist von Berg- und Talfahrten geprägt, von Bevorzugung und Auflösung, von Rivalität und Führungschaos. Sie steht fast sinnbildlich für so viele Ostvereine, die heute, zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, entweder komplett verschwunden sind, oder ein tristes Dasein in einer unterklassigen Amateurliga fristen. Hätte der Dresdner SC keine so glorreiche Vergangenheit vorzuweisen, er wäre nur ein weiterer Bankrottverein unter vielen.

Erfolgreich unter den Nazis

Gegründet wird der Dresdner Sportclub am 30. April 1898 in der Gaststätte des Hotels »Stadt Coblenz«. Der früheste Vorgängerverein des DSC-Fußballs ist der 1874 ins Leben gerufene Dresden English Football Club, welcher der weltweit erste Sportverein außerhalb Großbritanniens war, der Fußball nach den noch heute gültigen Regeln spielt. Der Dresdner SC erlebt seine größte Zeit, als in Deutschland gerade der Krieg das Leben der Menschen bestimmt. Die Nazis setzen alles daran, die Normalität des gesellschaftlichen Lebens im Reich zu wahren. Fußball soll für Ablenkung sorgen. Daneben missbraucht die Propaganda die Erfolge der herausragenden Vereine und Akteure.

Obwohl die Dresdner – wie so viele andere Klubs – ab 1939 immer wieder auf Stammkräfte im Fronteinsatz verzichten müssen, treten sie am 18. Juni 1944 zum Finale in Berlin gegen eine Militärmannschaft aus Hamburg nahezu in Bestbesetzung an, darunter auch Helmut Schön. Dessen Mitspieler Herbert Pohl, obwohl 1942 an der russischen Front schwer verwundet, erhält eine einmalige DFB-Sondergenehmigung: Er darf mit nur einem Arm den Ball einwerfen. Im Berliner Olympiastadion steuert Schön vor 70 000 Zuschauern zwei Treffer zum 4:0-Sieg bei. Doch von den zumeist mit Soldaten bestückten Rängen wird er bei jedem Ballkontakt mit einem höhnischen »Helmut Schön k.v.« bedacht. Hintergrund: Schön muss auch während des »totalen Krieges« nur wenige Wochen an die Front. Als offizielle Begründung ist zunächst von einem »Knieschaden« die Rede, der Schön in der Ausübung seines Sports zwar periodisch, aber nicht grundsätzlich behindert. Viele halten ihn für »kriegsverwendungsfähig«.


Und so sehen sich die Dresdner Spieler immer wieder mit dem Vorwurf der Bevorzugung konfrontiert. Bezeichnend: DSC-Mitglied Karl Mehnert ist Generalleutnant der Wehrmacht und Chef des Wehrkreises Dresden. Ob der Verein ohne seine Hilfe, Titel um Titel errungen hätte, liegt in den Wirrungen deutscher Sportgeschichte verborgen. Fakt ist, von 1939 bis zum Ende des Krieges hält der Dresdner SC, zusammen mit dem FC Schalke 04, die Vormachtstellung im deutschen Fußball. Zwei deutsche Meisterschaften und zwei Pokalsiege stehen bis 1944 zu Buche. Stürmer Richard Hofmann, Torhüter Willibald Kreß und jener Helmut Schön sind feste Größen in der Nationalelf. Als der Krieg schließlich vorbei ist, endet die glorreiche Zeit. Die sowjetische Besatzung beschließt, den bürgerlichen Verein aufzulösen. An seiner Stelle entstehen Sportgruppen und Sportgemeinschaften (SG), denen zunächst nur ein regional begrenzter Spielbetrieb erlaubt ist.

Helmut Schön: Gelebte Sportgeschichte


Betroffen ist auch die frühere deutsche Meister VfB Leipzig, der sich fortan SG Probstheida nennt. Der Dresdner SC wird zur SG Dresden-Friedrichstadt. In der Saison 1949/50 spielt die SG in der DDR-Oberliga. Als am letzten Spieltag die Meisterschaft in einem umstrittenen Spiel gegen Horch Zwickau mit einer 1:5-Niederlage verspielt wird, setzt sich der Großteil der Mannschaft auf Initiative von Helmut Schön nach Westberlin ab. Kurze Zeit später schnürt Schön für die Hertha die Fußballschuhe, danach beginnt er die Trainerausbildung in Köln bei Sepp Herberger. Das Restleben des 74er- Weltmeistertrainers ist längst Sportgeschichte. Unterdessen wird in der Ostzone weiter an der Zerstörung seines Klubs gebastelt. Dynamo Dresden wird aus Kreisen der Volkspolizei gegründet und zu einem der erfolgreichsten Ostklubs. Die SG Dresden-Friedrichstadt wird aus politischen Gründen zerschlagen. Dessen Nachfolger, die SC Einheit Dresden, feiert 1958 als letzten Erfolg den FDGB-Pokalsieg. Dann wird es still um den Klub. 30 Jahre vergehen, ohne der Vereinschronik ein weiteres Erfolgskapitel hinzuzufügen.

Nach der Wende gründet sich am 1. Juli 1990 der Dresdner SC neu. Während der Rivale Dynamo noch einen Platz in der Bundesliga erhält, muss der DSC ganz unten wieder anfangen. Kaum jemand in der Stadt interessiert sich für den Klub: »Die meisten Fans wurden in der DDR sozialisiert und kennen nur Dynamo. Dadurch herrschte natürlich wenig Bezug zum DSC. Wenn man heute mit unserem Schal durch die Stadt läuft, dann ist das auch nicht gerade zuträglich für die Gesundheit«, weiß Roy Helbig zu berichten. Trotz der Feindschaft schafft es der Verein bis zum Ende der 90er-Jahre, auf Augenhöhe mit dem großen Rivalen zu sein. Das erste Pflichtspielderby zwischen DSC und Dynamo steigt im Sommer 1998. Während die Schwarz-Gelben immer weiter ins finanzielle und sportliche Abseits geraten, landet der Dresdner SC in der zweigleisigen Regionalliga. Kurioserweise ist der damalige DSC-Präsident Thomas Dathe eigentlich Dynamo Fan. Dathe will seinem klammen Verein unter die Arme greifen, doch die Dynamo-Führungsriege vergrault den Immobilien-König, so dass dieser sich beleidigt dem Dresdner SC zuwendet. Im Sommer 2002 kommt es zu einem einschneidenden Ereignis: der Flut an der Elbe. »Dabei ist unser gesamtes Trainingsgelände abgesoffen. Es war der Anfang vom Ende«, sagt Roy Helbig heute. Zu allem Überfluss steht kurze Zeit später am 1. September 2002 ein weiteres Pflichtspielderby in der Regionalliga an.


17100 Zuschauer sehen im Rudolf-Harbig-Stadion ein ausgeglichenes Duell. Doch die Sicherheitsvorkehrungen sind zu lasch. Ordnungskräfte und Verantwortliche beider Vereine rechnen mit Solidarisierungen aufgrund der Flut, die so viele Dresdner ins Mark getroffen hat. Ein Irrglaube: Nur 170 Polizeibeamte sind im Einsatz, die verpflichtete Sicherheitsfirma während des Spiels bereits hoffnungslos überfordert. Roy Helbig wirkt fassungslos spricht er über die damaligen Vorkommnisse: »Kurz vor Schluss wurde unser Block mit Raketen und Böllern beschossen, etwa 1000 gewaltbereite Dynamos sind in unsere Richtung gestürmt, wir haben versucht sofort das Stadion zu verlassen, trotzdem gab es viele Verletzte.« Als wäre das noch nicht genug, läuft ein paar Monate später Vereinsmäzen Thomas Dathe zum Rivalen über. Er soll mit einer schnellen Finanzspritze Dynamo die Regionalliga-Lizenz retten. Der DSC steht abermals vor einem Scherbenhaufen: Kein Trainingsgelände, keine Geldgeber, selbst Jugendspieler wandern ab. Der Verein muss Insolvenz beantragen.

Ein langer Weg

Nach dem zweiten Bankrott 2005 wird die Fußballabteilung wieder in den Hauptverein eingegliedert. Man muss erneut ganz unten anfangen. Die Zeiten großer Sprünge sind vorbei. Heute wird im altehrwürdigen Heinz-Steyer-Stadion nur noch Bezirksliga gekickt. Letzte Woche verlor man gegen Dynamos vierte Mannschaft mit 3:1. Die alten Holztribünen, einst stille Zeugen von Deutschlands Vorzeigefußballern, bevölkern mittlerweile pro Heimspiel etwa 200 Zuschauer. »Zu Schöns Zeiten kamen bis zu 65000 Zuschauer ins Ostragehege. Dabei haben die heutigen Strukturen nichts mit Achten Liga zu tun“, sagt Roy Helbig. Zu den Spielen wird ein buntes Stadionheft gereicht, beim Einlaufen der Mannschaften hallt das Helmut-Schön-Lied über die Lautsprecher. Die Tradition ist allgegenwärtig. Auch als Matthias Sammer das Straßenschild enthüllt und er zum Dank von Roy Helbig ein DSC-Trikot überreicht bekommt, blitzt kurz der Glanz alter Zeiten auf. Doch Sammer bleibt stumm, hält keine Rede. Vermutlich ist es ihm etwas unangenehm beim Stadtrivalen seines Ex-Klubs Dynamo, eine Lobeshymne auf den Ex-Bundestrainer zu halten. Bevor keiner etwas sagt, nimmt Roy Helbig das Mikrofon in die Hand: »Es ist schon bedauerlich, dass der Verein so weit abgerutscht ist«, sagt er wehmütig, ergänzt aber trotzig: »Wir werden den DSC wieder stark machen.« Es wird ein langer Weg.  

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