Der Vater eines Nationalspielers erzählt

»Mein Sohn braucht das alles nicht«

Zum Vatertag lassen wir Vaddern erzählen. Vor der WM 2010 sprachen wir mit dem alten Herrn eines Nationalspielers. Er erzählte uns von Niederlagen im Fußballtennis, Heimweh nach Mama und die Abkehr von Luxusgütern. Um wen handelt es sich hier wohl? Der Vater eines Nationalspielers erzähltFrank Rothe
Heft#103 06/2010
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103

Wann hat Ihr Sohn angefangen, Fußball zu spielen?

Als er laufen lernte. Einen Tag vor seinem fünften Geburtstag hat er bereits sein erstes Punktspiel gemacht. Die Leute haben komisch geguckt, weil er nicht aussah wie ein Fünfjähriger. Er war so klein. Aber er hat sie trotzdem alle ausgespielt. 

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Haben Sie auch mit ihm geübt?

Jeden Tag. Er ging nach der Schule sofort raus auf den Bolzplatz. Aber die Kinder wollten ihn nicht mitspielen lassen. Die hatten keine Lust, weil er so viel besser war.

Wie sah ein klassisches Training aus?

Ich habe bei jedem Spiel geschaut, was ihm noch fehlt. Als kleiner Spieler braucht man besondere Fähigkeiten. Wir haben stundenlang Dribblings geübt. Alles ohne Druck. Es sollte ihm Spaß machen. Jeden Tag habe ich ihm gesagt: »Hab keine Angst vor Experimenten.« 

Wann haben Sie gemerkt, dass Ihr Sohn besser ist als Sie?

Wir haben viel Fußballtennis gespielt. Mein Sohn wollte immer gewinnen, aber ich habe ihn nie gelassen. Da gab es oft Tränen. Eines Nachmittags habe ich haushoch verloren. Da war er 14. An dem Tag habe ich mir geschworen, nie wieder gegen ihn anzutreten. Ich habe auch meinen Stolz. 

Musste man ihn auch mal stoppen, damit seine Spielweise nicht in Arroganz umschlägt?

Ich glaube, dass er seine Karriere zu 90 Prozent seinem Talent verdankt. Die restlichen zehn musste man aus ihm herauskitzeln. Ich habe ihm einmal gesagt, dass es ein schmaler Grat zwischen einem herausragenden Techniker und einem Zirkusclown ist. Er musste lernen, dass er nicht alles alleine versuchen kann. 

Hatten Sie das Gefühl, dass er Ihnen etwas beweisen will?

Das war früher schlimmer. Wenn ich eine Aktion kritisierte, hat er es im nächsten Spiel extra noch mal probiert. Nur um mir zu zeigen, dass er das kann.  2005 ging Ihr Sohn in das Internat eines Bundesligisten. Weit weg von seiner Heimatstadt. 

Wem fiel die Trennung schwerer?

Der Tag, an dem wir unseren Sohn ins Internat gebracht haben, war furchtbar. Meine Frau hat nur geweint. Auf der Hinfahrt, bei der Vertragsunterschrift, beim Abschied. Ich habe versucht, mir nichts anmerken zu lassen. Auch um es unserem Sohn nicht noch schwerer zu machen. 

Wie konnten Sie ihm bei der ersten großen Trennung helfen?

Wir haben sehr oft telefoniert. Vor Ort haben sich die Internatseltern um ihn gekümmert. Dafür sind wir bis heute sehr dankbar. Das hat uns viel Angst um ihn genommen. Wenn wir zu Besuch waren, hat meine Frau jugoslawisches Essen gekocht: Cevapcici, Palatschinken. Heimat für den Magen. 

Wünscht man sich manchmal, dass der Sohn ein ganz normaler 21-Jähriger sein kann?

Wir haben oft über die Angst gesprochen, den Kontakt zu ihm zu verlieren, weil alles zu groß wird. Aber ihn hat der Rummel nicht verändert. Wir beobachten das genau. Er fährt zwar ein tolles Auto, aber wir wissen, dass das für ihn nur ein Gefährt ist. Kein Statussymbol. Er braucht das alles nicht. Aber er hat es sich verdient. 

Gibt es einen Plan B, falls der Sohn übers Ziel hinaus schießen sollte?

Er weiß, wie wir über all das denken. Wenn er sich ein Auto kaufen will, dann fragt er selbständig nach unserer Meinung. Wir scheuen uns auch nicht, ihn zu kritisieren. Manchmal verwirft er den Gedanken dann wieder. 

Gab es denn Phasen, in denen er die Lust am Fußball zu verlieren drohte?

Seine letzte Zeit in Gladbach war schwer. Marko hat sich kaum noch gemeldet. Deswegen bin ich für einige Tage zu ihm gereist, um ihn ein wenig aufzuheitern. Er musste mal weg vom Fußball, weil er so verbissen war. Wir waren im Kino, haben viel geredet. Auch  herumgealbert. Er ist ein Marin. Wir brauchen manchmal einfach Spaß.

Danke für das Gespräch, Ranko Marin

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