Der Torjäger der Premier League

Dimitar Berbatov oder Das verkaufte Lachen

Als Dimitar Berbatov 2008 zu Manchester United wechselte, glaubten einige Experten, er würde neben Rooney, Tevez und Ronaldo in seiner eigenen Lethargie ertrinken. Nun führt er die Torjägerliste der Premier League an. Humorlos. Der Torjäger der Premier Leagueimago

Hatte er das wirklich gesagt? Es klang so freundlich, so selbstlos. Und doch, ja, er war es: Dimitar Berbatov. Dieser unnahbare Fußballprofi von Manchester United hatte ein altruistisches und dabei fast humorvolles Anliegen formuliert: »Ich würde es begrüßen, wenn mal ein Jüngerer gewinnen würde. Bitte wählt mich nicht mehr.« Das war im Dezember 2010. Berbatov war gerade zum siebten Mal Bulgariens Fußballer des Jahres geworden, nun sollte es also genug sein. Genug für einen Mann, der Ende November fünf Tore gegen die Blackburn Rovers erzielt hatte und der in jenen Tagen die Liebe zur Emotion entdeckte. Und auch wenn sein Schmunzeln ein bisschen seltsam aussah, ein wenig bemüht, funktionierte es.

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Was hatten die United-Fans und die Presse zuvor ihren Spott über den Stürmer gekippt, diesen ewig griesgrämigen Bulgaren, der sein Lachen scheinbar irgendwo kurz hinter Sofia verkauft hatte, und der mit seinem lethargischen Auftreten in England Fuß fassen wollte. Dort, wo die Abwehrspieler in der Vergangenheit gerne mal »Axt« genannt wurden und in fast jeder Begegnung neue Nahkampftricks präsentierten, dort, wo das Sportsmanship-Credo trotz Disneyland-Atmosphäre in den Stadien seit jeher über allem schwebt. Berbatov war für sie: Langsam, phlegmatisch, egoistisch, nicht Team-kompatibel. Er wirkte auf sie wie ein Eremit, der noch nicht einmal aussah, als bemühte er sich. Kurzum: Berbatov vereinte alle Eigenschaften, die einen Stürmer ausmachen, den man nach zwei Spielen ohne Gewissensbisse wieder vom Hof jagen kann.

Was den Groll der Fans in jenen Monaten so groß machte, war vornehmlich die Tatsache, dass dieser Mann 2008 für eine astronomische Ablösesumme von 30 Millionen Pfund von Tottenham Hotspur zu Manchester United gewechselt war, und von der Klubführung als kongenialer Partner oder Alternative für Carlos Tevez oder Wayne Rooney angekündigt wurde, also für Angreifer, die so ziemlich das genaue Gegenteil zum vermeintlich trägen Nihilisten Berbatov verkörper und die einen Spielertypus darstellen, für den einst der Begriff Kampfschweine erfunden wurde.

Die vielen Gesichter des Dimitar Berbatov

Noch ein Jahr nach Berbatovs Verpflichtung kursierte im Internet, vor allem in United-Fanforen, eine Grafik, die mit »The Many Faces of Dimitar Berbatov« betitelt war, und die den Stürmer zwölf Mal in exakt derselben apathischen Pose zeigt. Auf einem anderen Bild sieht man die zwölffache Kopie eines Berbatovs, der mit hängenden Schultern über den Platz schlurft. Es heißt: »The Many Paces of Dimitar Berbatov«. Berbatov fing an, Image-Pflege zu betreiben – es ging allerdings allzu oft nach hinten los. Versicherte er in einem Interview, dass er stets eine große innere Freude über Siege der Mannschaft und das einfache Sein im Kollektiv spüre, so platzten im nächsten Interview Sätze wie diese heraus: »Wenn Leute meinen Namen sehen, sehen sie Tore.« Und weiter: »Wenn jemand gewisse Qualitäten hat, dann braucht er sich nicht unbedingt anzustrengen.«

Berbatov war im Grunde nie ein Stürmer der Fans. Schon in Leverkusen musste sich sein damaliger Trainer Klaus Toppmöller für jede Berbatov-Nominierung öffentlich rechtfertigen. Bei Bayer wollte man keinen 20-jährigen scheinbar gelangweilten Nachwuchsstürmer aus Sofia sehen, sondern das altbewährte Schlachtschiff Ulf Kirsten. »Ich wusste aber, dass wir mit Berbatov einen der besten Stürmer Europas in unserem Kader haben. Den durfte ich einfach nicht in der vierten Liga verhungern lassen«, sagt Toppmöller heute. Allein, Toppmöller hatte diese Meinung ziemlich exklusiv – trotzdem stellte er Berbatov auf. Anfangs zahlte dieser das Vertrauen allerdings nicht zurück. Dass er kaum traf, konnte man dem jungen Stürmer noch nachsehen, dass er aber keinerlei Anstalten machte, für Mitspieler Bälle zu erlaufen oder generell Bereitschaft zu signalisieren, fuchste seinen Trainer. »Eines Tages bestellte ich ihn zu mir und wusch ihm richtig den Kopf«, sagt Toppmöller. »Ich hielt ja trotz aller Widerstände zu ihm. Aber er? Er ließ mich hängen. Er brauchte einen richtigen Arschtritt«

Als Toppmöller entlassen wurde, weinte Dimitar Berbatov

Erst später wusste der extrovertierte Trainer mit der eindimensionalen Körpersprache Berbatovs umzugehen. Auch weil er bemerkte, dass Berbatov sich nicht bewusst in sein Schneckenhaus zurückzog. »Er merkte gar nicht, wie er auf andere wirkte«, sagt Toppmöller. Indes, Berbatov spürte die Erwartungshaltung und sah die Spuren, die sein Vorgänger hinterlassen hatte. Berbatov wechselte zu Bayer Leverkusen, als der große Klubheld noch im Rampenlicht stand. »Das schüchtert erstmal ein. Und Dimitar ist keiner, der sich in den Vordergrund trompeten möchte«, sagt Toppmöller, der ihm sodann klar machte: Vergiss die Spuren, die Vergangheit, vergiss Ulf Kirsten, verlass dich auf dich alleine. Väterliche Worte. Als der Trainer kurze Zeit später entlassen wurde, weinte Berbatov.

Die Ankunft in Manchester glich der Situation in Leverkusen. Einziger Unterschied: Die Spuren waren hier deutlich größer. Der Klub hatte gerade erst die Champions League und die englische Meisterschaft gewonnen und Cristiano Ronaldo war Torschützenkönig geworden. Berbatov durfte mitspielen, mitlaufen, gelegentlich auch treffen, aber erst als Carlos Tevez zum Stadtrivalen wechselte und Wayne Rooney diese Saison verletzungsbedingt nur langsam wieder in Tritt kam, ergriff der Stürmer die Chance, unprätentiös auf das eigene Spiel zu verweisen. Berbatov wuchs aus der Rolle des Rooney-Sidekicks heraus, er war fortan der Mann, auf den sich das Spiel von Manchester United konzentrierte. Dabei muten seine Aktionen immer noch nicht an wie die Plackerei der Fabrikarbeiter in Manchester, doch sieht es mitunter immerhin aus wie das Arbeitsgerät selbst: Wenn Berbatov früh in Gang kommt, zerglegt er fast maschinenartig seine Gegner. Technik, Abspiel, Abschluss, Berbatov kann alles, er ist der Roger Federer des Fußballs. 17 Tore in 19 Premier-League-Spielen hat er in der laufenden Saison geschossen. Gestern traf er beim 5:0-Sieg gegen Birmingham City wieder einmal dreifach. Humorlos, wie man so sagt.

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