Der Tod von Lutz Eigendorf
20.02.2011

Der Tod von Lutz Eigendorf

»Zu 95 Prozent Mord«

War es ein schrecklicher Unfall oder ein von langer Hand geplanter Mord-Komplott, wie Jörg Berger vermutet? Auch 25 Jahre nach dem mysteriösen Unfall ist der Tod des früheren DDR-Auswahlspielers Lutz Eigendorf rätselhaft.

Text:
Jörg Soldwisch
Bild:
imago

Unbestritten ist, dass der »Beckenbauer der DDR« ins Fadenkreuz der Staatssicherheit geriet, als er sich 1979 nach einem Spiel des BFC Dynamo aus Ost-Berlin in Kaiserslautern abgesetzt hatte. Es gibt Indizien, die auf einen Mord-Anschlag hindeuten, doch bewiesen wurde nichts.

Am 5. März 1983 kam Eigendorfs Sportwagen nachts von einer regennassen Landstraße ab und prallte gegen einen Baum. Er erlag zwei Tage später seinen Kopfverletzungen; die Obduktion ergab einen sehr hohen Alkoholgehalt im Blut. Die Vermutung, der damals bei Eintracht Braunschweig unter Vertrag stehende Profi habe aus Frust über eine Nichtnominierung sein Leben leichtfertig aufs Spiel gesetzt, schmettert Jörg Berger vehement ab: »Das war kein Unfall, das war zu 95 Prozent Mord.« Der frühere Bundesliga-Trainer war neun Tage nach Eigendorf aus der DDR geflohen.

Bergers Mord-These wird unterstützt vom Journalisten Heribert Schwan, der in seinem Buch "Tod dem Verräter!" ein handschriftliches Dokument - angeblich aus dem Ministerium für Staatssicherheit - vom 19. September 1983 aufführt, das sich mit der Analyse von Tötungs-Methoden und anschließender Vertuschung beschäftigt und in dem Eigendorf namentlich erwähnt wird. Schwan glaubt, Eigendorf sei aufgelauert und Alkohol mit einer giftigen Substanz eingeflößt worden: »Mir ging es bei der Recherche darum, zu zeigen, mit welchen Mitteln die Stasi im Osten wie im Westen vorgegangen ist.«

Stasi-Chef Mielke empfand die Flucht als persönliche Niederlage

Der Fall bleibt dubios, zumal viele Stasi-Akten ausgerechnet der Jahre 1980 bis 1983 fehlen, obwohl bis zu 50 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter auf das damals größte Talent des DDR-Fußballs und dessen Familie angesetzt worden sein sollen. Für Berger könnte Eigendorfs Hang zur Provokation des DDR-Regimes ihn am Ende das Leben gekostet haben. »Wir waren für die DDR so schon Staatsfeinde, weil wir die Flucht geschafft hatten und auch noch in der Öffentlichkeit standen«, sagt der 63-Jährige: »Aber Lutz hat das System ständig provoziert. Ich habe ihn mehrmals gewarnt: Halte dich mit Interviews zurück, die Erich Mielke reizen könnten.« Stasi-Chef Mielke habe bereits Eigendorfs Flucht von seinem BFC »als persönliche Niederlage empfunden«, so Berger. Hinzu kamen DDR-kritische Interviews, eines zum Beispiel direkt an der Berliner Mauer nur wenige Tage vor seinem Tod. Berger: »Lutz hat auch jede Gelegenheit genutzt, zu Spielen des BFC in West-Deutschland oder auch der Schweiz zu reisen. Da fuhr er mit seinem Wagen vor nach dem Motto: Jungs, ich habe es geschafft.« Die Stasi habe Angst gehabt, dass Eigendorf oder andere Republik-Flüchtlinge andere Sportler »abwerben« könnte, so Berger. Der ehemalige Hertha-Trainer Falko Götz zum Beispiel, der 1983 gemeinsam mit Dirk Schlegel ein Europacupspiel des BFC in Belgrad zur Flucht genutzt hatte, berichtete, er habe in Stasi-Unterlagen einen Entführungsplan gefunden.

Was bleibt sind Gerüchte, die wohl niemals verstummen werden, aber auch niemals ganz aufgeklärt werden können. »Das ist tragisch und beklemmend«, sagt Berger. »Ich bekomme noch heute eine Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke.«

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