09.05.2007

Der tiefe Fall Bayer Leverkusens

„Wir haben Scheiße am Fuß!“

In 11FREUNDE #66 erzählen wir von der Goldenen Ära der Leverkusener im Jahre 2002, in der drei Titel greifbar waren – und verfehlt wurden. Als wollten sie die Extreme ausloten, stiegen sie in der Folgesaison beinah ab. Wie konnte das geschehen?

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imago

So überaus erfolgreich die Saison 2001/02 für Bayer Leverkusen verlief, so katastrophal verlief die darauf folgende Spielzeit. Leverkusen musste bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt bangen. Doch die Leverkusen erfuhren in dieser Spielzeit immerhin das, was ihnen im Jahr zuvor auf nahezu tragische Weise vorenthalten blieb: ein Happy End.



Doch der Reihe nach. Leverkusen kam nur schwerlich in die Saison hinein. Einige Gründe
für die Albtraum-Saison 2002/03 lassen sich schon in der Vorsaison finden. Leverkusen spielte die „Vize-Saison“ mit einem relativ kleinen Spielerstamm, so war die Belastung der Spieler außerordentlich hoch. Bayer absolvierte 34 Bundesligaspiele, sechs Partien im DFB-Pokal und 19 Matches in der Champions League, die damals noch zwei Gruppenphasen umfasste. Das machte summa sumarum 69 Pflichtspiele und war die maximale Anzahl von Spielen, die eine Vereinsmannschaft überhaupt bestreiten konnte. Dazu kamen für einen Großteil der Mannschaft noch diverse Länderspiele und für viele Spieler eine lange WM.

Ramelow–Babic–Bierofka-Balitsch statt Schneider–Bastürk–Ze Roberto–Ballack


Zur Vorbereitung auf die neue Saison stießen viele Nationalspieler somit erst spät hinzu. Der Urlaub war zu kurz, als dass die Spieler sich nach so einer Mammut-Saison hätten vollauf regenerieren können. Zudem verlor der Kader zur neuen Saison eindeutig an Qualität, da sich der Bayerkonzern entschloss, den Etat zurückzufahren. Für viel Geld verließen mit Michael Ballack und Ze Roberto zwei Eckpfeiler des Vorjahres das Team in Richtung München. Lautete das Mittelfeld in der Vorsaison noch Schneider – Bastürk – Ze Roberto – Ballack stand ein Jahr später mitunter die Formation Ramelow – Babic – Bierofka - Balitsch auf dem Platz. Zudem musste Kapitän Jens Nowotny auf Grund eines Kreuzbandrisses, den er sich im Champions League-Habfinale gegen ManU zugezogen hatte, noch mindestens bis zur Winterpause pausieren. Ulf Kisten hatte seine Karriere zwar noch nicht beendet, war de facto aber nur noch „Stand-By-Profi“. Somit fehlte die Achse Nowotny-Ballack-Kirsten nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern damit auch die gewachsene und in der Vorsaison unumstrittene Hierarchie im Team.

Der Leverkusener Top-Transfer war Jan Simak, der als Ballack-Ersatz geholt wurde. Mit großen Vorschusslorbeeren bedacht, kam der Tscheche mit der Empfehlung von 18 Toren und 19 Assists für 6,5 Mio. Euro vom damaligen Zweitligisten Hannover 96 zu den Rheinländern. Simak schoss beim durchwachsenen Saisonauftakt in Cottbus beim 1:1 auch gleich das erste Leverkusener Saisontor. Paul Breitner lobte die Leverkusener damals noch, dass sie sich mit Simak exzellent verstärkt hätten, und dieser das Potential habe, in die Rolle von Ballack zu schlüpfen. Soviel sei vorweggenommen: Simak konnte sich nicht wirklich durchsetzen und machte in der gesamten Saison in 22 Spielen enttäuschende drei Tore und gab einen einzigen Assist.

Nach dem 1. Spieltag belegt Leverkusen Rang acht der Tabelle. Es sollte die beste Platzierung in der gesamten Saison bleiben. Der erste Sieg gelang erst am 4. Spieltag mit einem 3:1 in Rostock. Den nächsten Dreier fuhr Leverkusen am siebten Spieltag ein, mit einem unansehnlichen 2:1 Heimsieg gegen den Tabellenführer Bayern München. Doch wer dachte, dass von da an alles seinen gewohnten Lauf nehmen würde und Leverkusen in der Tabelle nach oben klettert, der wurde in den folgenden Wochen eines besseren belehrt. Leverkusen schaffte es in der Vorrunde nie, zwei Spiele in Folge für sich zu entscheiden. Insgesamt gelang Bayer bis zur Winterpause nur fünf Siege in der Liga.

Auch in die Champions League-Saison verlief es in der Hinrunde für Leverkusen bestenfalls durchwachsen. Im ersten Gruppenspiel setzte es für den Vizechampion eine derbe 2:6-Auswärtsklatsche bei Olympiakos Piräus, worauf im Heimspiel gegen ManU eine 1:2-Niederlage folgte. Dennoch qualifizierte sich Bayer durch zwei Siege gegen Maccabi Haifa und einen Sieg im Rückspiel gegen Piräus knapp für die Zwischenrunde. In dieser fanden bis zur Winterpause noch zwei Spiele statt, die Leverkusen beide verlor. Somit standen die Chancen auf das Erreichen des Viertelfinales gegen die starke Konkurrenz aus Barcelona, Inter Mailand und Newcastle gegen Null. Einzig im DFB-Pokal war Bayer erfolgreich, nach drei Siegen stand man dort im Viertelfinale.

Nowotny glaubte noch immer an die Königsklasse

Am Ende der Vorrunde fand sich Leverkusen auf dem 14. Tabellenplatz wieder, ganze vier Punkte von einem Abstiegsplatz entfernt. Doch die Bundesligasaison 2002/03 war ziemlich eng, die Punktanstände waren überschaubar. Zu einem UEFA-Pokalplatz waren es „nur“ sieben Punkte. In der Winterpause tippte der wieder genesene Kapitän Jens Nowotny für BILD die komplette Rückrunde durch. Seinen Tipps zur Folge sollte Leverkusen sich noch für die Champions League qualifizieren.

Dazu wollte Nowotny zum Rückrundenauftakt beim Heimspiel gegen den Tabellenletzten Energie Cottbus endlich wieder selber auf dem Platz beitragen und feierte nach über einem halben Jahr sein Comeback im Bayer-Trikot. Doch statt der Wende zum Guten trat das Worst-Case-Szenario ein. Ohne Fremdeinwirkung erlitt Nowotny einen erneuten Kreuzbandriss und fiel bis zum Ende der Saison aus. Zudem verlor Leverkusen das Spiel mit 0:3 gegen die Lausitzer. Die angekündigte Aufholjagd war beendet, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Selbst Manager Calmund, sonst nie um große Worte und Erläuterungen verlegen, konnte die Misere nicht begreifen und hatte keine andere Erklärung als »Wir haben Scheiße am Fuß« parat. Toppmöller stand zu dem Zeitpunkt schon stark in der Kritik, doch die Vereinsführung hielt noch an ihm fest, was aufgrund seiner Verdienste in der Vorsaison absolut nachvollziehbar war. Doch nach dem vierten Rückrundenspiel und der vierten Niederlage rutschte Leverkusen auf einen Abstiegsplatz ab. Calmund und die Vereinsoberen reagierten schließlich doch, Amateurcoach Thomas Hörster löste Toppmöller als Cheftrainer ab.

Hörster kam, sah und ging

Hörster hatte seinen Einstand beim Champions League-Heimspiel gegen Newcastle. Als es bereits nach einer Viertelstunde 0:2 stand und Hörster die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben war, ließ sich schon erahnen, dass die Trainerauswahl sich als nicht besonders glücklich herausstellen würde. Daran änderten auch die beiden Siege am 22. Und 23. Spieltag nichts, mit denen Bayer in dieser Saison zum ersten Mal zwei Siege in Folge gelangen. Denn das war nur ein kurzes Strohfeuer. Direkt im Anschluss setzte es innerhalb von drei Tagen zwei klare Niederlagen gegen die Bayern: 1:3 im Pokal und 0:3 in der Liga. In den folgenden Wochen spielte Leverkusen schwach bis unkonstant, was auch an den vielen Verletzungen lag, die in allen Mannschaftsteilen auftraten. Besonders in der Defensive fielen immer wieder wichtige Spieler wie Lucio, Juan, Placente, Vranjes und Sebescen aus. Zusätzliches Problem war die schwache Torausbeute der Stürmer. Neuville, Brdaric und Berbatov netzten in der gesamten Bundesligasaison jeweils nur vier mal ein.

Aus der Zwischenrunde der Champions League verabschiedete sich Leverkusen mit blamablen null Punkten. Die Spiele waren im Abstiegkampf längst nur noch lästige Pflicht. Hörsters Kalkül war es, sich auf die Liga zu konzentrieren. Doch schnell zeichnete sich ab, dass sein Plan nicht greifen würde. Leverkusen rutschte am 26. Spieltag auf Platz 17 ab. In der Panik wurde Jürgen Kohler als Sportdirektor verpflichtet und mit einem 5-Jahresvertrag ausgestattet. Dabei hatte Kohler keinerlei Erfahrung auf diesem Gebiet. Zudem waren seine Kompetenzen nicht klar definiert, und Kohler selbst machte keinen Hehl daraus, dass es ihn eigentlich eher in den Trainerberuf ziehe. Dennoch schien der Heimsieg drei Tage später gegen Hertha BSC Berlin die Verpflichtung Kohlers zu rechtfertigen, da er „gute Laune ins Team“ brachte. Doch aus den folgenden drei Spielen holte Leverkusen nur einen Punkt, und am 31. Spieltag stand ein Abstiegsendspiel gegen Bielefeld an, das bis dahin nur zwei Punkte mehr als Bayer eingefahren hatte. In einem dramatischen Spiel geriet Leverkusen in der ersten Halbzeit durch Ansgar Brinkmann in Rückstand, doch der gerade wieder von seiner schweren Fußverletzung genesene Lucio konnte mit einem Gewalt-Freistoß aus 25 Metern ausgleichen. In der 2. Halbzeit sah der Bielefelder Torschütze Brinkmann die Rote Karte, und kurz drauf versenkte Lucio seinen zweiten Freistoß ähnlich kraftvoll im Bielefelder Gehäuse. Bayer siegte schließlich mit 3:1.

Hörster ergab sich, Auge kam

Aber trotz des Sieges konnte Leverkusen die Abstiegsränge nicht verlassen. Der mögliche Abstieg war gegenwärtiger als je zuvor, als das nächste Spiel gegen den HSV deutlich mit 1:4 verloren ging und Trainer Hörster im Anschluss an die Partie resignierend in die Fernsehkamera sprach, er glaube nicht mehr an den Klassenerhalt. Hörster wurde nach diesen Aussagen umgehend vom Amt des Cheftrainers entbunden, denn für Calmund und die Bayer-Verantwortlichen kamen derartige Aussagen dem Hissen der weißen Fahne gleich, obwohl noch sechs Punkte zu vergeben waren und der Klassenerhalt noch immer möglich war. Als Nachfolger wurde der kurz zuvor in Nürnberg entlassene Klaus Augenthaler verpflichtet, der eigentlich erst zur neuen Saison Cheftrainer werden sollte. Bei seinem Amtsantritt war klar, dass nur zwei Siege Leverkusen noch retten würde. Am 33. Spieltag schaffte Bayer mit einem 3:0-Heimsieg gegen 1860 München erstmals seit sieben Wochen der Sprung auf einen Nicht-Abstiegplatz. Teil eins von Augenthalers Rettungsaktion war geschafft. Teil zwei folgte mit einem Auswärtssieg beim bereits als Absteiger feststehenden Club aus Nürnberg, wo Leverkusen den Klassenerhalt mit einem 1:0-Erfolg perfekt machte.

Bielefeld stieg in die 2. Liga ab, und Bayer wachte aus dem Albtraum auf. Anders als im Jahr zuvor konnten Verein und Fans am Saisonende jubeln.


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Die Geschichte des Wunderfußballs, den Leverkusen 2001/2002 spielte und damit so grandios scheiterte, findet Ihr in 11FREUNDE #66.

Hier www.11freunde.de/international/101380 geht's zum großen Reiner-Calmund-Monolog.

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