Der SC Freiburg vor dem Absturz

Die Melancholiker

Dem SC Freiburg scheint kurz vor dem Saisonende die Luft auszugehen – ob der Klub mit der traurigen Offensiv-Vergangenheit den Abstieg noch verhindern kann, ist mehr als fraglich. Dabei würde es ihn gar nicht so hart treffen. Der SC Freiburg vor dem Absturz Ob sie Uwe Spies beim SC Freiburg jemals verzeihen können? Der Angreifer mit den Wickellocken schaute während seiner Zeit beim Sport-Club Mitte der neunziger Jahre so traurig aus der Wäsche, dass ihm ziemlich schnell der Beiname »Strafraum-Melancholiker« angeheftet wurde. Auch, weil Spies – eigentlich ein ganz passabler Offensivmann (immerhin 52 Tore in 189 Spielen für den SC) – vor dem Tor immer etwas schüchtern über den Rasen huschte. Wie sollte der arme Uwe Spies auch wissen, dass er damit eine ganz eigene Vereinsphilosophie begründete?

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Heute, 13 Jahre nach dem letzten Auftritt von Uwe Spies im Dreisamstadion, müssen Freiburgs Fußballer lesen, ihr Klub sei »ein Sammelbecken von Strafraum-Melancholikern« (spiegel-online). Immer wenn es nicht rund läuft beim Sport-Club, greifen Journalisten zur Uwe-Spies-Gedächtnis-Keule – und haben damit auch noch Recht. Nach 30 Spieltagen in der laufenden Bundesliga-Saison stehen die Freiburger auf Platz 17, einem Abstiegsplatz also, und haben dabei erst 27 Treffer erzielt. Weniger als Berlin, weniger als Bochum, sogar weniger als der 1. FC Nürnberg! Langsam aber sicher muss sich der SC Freiburg darauf einstellen in der kommenden Spielzeit wieder zweitklassig Fußball spielen zu müssen.

»Abstiege sind einkalkuliert«

Schmerzhaft wäre das, aber nicht tragisch. Sagt einer, der es wissen muss. Richard Golz hat sich in 219 Spielen für den Verein aus dem Breisgau in den Dreck geschmissen, acht Jahre lang. Zweimal musste er mit dem SC den Gang in Liga zwei antreten und kennt das Gefühl des Scheiterns in der Stadt mit dem vielen Sonnenschein. Golz sagt: »Abstiege sind in Freiburg in jeder Saisonplanung einkalkuliert.« Die finanziellen Mittel seien noch immer sehr gering, »deutlich geringer jedenfalls als bei der unmittelbaren Konkurrenz.« Entsprechend gering ist die Qualität des Kaders. Während sich Nürnberg, Hertha und Hannover teure Auswahlfußballer leisten, sind Torwart Simon Pouplin und der von Bayer Leverkusen umworbene Ömer Toprak mit geschätzten drei Millionen Euro Marktwert schon die größten Kapitalanlagen des Vereins.

»Mehr geht deshalb momentan einfach nicht«, glaubt Christoph Ruf, als freier Journalist berufsbedingt häufiger im Dreisamstadion interessierter Beobachter der Freiburger Saisonentwicklung. 17 Niederlagen hat die Mannschaft von Robin Dutt 2009/10 einstecken müssen, schlechter war nur Hertha BSC – und die Berliner finden sich folgerichtig auch einen Platz hinter dem SC auf dem letzten Tabellenrang. Ruf bemängelt die dürftige Substanz des Gesamtkaders: »Außer Heiko Butscher, Ömer Toprak und Torwart Pouplin ist da eigentlich niemand, der stark genug ist, um in der ersten Liga aufzufallen.« Schwachstelle nach Meinung aller Experten ist das Mittelfeld, häufig überfordert, oftmals ideenlos. Die vermeintlichen Spielgestalter Jonathan Jäger, Julian Schuster und Ivica Banovic seien »biedere Fußballarbeiter« (spiegel-online), mehr aber auch nicht.

»Ich hasse Spiele gegen Werder«

Selbst die Passhoheit und technische Überlegenheit, Eigenschaften, auf die sie in Freiburg schon immer sehr stolz waren, sind gegen starke Gegner wie Werder Bremen nicht mehr sichtbar. Gegen die Hanseaten hatte Freiburg nur 40 Prozent Ballbesitz, in zwei Spielen gegen Bremen kassierte die hilflose Defensive zehn Gegentreffer. Selbst Heiko Butscher, sonst kein Kind von Traurigkeit, jammerte nach dem desaströsen 0:4 am Wochenende: »Nach dem 0:4 habe ich nur noch auf die Uhr geschaut und gedacht: Lass es zu Ende sein.« Nur, um noch anzufügen: »Ich hasse Spiele gegen Werder.« Gerade solche Gegner gehören allerdings zum Alltag in Deutschlands Eliteklasse.

Vier Spiele hat der SC noch, um den Abstieg zu verhindern. Nürnberg, Wolfsburg, Köln und Dortmund heißen die Gegner. Es gibt leichtere Restprogramme. Die Fans klammern sich bereits an Durchhalteparolen – ein untrügliches Zeichen dafür, wie sehr die Chancen auf einen Verbleib in Liga eins geschmolzen sind. User Jürgen23 textet auf der Vereinshomepage unter der Überschrift: »Unerschütterlicher Optimismus!«: »Wir packen das noch, der Spielplan gibt’s her. Also glauben, glauben, glauben... und den Worten Dutts aus der Sendung Doppelpass vertrauen: Am Ende steigt der SC nicht ab.« Warum er das nicht tun wird, hat Robin Dutt übrigens nicht verraten.

Niemand wird entlassen

Was die Anhänger beruhigen dürfte: In ein schwarzes Loch wird der Verein sicherlich auch nach einem Sturz in die zweite Bundesliga nicht fallen. Zu sehr ist das Konzept der Freiburger auch auf einen Abstieg angelegt, ein Absturz würde milde abgefedert werden. Auch Richard Golz weiß: »Bei einem Abstieg muss niemand aus der Geschäftsstelle entlassen werden, zu Grunde geht dieser Klub durch einen Abstieg sicherlich nicht.« Und Freiburg-Kenner Rainer Schäfer ist sich auf spiegel-online sicher: »Abstiege gehören dort (in Freiburg) zum Fußball-Zyklus.« Keinen Grund zur Trauer also? »Auch in Freiburg gibt es wütende Fans«, sagt Ex-Torwart Golz, Journalist Ruf relativiert: »Dass die Zuschauer die Buseinfahrt blockieren, wird es in Freiburg nicht geben. Dafür fehlt der Stadt dann doch die völlige Begeisterung für den Verein.«

Wie auch immer, wann und ob der SC tatsächlich den Klassenerhalt vermasselt, entscheiden alleine die Spieler. Kritiker bemängeln seit Saisonbeginn die harmlose, fast körperlose Spielweise der Kicker aus dem Breisgau. Auch so ein Freiburger Klischee, im knüppelharten Abstiegskampf aber untrügliches Zeichen dafür, dass sich die Profis nicht mit voller Leidenschaft gegen den Absturz wehren.

Beim eigenen Anhang stößt zusätzlich ein ganz anderes Verhalten bitter auf. »Wenn ungefähr 300 Freiburg-Fans knappe 750 km nach Bremen reisen, eine solche Mannschaftsleistung sehen«, beschwert sich User geeforce ,»kann man doch wenigstens erwarten, dass dann nach dem Spiel die Mannschaft geschlossen zu den Fans kommt und mit den Fans abklatscht.« Zynischer Kommentar von Ljubljana: »Wir könnten auch versuchen die Erde im Universum zu fixieren und die Sonne mit Motoren auszustatten, so dass sie um die Erde kreist. Das wäre genauso realistisch wie dein Vorschlag.« Immerhin, das Studentenimage hat der SC noch nicht verloren.

Letzte Hoffnung Harry Decheiver

Bleibt noch aufzuklären, dass natürlich niemand in Freiburg böse auf Uwe Spies ist. Wie denn auch? Der Makel der »Strafraum-Melancholiker« aber, er bleibt der Stadt am Schwarzwald erhalten. Der SC Freiburg und seine Abschlussschwäche, eigentlich gibt es nur einen, der dem notorisch abschlussschwachem Vorletzten der Fußball-Bundesliga jetzt noch helfen kann: Harry Decheiver.

Den langmähnigen Holländer mit der tollen Torquote haben sie in Freiburg, genervt von jeglichen Anflügen fußballspielender Melancholie, mal den »Knipser« getauft. Nach Informationen von 11FREUNDE steht Decheiver allerdings nicht mehr zur Verfügung: Er betreibt inzwischen eine Videothek in seiner Heimatstadt Deventer. Wie häufig Uwe Spies traurige Hollywood-Dramen ausgeliehen hat, war leider nicht zu ermitteln.  

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