Der »Rapid-Viertelstunde« auf der Spur

Wiener Klassik

Der HSV kann ein Lied davon singen: Seit 90 Jahren wird sie nun schon pünktlich zur 75. Minute eingeklatscht: Die legendäre »Rapid-Viertelstunde«. Wahrheit und Legende dieser Stadiontradition liegen nah beieinander. Der »Rapid-Viertelstunde« auf der Spur

Bekanntlich geschehen manchmal in Fußballstadien Dinge, die nicht schöner verfilmt werden können. Erinnern wir uns nur an die nicht zu übertreffende Dramaturgie der WM-Begegnung Deutschland gegen Polen vor drei Jahren. Welcher Regisseur wollte sich anmaßen, einen effizienteren Spannungsbogen schlagen zu können?  

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Ebenso wie sich die deutschen Fans noch an jenen wundersamen Fußballabend erinnern, wird bei den Fans von Rapid Wien der eindrucksvolle 3:0-Sieg gegen den Hamburger SV eine Weile präsent bleiben – alleine wegen des kleinen »Cordoba-Gefühls«, dass dieser Europa-League-Auftakt bei den Grünweißen aus der österreichischen Hauptstadt hinterlassen haben muss. Wahrscheinlich setzt sich jedoch folgende, vermeintlich marginale Synchronität der Ereignisse nachhaltiger als das nackte Resultat in den Köpfen der Wiener Anhängerschaft fest.

Wenn Tradition und Triumph verschmelzen

Nach genau 75 Minuten fing die Rapid-Kurve, wie gewohnt, an zu klatschen. Eine kurios anmutende Verhaltensweise für all jene, die nicht in die Wiener Fankultur eingeweiht sind. Ein uralter Ritus für alle Fans des mehr als 100 Jahre alten Klubs. Kaum war die legendäre »Rapid-Viertelstunde« per kollektivem Handschlag begrüßt, schlug der rhythmische Beifall auch schon in chaotisch-ekstatischen Jubel um. Rapids Einwechselspieler Christopher Drazan hatte das 3:0 erzielt. Tradition und Triumph verschmolzen zu einem zigtausendfachen Schrei der Verzückung.  

»Die Rapid-Viertelstunde soll die Stimmung für die letzten Minuten noch einmal richtig aufschaukeln«, erklärt uns Jakob Rosenberg, Rapid-Fan und Redakteur beim Wiener Fußballmagazin ballesterer. »Dass gestern genau dann das 3:0 fiel, war natürlich genial. Es wurde bis zum Schlusspfiff durchgesungen!« Dass die charakteristische akustische Unterstützung einen messbaren Effekt auf das Geschehen auf dem Rasen hat, will der regelmäßige Stadiongänger nicht definitiv bestätigen. »Man mystifiziert das gerne. Die Rapid-Viertelstunde hat aber definitiv einen Einfluss. Sie zeigt den Spielern an, dass sie jetzt noch einmal richtig reinhauen müssen.«  

Wann genau die Tradition begründet wurde, ist unklar und auch letztlich unwichtig. Angeblich soll bei Rapid bereits um 1910 regelmäßig in der 75. Minute geklatscht worden sein. Damit wäre die Rapid-Viertelstunde fast so alt wie der 1899 gegründete Verein. In den zwanziger Jahren bogen die konditionsstarken Rapidler in schöner Regelmäßigkeit Spiele in den letzten Minuten um.

Dramatische Derbys

Im Heimspiel gegen den Stadtrivalen Wiener AC im Jahre 1921 lag Rapid zur Halbzeit mit 1:5 hinten. Nach 75 Minuten lautete der Spielstand immerhin noch 3:5. Eine Rapid-Viertelstunde später standen 7 Treffer auf der Seite der Gastgeber und nach wie vor 5 bei den Gästen auf der Anzeigetafel.  

»Heute sind solche Spiele nicht mehr wirklich bekannt«, meint Jakob Rosenberg. Die Klubverantwortlichen bedienen sich jedoch der Vergangenheit, um dem »kampfstarken Arbeiterverein« aus Wien-Hütteldorf gegenüber den Neureichen aus Salzburg zu positionieren. Kampf und Leidenschaft, die den Erfolg erzwingen, statt Sponsorenmillionen, die selbigen einkaufen. Ein Konzept, das verfängt.

Dazu passt die stimmgewaltige, aber nur knapp 20.000 Zuschauer fassende Heimstatt von Rapid, das geschichtsträchtige Gerhard-Hanappi-Stadion, benannt nach dem WM-Dritten von 1954, der mehrere hundert Male im grünweißen Trikot auf dem Platz stand. Die Zuschauerränge sind direkt ans Spielfeld gebaut, West- und Osttribüne verfallen schon mal in lautstarke Wechselgesänge.

Per Abo ins »Sankt Hanappi«

Für die Duelle gegen die größeren und kleineren Namen Europas zieht Rapid allerdings ins Ernst-Happel-Stadion mit der ungeliebten Tartanbahn um. »Ich war zugegebenermaßen vor dem Spiel gegen den HSV skeptisch«, sagt Jakob Rosenberg. »Aber die Stimmung war auch im Happel-Stadion hervorragend.« Dennoch würden viele Fans wohl lieber auch die internationalen Spiele im Heimstadion austragen.  

»Sankt Hanappi«, die Rapid-Kultstätte, ist mittlerweile aber zu klein für den wachsenden Anhang. Bei 11.000 Dauerkarten zog der Verein vor der Saison die Notbremse und stoppte den Verkauf. Ein paar tausend Tickets pro Partie sollten immerhin auch frei erhältlich sein. Auf der »West«, im harten Kern des Rapid-Supports, stehen ohnehin ausschließlich »Abo-Besitzer«, wie die Dauerkarteninhaber in Österreich genannt werden.  

Rapid im Europapokal – angestaubter Glanz. 1985 und 1996 erreichten die Hütteldorfer das Endspiel des Europapokals der Pokalsieger. Große Duelle mit Dynamo Dresden, Celtic Glasgow, Dynamo Moskau und Feyenoord Rotterdam haben sich in das kollektive Gedächtnis der Wiener eingemeißelt. In den letzten Jahren bestätigten sich immer öfter die Unkenrufe der Ewigzweifelnden. 2005 qualifizierte sich Rapid für die Gruppenphase der Champions League – und schied mit sechs Niederlagen in sechs Spielen ohne Chance aus. In der vergangenen Saison verabschiedeten sich die Jungs vom SCR gegen den zypriotischen Vertreter Famagusta bereits in der Qualifikation.  

Beherzter Marsch durch Europa

In diesem Jahr arbeitete man sich dagegen erfolgreich durch die Vorrunden der Europa League und schaltete mit Aston Villa bereits einen großen Namen aus. Dazu der 3:0-Auftaktsieg gegen den HSV – die Rapidler marschieren bislang beherzt durchs Teilnehmerfeld. Neben den Hamburgern ist Celtic Glasgow der größte Konkurrent um das Fortkommen in der Gruppe C.

Ebenjene Mannschaft, die vor 25 Jahren in drei dramatischen Spielen niedergerungen wurde. Beim Wiederholungsrückspiel im Dezember 1984, das im »Old Trafford« in Manchester stattfand, erzielte Peter Pacult das Siegtor. Vielleicht jubelt Pacult bald wieder. Er ist derzeit Rapids Trainer.

Die Rapid-Fans bewahren sich bei aller Euphorie ein gehöriges Maß an Skepsis: »Erwarten kann man nichts«, fasst Jakob Rosenberg treffend zusammen. »Und Hoffen kostet nichts.«  

Klatschen auch nicht. Und die schönsten Siege sind ohnehin die gänzlich Unerwarteten.

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