Der Niedergang des FCK (2)

Eiszeit in der roten Hölle

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Heft #76 03 / 2008
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Schon in der ersten Saison, nachdem die Finanzkrise beim 1.FC Kaiserslautern ans Licht gekommen war, zeigte die sportliche Entwicklungskurve steil bergab. Die Chronik der Saison 1998/99 liest sich wie eine Aneinanderreihung von Missgeschicken: Mit 0:4 kickte der FC Bayern die Lauterer aus dem Champions-League-Viertelfinale. Eine erneute Qualifikation verpassten sie. Das aus dem Kader herausstechende Talent Michael Ballack wurde von Rehhagel bei jeder Gelegenheit rasiert. Entnervt wechselte Ballack nach dieser Spielzeit zum Konkurrenten Bayer Leverkusen.

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Fakt ist, nicht nur Friedrich hatte nach der Meisterschaft 1998 den unbedingten Wunsch, die Erfolge auszubauen. Axel Roos bilanziert: »Otto Rehhagel sagte: Wir brauchen bessere Spieler.« Und alle kamen: Sforza, Djorkaeff, Lincoln, Basler, Ramzy. Doch Rehhagels Stars waren auch sein schleichendes Ende. Ciriaco Sforza zettelte einen Kleinkrieg mit dem autoritären Übungsleiter an und wurde nach einer Suspendierung schließlich vom Vorstand zurück ins Team befohlen.

Basler fiel immer mehr durch Disziplinlosigkeiten auf. Er brach ein Tabu, als er anfing, im Kabinengang zu rauchen. Rehhagels Autorität litt. Als dann auch noch die Erfolge ausblieben, verwandelte sich die »Ottokratie« in Isolation. Selbst sein einstiges Wohnzimmer, der Betzenberg, war ein unwirtlicher Ort geworden, längst hingen überall Anti-Otto-Transparente. Am 2. Oktober 2000 bat Rehhagel den alten Kumpel Jürgen Friedrich, ihn seines Amtes zu entbinden.

Eine Notlösung wurde ersonnen: Andreas Brehme als Team-Manager installiert und Reinhard Stumpf, bisheriger Rehhagel-Assistent, ihm als Trainer zur Seite gestellt. Ein Duo, das der Herkulesaufgabe, die Mannschaft zu befrieden, nicht gewachsen war. Stumpf: »Bis Freitagnachmittag habe ich das Zepter geschwungen, dann wurde es mir abgenommen, und Samstag liefen Leute auf, denen ich Freitagvormittag die Ersatzbank prophezeit hatte. So kann ein Trainer nicht arbeiten.«

Mitten im Chaos traf Wieschemann eine folgenschwere Entscheidung. Er brachte den Schweizer René Jäggi, vormals Präsident des FC Basel, Adidas-Chef und Sanierer des gestrauchelten Hausschuh-Giganten Romika, als Nachfolger von Friedrich ins Spiel. Ein Zynismus des Schicksals. Denn ausgerechnet der Eidgenosse begann nun, das Geschäftsgebaren seiner Vorgänger minutiös zu durchleuchten.

Zwei Welten prallten aufeinander: Der machtbewusste, misstrauische Jäggi gegen den fintenreichen Fußballer Friedrich, der nach Ansicht der Gerichte auch mal eine Vereinbarung traf, die über den Vertrag hinausging (Zitat: »Ich kann doch nicht jedem Hansel einen Detektiv ins Ausland hinterherschicken«). Jäggi wollte Planungssicherheit, weswegen er den Sachen auf den Grund ging.

Friedrich hingegen glaubt, der Schweizer habe erst nach Amtsantritt die Schwere der Aufgabe erkannt und deshalb versucht, die erfolgreichen Vorgänger in Misskredit zu bringen. Friedrich: »Es ist in der Wirtschaft Regel, möglichst den Erfolg anderer nach unten zu treten.« Heute betrachtet er es als seinen größten Fehler, aus gekränkter Eitelkeit beim FCK hingeschmissen zu haben. Er hat allen Grund dazu.

Denn der Schweizer nahm sich drei Monate Zeit, um sich einzuarbeiten, und kam aufgrund des Gutachtens des Wirtschaftprüfers PwC zu dem Schluss, dass der FCK am Rande der Insolvenz stehe. Um die Liquidität zu sichern, wurden die Transferrechte an Miroslav Klose, dem Kronjuwel des Vereins, für fünf Millionen Euro an die Toto-Lotto-Gesellschaft Rheinland-Pfalz abgegeben.

Nachdem das Gutachten auch ermittelt hatte, dass möglicherweise in der Zahlung für Persönlichkeitsrechte verdeckte Gehaltszahlungen liegen könnten, erstattete Jäggi als Verantwortlicher des FCK Selbstanzeige beim Finanzamt Kaiserslautern. Im Februar 2003 schloss er mit dem Finanzamt eine »tatsächliche Verständigung« und zahlte freiwillig Steuern in Höhe von 8,9 Millionen Euro nach.

Damit wurden der Stadionverkauf und der des vereinseigenen Trainingsgeländes Fröhnerhof unumgänglich. Über Nacht war das Tafelsilber dahin. Die Krux an der Geschichte: Nach einem Urteil des Landgerichts aus dem Jahr 2005 zahlte der Club dem Fiskus damals 7,9 Millionen Euro zuviel. Damit müssten der Verkauf der Arena – und die daraus resultierenden enormen Belastungen für den FCK heute – nachträglich in Frage gestellt werden.

Das bestätigt auch der seit November 2007 als Berater des Vorstands fungierende Hans-Artur Bauckhage. Weder Jäggi noch Erwin Göbel, sein Nachfolger als Präsident, haben seit dem Urteil des Landgerichts daran gedacht, sich die zuviel gezahlten Steuern rückerstatten zu lassen. Es würde das gesamte Sanierungskonzept des vermeintlichen Retters nachträglich in Frage stellen.


Auf der nächsten Seite: Wie der 1. FC Kaiserslautern nach mehreren Trainerentlassungen versucht, mit alten Tugenden den Absturz in die dritte Liga doch noch zu verhindern und vielleicht bald wieder über ein gut gefülltes Konto verfügt.

Doch die aktuelle Finanznot beim FCK hat ein Umdenken bewirkt. Vorstand Bauckhage sagt: »Wir versuchen gerade herauszufinden, ob es möglich ist, die zuviel gezahlten Steuern von damals zurückzubekommen.« Es wäre ein Geldregen, den der Club bitter nötig hat. Denn von dem Geld, etwa 57 Millionen Euro, die René Jäggi 2002 mit dem Stadionverkauf erlöste, um die Schulden zu tilgen und ein neues Team aufzubauen, ist nichts übrig. Bauckhage gesteht ein: »Die gegenwärtige Situation des Vereins ist eine Verkettung von vielen Ursachen. Nicht nur in der Ära Friedrich, auch in der Amtszeit von Jäggi wurden Fehler gemacht.«

Bei nachträglicher Betrachtung der Urteile mögen die zentralen wirtschaftlichen Entscheidungen von Jäggi überhastet wirken. Die sportliche Bilanz des Mannes aus Basel aber ist ein Offenbarungseid. Von Beginn seiner Tätigkeit im September 2002 bis zu der Übergabe der Amtsgeschäfte an Erwin Göbel, Ende Juli 2006 trainierte die Mannschaft unter fünf Übungsleitern. Mit jedem veränderte sich die fußballerische Philosophie. Kohorten von Spielern wurden – mitunter im Halbjahresrhythmus – geholt und wieder abgegeben.

So schwer das Erbe von Friedrichs Amtszeit ist, fest steht auch: Alle Verdienste der alten Führung hatten mit Jäggis Großreinemachen endgültig ihre Bedeutung verloren. Hans-Peter Briegel klagt: »Es ist einmalig in der Bundesligageschichte, dass Verantwortliche, die auch viel Positives für den Verein geleistet haben, in der Öffentlichkeit so platt gemacht wurden und immer noch werden. Das gibt es nur in Kaiserlautern.«

Jäggis sportliche Verdienste sprechen indes eine unmissverständliche Sprache: Seine erste Trainerverpflichtung, Erik Gerets, erreichte zwar das Pokalfinale, nach der Sommerpause aber stand ihm nur noch ein von radikalen Einsparungen geprägter, 18-köpfiger Kader zur Verfügung. Gerets wurde durch Kurt Jara ersetzt, der den Verein trotz des Dreipunkte-Abzugs vor dem Abstieg rettete. Doch dem Österreicher war es nur noch vergönnt, sich als Schadensbegrenzer zu betätigen, der Spieleretat wurde im Zuge weiterer Sanierungsmaßnahmen auf ein Drittel reduziert.

Das schmachvolle Resultat im Sommer 2005: ein elfter Rang. Sogar der Lokalrivale Mainz 05 war besser. Erstmals regte sich leise Kritik an Jäggis hartem Sanierungskurs. »Jäggi hat an den Verein mal überhaupt nicht gedacht. Null Komma Null!«, schimpft Andreas Brehme heute. »Er war der Untergang des FCK.«

Jäggi holte Michael Henke als Nachfolger des blassen Jara an den Betzenberg – und dieser blieb als allergrößtes Trainermissverständnis in der FCK-Geschichte in Erinnerung. Nach dem 13. Spieltag entband man Henke von seinen Aufgaben und er wurde wieder das, was er immer war: der ewige Assistent von Ottmar Hitzfeld. Versuche, durch die Beschickung eines Sportdirektors für Kontinuität zu sorgen, schlugen fehl. Sowohl Marc Wilmots als auch Stefan Kuntz sagten ab.

Die Verpflichtung des alten Lauterer Kämpfers Wolfgang Wolf als Trainer sollte ein Fanal sein – nach Jahren in der Diaspora waren pfälzische Tugenden zurück am Betze. Doch so pathetisch der Effekt gedacht war, so ziellos war seine Wirkung. Am Ende stand der zweite Abstieg des FCK aus der Bundesliga. Jäggi führt als Argument für den Mangel an sportlichem Erfolg ins Feld, dass die wirtschaftliche Situation nur eine Arbeit mit extrem billigem Kadern ermöglichte.

Gegen Ende seiner Amtszeit spielte der Verein mit einem Gesamtetat für Spielergehälter von 13 Millionen Euro. Der unglückliche Wolf sagte im Moment des Abstiegs, er befürchte, auch in der 2. Liga gegen den Abstieg zu spielen. Dieses Szenario ist nun – mit einiger Verspätung – Wirklichkeit geworden.

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