Der Niedergang des FCK (1)

Eiszeit in der roten Hölle

Bibbern auf dem Betze: Der 1. FC Kaiserslautern taumelt Richtung dritte Liga. Seit zehn Jahren fällt der Traditionsclub fast nur noch durch sportliche Inkompetenz, Intrigen und Misswirtschaft auf. Der Niedergang der Roten Teufel - ein Rückblick. Der Niedergang des FCK (1)imago
Heft #76 03 / 2008
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Fritz Walter ahnte, was ihm blühen würde. Warum sonst nötigte er sich und den anderen Pfälzern aus dem WM-Team von 1954 diesen heiligen Schwur ab? Walter, sein Bruder Ottmar, Werner Liebrich, Walter Kohlmeyer und Horst Eckel gaben sich noch in den Sechzigern beim Schoppen Wein das Ehrenwort: Keiner solle jemals nach der aktiven Laufbahn beim 1. FC Kaiserlautern in eine verantwortliche Position rücken. Zu groß würde die Gefahr für jeden einzelnen in der Gruppe, die Bedeutung als Idol der Nachkriegsgeneration aufs Spiel zu setzen. Ein Eid, der auch über den Tod von Fritz Walter, Liebrich und Kohlmeyer hinaus Bestand hat.

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Die Alten haben gut daran getan, ihren Ruf beim FCK nicht zu riskieren. Seit nunmehr einem Jahrzehnt befindet sich der Pfälzer Renommier-Club auf einer sportlichen wie wirtschaftlichen Talfahrt. Horst Eckel, Teil der legendären FCK-Mannschaft, die 1951 und 1953 Meister wurde und als »Walter-Elf« Legendenstatus erreichte, fällt nicht viel ein, wenn er sein Team mit dem heutigen vergleichen soll. »Nur der Name ist noch derselbe«, sagt der Veteran traurig.

Als die Pfälzer 1998 zum letzten Mal Meister wurden, zählte der Club mit seinem Etat noch zu den Top 5 der Bundesliga. Jetzt droht der Absturz in die Regionalliga. Der großzügige Hauptsponsor, die Deutsche Vermögensberatung (DVAG), gab schon einen Vorschuss auf die Rate für kommende Saison, damit noch letzte Verstärkungen für den finalen Kampf um den Klassenerhalt geholt werden können. Ein anonymer Privat-Investor wurde um ein Darlehen von einer Million Euro angepumpt, damit beim FCK nicht die Lichter ausgehen.

Vorstandssprecher Hans-Artur Bauckhage übt sich in Zweckoptimismus: »Ich beschäftige mich erst mit dem Abstieg, wenn er besiegelt ist. Dann holen wir ein weißes Blatt Papier hervor und schreiben alle Zahlen drauf, die uns die neue Geschäftsgrundlage bietet.« Nicht nur der Verein hat also ein Problem bei einem sportlichen Niedergang, sondern ganz Kaiserslautern. Stefan Kuntz, der Kapitän des Meisterteams von 1991, fasst zusammen: »Wenn der Verein absteigt, verlieren die Leute ihre Identifikationsfläche.«

Ein Pfälzer Motto lautet: »Was nicht sein darf, kann nicht sein«

Mit Herzblut, Chuzpe und Ach schleppte sich der Verein mehr als 30 Jahre durch die Bundesliga. Noch 1991 war der Mannschaft eine Reminiszenz an die Goldene Ära der fünfziger Jahre gelungen: In der Vorsaison akut abstiegsbedroht, wurde der FCK sensationell Meister. Kuntz brachte Fritz Walter die Schale, es war die Vermählung der Gegenwart mit der Vergangenheit. Kuntz: »Den alten Helden das Geschenk machen zu können, dass ihr Verein wieder ganz oben ist – das ist mit Worten nicht zu beschreiben.«

Bis heute herrscht in der Pfalz der Glaube vor, der Abstieg des FCK sei ein Ding der Unmöglichkeit. Wie der Mensch im Mittelalter sich nicht vorstellen konnte, dass die Erde eine Kugel sei, über die er freihändig stolzierte, glauben die Pfälzer so lange nicht, dass ihr Club absteigt – bis er wirklich abgestiegen ist. Dabei sind sie doch längst gebrannte Kinder. Norbert Thines, Präsident des FCK beim ersten Bundesliga-Abstieg 1996, erklärt: »Bei uns stirbt die Hoffnung ganz zum Schluss. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.«

Erste Risse bekam das Denkmal FCK nach dem Abgang von Stefan Kuntz 1995. Es gelang den Verantwortlichen nicht mehr wie vorher, Spieler aufzubauen, die das Erbe hätten weiter tragen können. In der Saison 1995/96 war die Mannschaft in Grüppchen zerfallen. Der FCK stieg ab, weil er in der Saison 18 Mal unentschieden spielte, angeblich weil auf dem »Betze« der Rasen zu schlecht war – und er sich einen Abstieg offenkundig bis zum Schluss nicht vorstellen konnte.

»Der Vorstand macht seit fünf Jahren schlechte Arbeit und nichts passiert«


Axel Roos war dabei. Kein Spieler hat länger als er für den FCK gespielt – 22 Jahre am Stück. Er sitzt im »Café Extrablatt« und nippt melancholisch an einem Cappuccino. Roos ist keiner dieser sprichwörtlichen »Pfälzer Krischer«, einem Menschenschlag, den man hier häufig antrifft, den ein übersteigertes Selbstbewusstsein und sein lautstarkes Auftreten charakterisiert. Er ist so, wie er als Spieler war: unauffällig, zuverlässig, ehrlich. Nach 328 Spielen für seinen Club – zwei Meistertiteln und zwei Pokalsiegen – wurde er 2001 ausgebootet. Er verabschiedete sich mit den Worten von den Fans: »Ich muss gehen, um wiederzukommen.«

Die Rückkehr wird ihm nicht leicht gemacht. Gemeinsam mit Demir Hotic und Jürgen Groh hat er dem gegenwärtigen Vorstand um Erwin Göbel vor einem Jahr angeboten, als Scouting-Kommando auszuhelfen. In den vergangenen fünf Jahren hat der Verein rund 90 Spieler verpflichtet, von denen nur ein Bruchteil die Erwartungen erfüllen konnte. Doch der Vorstand lehnte ab. Begründung: Die Trias um Roos habe allein über die Transfers bestimmen wollen und somit vorgehabt, einen Staat im Staate zu gründen. Roos fühlt sich von seinem Club allein gelassen: »Warum werden bei Bayern die Ex-Spieler integriert und ausgerechnet bei uns ausgegrenzt?«

Es ist auffällig, wie viele alte FCK-Veteranen in den Planspielen des Vorstandes keinen Platz finden, unabhängig davon, wer in der Führungsetage herrscht: Stefan Kuntz wurde sich 2003 mit René Jäggi nicht einig, weil der Vorstand seine Kompetenzen in der Arbeitsplatzbeschreibung zu sehr beschnitt. Heute wirkt er recht erfolgreich als Manager beim VfL Bochum. Hans-Peter Briegel scheiterte 1998 an der Hegemonie von Otto Rehhagel und später als Aufsichtsrat am mächtigen Jäggi, dem die sportliche Kompetenz der einstigen »Walz aus der Pfalz« offensichtlich suspekt war.

Im Herbst 2007 warf auch FCK-Rekordtorschütze Klaus Toppmöller nach wenigen Wochen im Amt des ehrenamtlichen Sportdirektors wieder hin. Angeblich, weil der Vorstand ihm nicht die Spieler zubilligte, die er gerne verpflichtet hätte. Derzeit versucht der 66-jährige Ex-FCK-Profi Fritz Fuchs, die sportlichen Belange des Vereins zu managen. Präsident Erwin Göbel, langjähriger Controller des Vereins und dem Vernehmen nach Fan von Eintracht Frankfurt, setzte die fragwürdige Tradition seines Vorgängers Jäggi fort und führt ohne Fortune und sportliches Geschick. Axel Roos sagt: »Wenn ich als Spieler fünf Spiele in Folge schlecht war, saß ich auf der Bank, wenn ein Vorstand fünf Jahre schlecht arbeitet, passiert nichts.«

Wie so oft dräute im Zenit des Erfolgs am Horizont der Niedergang

Den letzten unzweifelhaft sportlich kompetenten Vorstand leitete nach dem Abstieg 1996 der ehemalige FCK-Kapitän Jürgen »Atze« Friedrich. Um ihn und den Konkursverwalter Dr. Robert Wieschemann gruppierte sich das »Team Professionelle Zukunft«. Die Truppe bugsierte auf der Mitgliederversammlung am 9. Juli 1996 Norbert Thines aus dem Amt und teilte in einer neu geschaffenen Struktur – der Vorstand sollte fortan nur noch repräsentieren, der Aufsichtsrat entscheiden – die Posten unter sich auf.

Mit seinem Verhandlungsgeschick gelang es Friedrich, den in München geschassten Otto Rehhagel nach Kaiserslautern zu lotsen: »Ich weiß, Otto, bei Bayern haben sie dich gerade rasiert, und wir spielen nur 2. Liga. Aber ich sag’ dir, das wird gut.« Otto fand das auch – und es wurde sogar noch besser. Mit einem gefestigten Kader war das Jahr 2. Liga lediglich Formsache. Die Mitgliederzahl des FCK stieg auf über 7500, und in der Saison 1997/98 wurde der Club nach einem Parforceritt als erster Verein der Bundesligageschichte nach dem Aufstieg Deutscher Meister.

Kaiserslautern lag Friedrich zu Füßen. Doch wie so oft bei Erfolgsgeschichten mit epochalen Ausmaßen dräute auch hier am Horizont schon der Niedergang – der des FCK und sein persönlicher. Im Februar 2008, keine zehn Jahre später, sitzt Friedrich mit seinem ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Wieschemann in dessen schmucklosem Büro unterhalb der Autobahn in einem Industrieviertel von Kaiserslautern. Regale voll mit Aktenordnern. Eine Sekretärin mit toupierten Haaren steht am Kopierer. Wieschemann raucht Marlboro. Zwei Ordner liegen auf dem Tisch: Die minutiöse Dokumentation eines der spektakulärsten Prozesse in der Bundesliga-Geschichte.

Friedrich und Wieschemann sehen sich als Opfer eines Justizirrtums. Für viele in Kaiserslautern gelten sie jedoch als die Totengräber des Vereins. Großmannssucht und Größenwahn hat man ihnen vorgeworfen. 2005 verurteilte das Landgericht Kaiserslautern Friedrich zu einer Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung auf Bewährung, Wieschemann wegen Beihilfe zu einer Geldstrafe. Der Grund: Bei Transfers von Spielern wie Taribo West, Lincoln oder Jeff Strasser wurden Zahlungen für Persönlichkeitsrechte ins Ausland fällig, die nach Auffassung des Gerichts zum Teil unversteuert wieder in die Taschen der Spieler gewandert seien.

Die Gerichte gingen davon aus, dass die Angeklagten dieses Verfahren aktiv genutzt hätten, um hochkarätige Spieler zu einem deutlich verringerten Gehalt in die strukturschwache Pfalz zu locken. Durch diesen Bauerntrick hofften sie, mit den großen Clubs mitzuhalten. Ein Steuerdelikt: verdeckte Gehaltszahlungen. Das Gericht stützte sich dabei vor allem auf Zeugenaussagen unter anderem von Taribo West. Friedrich führte die Verhandlungen mit Spielern fast immer allein.

Friedrich und Wieschemann weisen jegliche Schuld von sich, schließlich hätten sie stets im Interesse des Clubs gehandelt, und die Zahlungen seien offiziell durch die Bücher des Vereins gelaufen. In seiner Urteilserklärung bescheinigte das Gericht den Angeklagten zumindest, sich nicht persönlich bereichert zu haben. Friedrich sagt: »Wir waren immer der Meinung, nach unserem rechtlichen und kaufmännischen Empfinden das Richtige zu tun – aber das war ein Irrglauben. Taribo West war doch informiert und hat es auch unterschrieben: Nach Paragraf IV erhält der Spieler von diesen Zuwendungen nichts.«


Die persönlichen Folgen des Urteils waren verheerend: Friedrich musste die Privatinsolvenz antreten, sein Sohn flüchtete aus Angst vor Anfeindungen nach Brasilien. Wieschemanns Ruf als integrer Anwalt war fortan ebenso angeknackst wie seine Gesundheit. Noch heute wird seine Enkeltochter von Mitschülern gehänselt, das Auto, das ihr Vater fahre, gehöre dem FCK. Kleinstädte können grausam sein.


Lesen Sie am Montag im zweiten Teil: Wie Lautern trotz Stars wie Mario Basler und Michael Ballack in die Krise stürzte und wie der aktuelle Vorstand doch noch die Kurve kriegen will.

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