Der neue Verfolgswahn im Fußball

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Die Bundesligisten wollen die Daten ihrer Spieler schützen, José Mourinho verbietet seinen Spielern Facebook und Co. – im Fußball geht die Angst um, die Angst vor dem überneugierigen Gegner. Wir finden: Man kann es auch übertreiben. Der neue Verfolgswahn im Fußball

Pünktlich um 23:00 Uhr schwangen sich die Fußballtrainer einst in ihre alten Opel Kadetts, die Kippe im Anschlag, schmissen den Motor an und gingen auf Tour. Ins »Shamrock's«, »Susi's Pinte«, »Lovers Lane«, »Elbschlosskeller« und wie sie alle hießen, jene Kneipen, Diskos, Schwoofschuppen, in denen die Spieler trotz Zapfenstreich vom süßen Nektar des Lebens kosteten, tanzten, rauchten oder sich einfach nur volllaufen ließen. Und das obwohl morgen um 15:30 Uhr Anpfiff war. Legendär sind die Geschichten von Spielern, die hastig aus den Klofenstern vor ihrem neugierigen Trainern entkommen, von Trainern, die mit angeklebten Bärten durch die Altstadt streichen, immer auf der Suche nach amüsierfreudigen Zöglingen. Ach, früher war eben mehr Katz und Maus. Wunderbare Jahre.

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Heute, in Zeiten stromlinienförmiger Profis, Bild-Lesereportern und Kamerahandys, trauen sich die Stars vom grünen Rasen sowieso nicht mehr raus auf die Straße. Von der Kneipe nebenan ganz zu schweigen. Zu groß ist die Angst, verfolgt zu werden, abgeknipst, an den Pranger gestellt. Jetzt sitzen sie zuhause, werfen gelangweilt die Konsole an, schreiben voreilig ein Buch oder zählen die Pickel der Rauhfasertapete. Vorbei also die Zeiten der Verfolgung? Von wegen. Es ist noch viel schlimmer geworden.

Glasfaserdicker Spion in der Hauswand

Wo sich in grauer Vorzeit lediglich der eigene Trainer für die abendliche Freizeitgestaltung interessierte, lauert der Feind heute überall. Glasfaserdick schleicht er sich durch die eigenen vier Wände, sitzt sogar im eigenen Telefon, im Café an der Ecke. Und er ist immer auf der Suche nach den intimsten Geheimnissen aus dem hinterletzten Winkel der Spielergehirne. Grund genug für eine Paranoia.

Warum sonst grassiert derzeit dieser seltsame Verfolgungswahn im Fußball? Zahlreiche Manager von Bundesligaklubs fordern die DFL auf, die Daten der eigenen Spieler besser zu schützen. Gemeint sind jene »sensiblen« Zahlenreihen irgendwo zwischen Laufleistung, Höchstgeschwindigkeit, Passquote und Schweißmenge, die mittlerweile von Datenkraken erhoben werden, um das Spiel verständlicher, die Berichterstattung genauer und den Fan schlauer zu machen. Sie galten als Hilfe für alle. Hilfe, um zu verstehen, warum Hannover in der Europa League ist, Werder plötzlich oben mitmischt und Dortmund nun zehn Mal in Folge Meister wird.

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Ein toller Service, wirklich klasse, doch aus Sicht der Klubs sind die Daten der Feind. Denn plötzlich wissen alle, dass ein schlecht gelaunter Lukas Podolski schlichtweg lauffaul ist, Martin Stoll von Dynamo Dresden gar der langsamste Zweitligaprofi des ersten Spieltags. Das muss verhindert werden, denn wenn nun jeder sehen kann, dass Profis auch mal schlechte Tage haben können, sinken Marktwerte, Ansehen und Zuschauerzahlen. Irgendwann verliert der Fußball seine Glaubwürdigkeit. Wer will schon Menschen mit kleinen Fehlern und Schwächen sehen? Niemand. Also rennt ein ganzes Land fortan zum Dart. Oder schaut Tour de France. Ganz bestimmt.

Ronaldo darf nicht mehr twittern

Die Angst vorm Ausspionieren übertrifft natürlich wieder nur einer: »The Special One«. José Mourinho will seinen Spielern die Nutzung von Facebook, Twitter und Co. verbieten. Warum? Ist doch klar, die zahlreichen Feinde von Real Madrid (UNICEF, UEFA, Guardiola, Welt) sind angeblich ganz scharf darauf, aus den Web-Aktivitäten der Real-Spieler Rückschlüsse auf die Stimmung innerhalb der Mannschaft ziehen. Man mag es sich kaum vorstellen:

11. Dezember 2011, Clásico, Carlos Puyol hat gestern Abend die Twitter-Kanäle von Ronaldo und Co. gescannt. In der 13. Minute setzt er vor der Grätsche zum gepflegten Trashtalk an (»He, Ronaldo. Gestern Scampis zum Abendessen gefuttert?«). Ronaldo rastet aus. Rot. Die spielentscheidende Szene.

Das darf nicht sein. Deswegen sagen wir Ja zum Verfolgungswahn. Sperrt eure Spieler in Häuser aus Stahlbeton. Nehmt ihnen den letzten Kontakt zur Außenwelt. Hüllt sie auf dem Spielfeld in Alufolie, damit die Datenerhebung in den Stadien unmöglich wird. Schützt sie wie Geheimagenten. Verschafft ihnen Zweit-Identitäten, Doppelgänger und Wohnsitze in verschiedenen Ländern. Schult sie in Selbstverteidigung, Fährtenlesen und Flucht. Der Feind wartet von nun an überall.

Solltet ihr sie aber einmal nach dem Zapfenstreich in der Kneipe suchen, werden sich diese perfekt ausgebildeten Fußballagenten längst aus dem Staub gemacht haben. Wundert darf euch das dann nicht: Es sind die Geister, die ihr einst gerufen habt.

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