Der Musikgeschmack deutscher Profis

Sie wissen nicht, was sie hören

Taktisch und technisch erstklassig ausgebildet, vor dem Mikrofon eloquent wie Diplomaten, optisch eine Augenweide: Jungprofis aus der Bundesliga scheinen wahrhaft makellos zu sein. Oder? Ein Blick auf ihren Musikgeschmack offenbart tiefe Abgründe. Der Musikgeschmack deutscher Profis

Natürlich Lionel Messi. Wer sonst, als der kleine Barca-Floh mit den übermenschlichen Fähigkeiten sollte uns in diesen dunklen Zeiten Hoffnung schenken? Messi also. Nein, es geht dieses eine Mal nicht um seine katzenähnliche Gewandtheit, seine unfassbare Handlungsschnelligkeit, seinen geringen Körperschwerpunkt, seine Einzigartigkeit in puncto Ballbehandlung, Torabschluss, Passgenauigkeit, Übersicht, Eleganz, Stopp! Nein, verdammt, es geht nur ein einziges Mal um etwas viel Wichtigeres als Fußball.

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Es geht um Musik, besser gesagt um Musikgeschmack oder noch besser gesagt, um die Angst, dass unsere Bundesliga-Helden europaweit zur Lachnummer werden. Musikalisch gesehen. Aber fangen wir von vorne an.

Seit jeher bilden sich aus Musik ganze Jugendbewegungen: Mods, Punks, Skins, Popper, Breaker, Raver, Raggamuffins – jede Gruppe vereinte der gemeinsame Rhythmus, die gleiche Kleidung, die gleiche Idee vom Leben. Und so formten sich um Laufe der Jahre Glaubensgemeinschaften, die in der Lage sind, sich mit einem einzigen Blick untereinander zu erkennen. Mittendrin: Die Ikone Lionel Messi.

Die Jagd auf Kabinen-DJs

Kurz vor der WM 2010 sendete er ein Zeichen raus an alle Glaubensbrüder: »Oasis sind unglaublich, ihre Songs sind unfassbar. ›Supersonic‹ und ›Live forever‹ sind meine Favoriten«, so Messi. »Ich höre ihre Songs überall, im Hotel, auf dem Weg ins Stadion, in der Kabine.« Sein Mannschaftskollege Carlos Tevez hatte Messi Manchesters feinsten Export seit George Best gezeigt. Der Zauberzwerg war begeistert von der Musik, die eine ganze Generation von Bier- und Zigaretten tötenden Jeansjackenträgern nachhaltig geprägt hat. Messi war plötzlich kein hochbezahlter Edelkicker mehr, nein, Messi war einer von uns. Messi schenkte uns Hoffnung.

Denn spätestens seit dem Sommermärchen 2006 ahnten wir, dass es um Musikgeschmack deutscher Elitefußballer nicht allzu gut bestellt ist. Xavier Naidoo schenkte ihnen die Hymen für ihre Über-WM im eigenen Land und Poldi, Schweini und Co. sprangen darauf an, heulten den Song vom Weg, der kein leichter sei, sogar vor Hundertausenden am Brandenburger Tor. Nicht wenige wendeten sich angeekelt ab.

In unserer Bildergalerie: Von Pfaff bis Immel – Singende Fußballer >>

Anschließend begann die mediale Jagd auf die Kabinen-DJs der Bundesliga. Was hören der FC Bayern vor dem Anpfiff? Zu was entspannt Werder Bremen im Entmüdungsbecken? Was läuft auf der Meisterfeier des VfL Wolfsburg? Die Recherche ergab wenig Aufmunterndes: Viel Pop, noch mehr Black Music – Großraumdisco-Musik, die zum oft grellen Auftreten einiger Profis passte.  

Schunkelschlager in der BVB-Kabine

In der vergangenen Woche schlugen dann Meldungen über die Hörvorlieben aktueller Bundesliga-Protagonisten wie Blitze in die Seelen musikaffiner Fußballfans ein. Zuerst gestand Hoffenheim-Coach Holger Stanislawski, den man aufgrund seines Reeperbahn-Backgrounds eher zwischen den Dead Kennedys und Slime verortet hatte, er höre am allerliebsten die Lieder der Disco-Fox-Königin Andrea Berg. Die BVB-Spieler Patrick Owomoyela und Roman Weidenfeller traten am vergangenen Wochenende sogar im ARD-Schlagerstadl von Sonnenbankikone Florian Silbereisen auf, um der Sängerin Helene Fischer die Goldene Schallplatte zu überreichen.


Owomoyela, dessen langjähriger Spitzname Shaggy eigentlich auf eine andere Musikerziehnung schließen ließ, sagte im Anschluss: »Helene ist nicht nur optisch attraktiv, sondern macht auch richtig gute Musik. Im Mai waren einige von uns auf einem Konzert von Helene. Ich finde sie richtig klasse.« Bitte was? Die flotteste, jüngste, frischeste und reflektierteste Mannschaft der Bundesliga, der BVB also, der in der letzten Saison mit einem Altersdurchschnitt knapp über der Pampersliga den Titel holte, steht auf Musik, bei der selbst auf Ü50-Partys die Gäste fluchtartig und verschämt den Raum verlassen?

Toni, komm mit mir ins Abenteuerland

Und das ist keine Ausnahme, denn nun gestand auch noch Toni Kroos, dass er am liebsten Pur hört, weil er Hartmut Engler als Menschen und Sänger klasse findet. »Komm mit mir ins Abenteuerland«, möchte man da Toni Kroos zurufen, denn hinter dem Schlagerhorizont wartet noch ganz andere Musik, die inspirierend, beflügeln, ja vielleicht sogar stilbildend sein kann.

Wo wir wieder bei Lionel Messi wären. Ob seiner Leidenschaft für Britpop sprach Barca-Lebensversicherung nämlich auch noch von seinem ganz großen Traum: Er wolle mit einer Oasis-Cover-Band durch Europa ziehen, er selbst an der Gitarre, verkleidet durch verrauchte Clubs stolpern, unerkannt an der Bar Schnaps zechen. Seht her, liebe Bundesliga-Profis, der beste Fußballer der Welt sehnt sich nach ein wenig Punkrock in seinem Leben. Und ihr schunkelt lieber wie eine Horde Rentner auf der Kaffeefahrt.

Obwohl, ganz so weit kann es mit Messis Fantum für die Band der Gallagher-Brüder dann doch nicht her sein, denn er gestand auch: »Ich habe Carlos gefragt, ob wir nicht Mal in Manchester oder London zusammen auf ein Oasis-Konzert gehen wollen. Leider geht das nicht. Carlos hat mir gesagt, dass sich die Band aufgelöst hat.« Ob Messi mittlerweile Helene Fischer hört, ist nicht überliefert. Wir hoffen es nicht.

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