Der Ligawahnsinn im Lande Maradonas

Argentinien sucht den Supermeister!

Neues aus Argentiniens Eliteklasse: Findige Funktionäre haben dort zur aktuellen Saison den Supermeister ersonnen. Während sich der Verband dadurch mehr Spannung im Tableau erhofft, könnte die Ligareform auf dem Rasen jedoch zu großer Langeweile führen.

Argentiniens Fußballfans dürfen sich freuen. Die Funktionäre ihres Verbandes verfügen über ein scheinbar schier unerschöpfliches Maß an Kreativität, wenn es darum geht, den Meisterschaftsmodus der heimischen Liga noch attraktiver zu gestalten. Nach »Apertura« und »Clausura« sowie den »Promedios« haben die Mannen um AFA-Präsident Julio Grondona pünktlich zur aktuellen Saison ein neues Projekt aus dem Hut gezaubert: den Supermeister.

Ein ganz großer Coup, schwärmt Enrique Lombardi, Präsident von Erstligaklub Estudiantes de la Plata, der sich ebenfalls für die Ligareform stark gemacht hatte. Er ist sich sicher, dass Argentinien dadurch die »weltweit spannendste Liga« auf den Weg gebracht hat.

»Apertura«, »Clausura«, Torneo Final«, Copa Evita Capitana« – noch Fragen?

Aus einer Spielzeit muss doch mehr rauszuholen sein, als lediglich zwei Champions, scheint man sich in der AFA-Zentrale im Herzen von Buenos Aires gedacht zu haben. Seit den 1990/1991 eingeführten so genannten Kurzturnieren (spanisch »torneos cortos«),  wurden in Argentinien pro Saison zwei separate Meisterschaften ausgetragen. Die Hinrunde nannte man »Apertura«, die Rückrunde »Clausura«.

Nun wird die »Apertura« in »Torneo Inicial« (Auftaktturnier) und die »Clausura« in »Torneo Final« (Abschlussturnier) umgetauft. Zwar gehen die jeweiligen Gewinner fortan nicht mehr als Meister in die Statistik ein, auf eine symbolträchtige Trophäe müssen sie dennoch nicht verzichten. Zu Ehren des 60. Todestages der Nationalheiligen Evita darf sich die Elf mit den meisten Punkten im Dezember über die »Copa Evita Capitana« freuen. Wie die Auszeichnung für den Gewinner der zweiten Saisonhälfte heißt, steht noch nicht fest.

Höhepunkt ist schließlich das Duell der beiden Halbseriensieger. An neutralem Ort wird dann im großen Showdown der Superchampion ermittelt. Mehr Spannung geht nicht.

Ob man bei der DFL dieser Tage etwas neidisch nach Argentinien schaut, ist nicht bekannt. Vielleicht hätte der deutschen Eliteklasse zum Jubiläum auch etwas argentinischer Innovationsmut gut zu Gesicht gestanden. Doch so müssen sich die Fans hierzulande auch in der 50. Auflage der Bundesliga 34 Spieltage lang gedulden, bis schließlich eine Mannschaft allein den ganzen Lorbeer einstreicht. Wenigstens dem Herbstmeister hätte man doch etwas mehr Anerkennung als bisher schenken können.

»Wenn Boca die Tabelle anführt, ist das doch langweilig«

In den Vitrinen der meisten Vereine wäre bestimmt noch Platz für den einen oder anderen Pokal. Und vielleicht würden sich die Branchenprimusse aus München und Dortmund zugunsten der Spannung ebenfalls derart großzügig zeigen wie die Boca Juniors. Dessen Vizepräsident Juan Carlos Crespi findet eine lange Meisterschaft zwar schön, »aber wenn Boca die Tabelle mit 18 Punkten anführen würde, dann wäre die Begeisterung dahin«. Soviel Solidarität ist selten im harten Profigeschäft.

In Argentinien bekommt das Fanherz Adrenalin pur geboten. Entscheidungen fallen am Fließband. Was macht es da schon, wenn die Lieblingsmannschaft mal einen Durchhänger hat? Schon bald geht das Spiel ja wieder von vorne los.

Apertura-Meister 1997? Keine Ahnung, ist aber auch egal. Emotionen müssen geweckt werden. Was zählt ist Leidenschaft. Spannung und Dramatik sind Trumpf. Irgendwo soll anscheinend immer irgendwer irgendeinen Pott in die Höhe recken. Es gibt ja auch noch den argentinischen Pokal. Ganz zu schweigen von der Copa Sudamericana und Copa Libertadores, den südamerikanischen Pendants zur Europa- und Champions-League. 

Doch nicht nur die Meisterfrage wurde in Argentinien reformiert, sondern auch das Ende des Tableaus. Künftig gibt es drei Direktabsteiger. Die bisherigen Relegationsspiele, bei denen es um zwei Erstligatickets ging, fallen weg.
Welche drei Teams am Saisonende in die Zweitklassigkeit rutschen, wird wie bisher über die »Promedios« ermittelt. Dahinter verbirgt sich der Durchschnittswert aus den gesammelten Punkten der vergangenen drei Spielzeiten geteilt durch die Anzahl der absolvierten Partien. Ein Verfahren, das zuletzt zu der paradoxen Situation geführt hatte, dass mit Tigre ein Klub gleichsam um den Titel und gegen den Abstieg spielte.

Spielanalysen schon in der Halbzeitpause

Schnelllebig war der argentinische Fußball schon immer. Das dürfte künftig kaum anders sein. Einen kleinen Vorgeschmack lieferte jüngst Caruso Lombardi. Mit der Zunge oft schneller als mit dem Denken, nutzte der redselige Trainer von San Lorenzo bereits die Halbzeitpause der Partie bei River Plate für eine detaillierte Analyse.

Wille und Einsatz, all das habe seine Elf gezeigt. »Nur das fußballerische Element fehlt noch«, dozierte Lombardi. Aber das dürfe man bei einem neuformierten Team ja auch nicht erwarten, »dazu brauche es Zeit«. Ein teures Gut in einer Liga, in der das Fazit nun schon vor dem Schlusspfiff gezogen wird. Lombardi hatte Glück. Sein Statement musste er nach den 90 Minuten nicht ändern. Fußballerisch war auch im zweiten Durchgang nichts Nennenswertes passiert. Tore? Fehlanzeige.

Riskieren will kaum ein Trainer etwas. Ausrutscher lassen sich im Kurzturniermodus nur schwer korrigieren. Aber spannend ist es zumindest. 

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Kai Behrmann ist Journalist und wohnt in Buenos Aires. Ab sofort berichtet er für uns regelmäßig über den Fußball in Südamerika.

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