11.04.2012

Der legendäre »100.000 Mark Sturm« von Preußen Münster

Das Jahr der 100.000

Der Ursprung aller Vereinsmäzene: 1950 formten westfälische Geschäftsmänner ein Starensemble – Preußen Münsters »100 000 Mark Sturm« wurde zur Legende. Vor dem Klassiker gegen Arminia Bielefeld (heute, 15 Uhr) erinnern wir daran.

Text:
Alex Raack
Bild:
Imago

Fünf Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Münster ist dabei, den Krieg abzuschütteln, der wie eine Bleiweste auf der Stadt liegt. Noch sind die Spuren der Zerstörung durch tausende Bomben unübersehbar, aber immerhin fließt schon wieder das erste Bier. Im Gasthaus »Stuhlmacher« am Prinzipalmarkt, dort wo das Herz von Münster schlägt, zapft Besitzer Franz Feldhaus frisches Pils im Akkord. An der Theke drängeln sich die Gäste. Das Geschäft läuft gut und hat dem jungen Mann zu schnellem Wohlstand verholfen. Gemeinsam mit anderen Münsteranern sitzt Josef Oevermann in einem der hinteren Räume. »Opa«, wie sie ihn hier nennen, hat mit seinem Hoch- und Tiefbauunternehmen bereits die halbe Stadt wiederaufgebaut. Am Stammtisch »Matterhorn« trifft sich die Elite der Stadt. Man spricht über Geschäfte, Politik – und über Preußen Münster. Spätestens seit dem Aufstieg in die Oberliga 1948 ist der örtliche Sport Club Preußen auch in der Oberschicht das große Gesprächsthema geworden. Angesteckt mit dem Virus Fußball wurden alle von »Opa« Oevermann, der vor dem Krieg selbst für Preußen gekickt hat. Inzwischen leitet er als Obmann die Geschicke des Vereins. Aus der Runde im »Stuhlmacher«, wo sich Lebensmittelhändler, Bauunternehmer und Kaufmänner die Klinke in die Hand geben, entwickelt sich schon bald der selbsternannte »Preußen-Ring«, eine Art Sponsorenpool der lokalen Wirtschaft. Zwischen Zigarrenqualm und Bierschaum werden Pläne geschmiedet. Denn man hat Großes vor.



Das Ziel: Preußen Münster soll die beste Mannschaft Deutschlands werden. In der Universitätsstadt sieht man sich längst wieder auf Augenhöhe mit den Branchengrößen aus Essen und Gelsenkirchen, jetzt sollen zählbare Erfolge her. Mit dem aktuellen Kader ist das ein unrealistisches Ziel. Der »Preußen-Ring« sucht nach Spitzenspielern, Ausnahmekönnern, echten Stars. Doch die sind schwer zu finden und noch schwerer nach Münster zu locken. Von einem Transfermarkt der Gegenwart, wo man sich mit Geld alles kaufen kann, ist man noch so weit entfernt, wie die Erde vom Mond: Das im Mai 1949 eingeführte Vertragsspielerstatut verhindert offiziell die Zahlungen hoher monatlicher Geldbeträge. Laut Statuten liegt das Maximalgehalt bei 320 DM, inklusive Leistungszulagen von 10 DM pro Spiel. Mit enormen Gehältern lassen sich die Fußballer nicht von ihren Vereinen weglocken. Preußens Macher müssen sich etwas anderes einfallen lassen.

Die Neuzugänge: Lammers, Rachuba, Rudi Schulz

Wie man die bestehenden Gesetze im Fußball elegant aushebeln kann, hat Josef Oevermann schon 1949 bewiesen. Zu den ein Jahr zuvor aufgestiegenen Preußen stießen damals zwei absolute Top-Stürmer: Jupp Lammers und Siegfried Rachuba. Lammers, ein angehender Sportlehrer, hatte sich von Oevermann mit Aussicht auf einen sicheren Studienplatz und bezahlte Unterkunft überzeugen lassen und wechselte vom FC Bocholt nach Münster. Dem gelernten Anstreicher Siegfried Rachuba versprach der Preußen-Obmann die Einrichtung eines eigenen Malereigeschäfts und damit eine Existenzgrundlage. Für den 27-Jährigen ein Angebot mit Zukunft, auch er sagte zu.

1950 geht die Einkaufstour weiter. Der 23-jährige Rudi Schulz, einer der besten Außenläufer Westdeutschlands, wechselt aus Dortmund in die Domstadt – als Gegenleistung vermittelt der Verein ihm die Ausbildung bei der lokalen Raiffeisenversicherung. Mit ihm kommt BVB-Kollege Adi Preißler, zweifacher Torschützenkönig der Oberliga und im Westen ein echter Star. Ihm verspricht Verhandlungsführer Oevermann eine Großtankstelle und ein für damalige Verhältnisse gewaltiges Handgeld von 10 000 DM. 

Der größte Coup von Mäzen Oevermann: Fiffi Gerritzen

Doch seinen größten Coup feiert der umtriebige Unternehmer kurze Zeit später: Er überredet den Oldenburger Felix »Fiffi« Gerritzen, nach Münster zu kommen. In der Oberliga Nord zum Nationalspieler gereift, lockt ihn nun der SCP mit einem Job als Chef-Chauffeur bei der Provinzial-Versicherung. Gerritzen geht trotz zahlreicher Angebote aus ganz Deutschland nach Münster – auch weil Vater Gerritzen seinem Junior rät: »Geh nach Münster. Schöne Stadt.« Mit der Zusage des pfeilschnellen Außenstürmers wird ein bis dahin in Deutschland einmaliger Kraftakt beendet. Nie zuvor hat sich ein Verein mit dem Einkauf ortsfremder Starspieler eine solche Spitzentruppe zusammengestellt. Die neue fünfköpfige Angriffsreihe, bestehend aus Lammers, Rachuba, Schulz, Preißler und Gerritzen, gehört nominell mit zum Besten, was der deutsche Fußball in dieser Zeit zu bieten hat. Ein Journalist findet schnell den passenden Namen für diese außergewöhnliche Offensive: Der »100 000 Mark Sturm« ist geboren. 

Spätestens jetzt ist der Verein in aller Munde. Und Fußball-Deutschland fragt sich: Haben die Preußen-Macher tatsächlich die zu diesem Zeitpunkt gigantische Summe von 100 000 DM für eine Handvoll Fußballspieler ausgegeben? Und wenn ja, woher kommt das viele Geld so kurz nach dem Krieg? Der DFB schaltet sich ein – Preußen Münster wird gezwungen, die Bücher offenzulegen und kann so schließlich die Zweifel des Verbandes zerstreuen: Die Auszahlung einer solch gigantischen Summe hat es nicht gegeben. Wie viel Geld der Klub aber tatsächlich für seine Neuzugänge ausgibt, ist bis heute ein Geheimnis. 

Der »100.000 Mark Sturm« soll keine 30.000 DM gekostet haben

30 Jahre später schreibt die »Münstersche Zeitung«: »Der 100 000 Mark Sturm soll nach glaubhaften Aussagen eines damaligen Preußen-Vorstandes keine 30 000 DM gekostet haben.« Statt die Neuzugänge mit Bargeld zu überschütten, sorgt der »Preußen-Ring« auf andere Weise für eine bevorzugte Behandlung der Fußballer. Jeder aus dem Fünfersturm bekommt eine schöne Wohnung inklusive Einrichtung gestellt. Miete und Nebenkosten übernimmt der Verein. Und die Arme des »Preußen-Rings« reichen in jede Ecke der Universitätsstadt: Im »Stuhlmacher« gehen die Runden auf Franz Feldhaus, wer beim Lebensmittelhändler Spiekermann einkauft, braucht nicht zu bezahlen – die jungen Männer, vor wenigen Jahren noch an der Front oder in Gefangenschaft, werden plötzlich behandelt wie kleine Könige. Eine hemmungslose Geldschleuder ohne Rücksicht auf Verluste ist der »Preußen-Ring« aber dennoch nicht. Franz Feldhaus bestätigt den Unternehmergeist seines damaligen Mitstreiters: »Josef Oevermann war in erster Linie Kaufmann. Der hat in seinem Betrieb nur Fußballer eingestellt, die auch malochen konnten.«

Unter das immer größer werdende Heer der Gönner und Geldgeber mischt sich in diesem Sommer auch so manch dubiose Gestalt. Mit an Bord der Maschine, die die Mannschaft am 8. Juni 1951 zum Auswärtsspiel gegen TeBe Berlin fliegt, sitzt ein Mann, den Franz Feldhaus zuvor noch nie gesehen hat. Das allein ist schon eine Besonderheit, denn Feldhaus kennt sonst jeden seiner Mitreisenden beim Vornamen. Richtig stutzig wird er, als er erfährt, dass der Unbekannte angeblich allen Spielern eine Musiktruhe und einen Ledermantel geschenkt hat. Womit dieser Mann denn sein Geld verdiene, fragt er Preußen-Torwart Otto Mierzowski, als der Fremde ihm in einer Berliner Kneipe Konkurrenz beim Schmeißen diverser Whisky-Runden macht. »Ist Kassierer beim Finanzamt«, antwortet Mierzowski zwischen zwei Schnäpsen. Feldhaus: »Drei Wochen später saß der Typ schon im Knast. Hatte der Stadt 80 000 DM unterschlagen.«

44 der 58 Saisontore schießt der »100.000 Mark Sturm«

Sportlich wird die Saison 1950/51 für Preußen Münster zu einem Triumphzug. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten findet sich die neue Mannschaft bald. Am Ende der Punktspielrunde hat der »100 000 Mark Sturm« unglaubliche 44 der insgesamt 58 Preußen-Tore erzielt. Das »Sport-Magazin« analysiert den Gemütszustand der wachgeküssten Fußballstadt: »Es ist die Zugkraft dieser Sturmreihe, die seit vielen Wochen die alte verträumte Studentenstadt in ein Fußballfieber versetzt hat.« Als Tabellenzweiter zieht Preußen Münster in die Endrunde zur Deutschen Meisterschaft ein, und in einer dramatischen Gruppenphase schafft der SCP tatsächlich den Einzug ins Finale: Im letzten Gruppenspiel gewinnt Münster 8:2 gegen TeBe Berlin, Hauptkonkurrent Nürnberg kommt gegen den HSV zwar zu einem 4:1-Erfolg, doch das eine Gegentor gibt den Ausschlag zugunsten von Preußen.

In Münster ist nach dem Sensationserfolg die Hölle los. Im Gasthaus »Westfalenhof« reißen die Gäste jubelnd die Fotos ihrer Helden von der Wand, während im Hintergrund der Pianist aus voller Kehle grölt: »Ich fahr mit dem Rachuba zum schiefen Turm nach Kuba!« Selbst die intellektuelle Oberschicht lässt sich von der Euphorie anstecken: Mit im Bus der jubelnden Preußen-Spieler in Berlin steht nach dem Abpfiff Professor Siegfried Borries, Konzertmeister bei den Philharmonikern. Der gebürtige Münsteraner dirigiert glücksbesoffen einschlägiges Vereinsliedgut. 
Mehr als 8000 Münsteraner machen sich schließlich am 30. Juni 1951 auf den Weg zum Finale in Berlin. Einige beweisen besonders zähes Sitzfleisch: Auf der Pritsche eines Milchwagens überstehen 30 Hartgesottene die 500 Kilometer Anreise auf eilig zusammengezimmerten Sitzreihen. 

Ottmar Walter zerstört den Traum von der Meisterschaft

Doch gegen den 1. FC Kaiserslautern misslingt dem Außenseiter der ganz große Wurf. Nach der Führung durch Gerritzen sehen 100 000 Menschen im Olympiastadion, wie Ottmar Walter mit zwei Toren den FCK zur ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte schießt. In der Heimat werden Preußens Spieler trotzdem wie Helden empfangen. Jubelnde Menschenmassen am Straßenrand, ein Fahnenmeer in der Innenstadt, Blumenkränze – das ganze Programm. Franz Feldhaus, der Wirt vom »Stuhlmacher«, fährt Torwart Otto Mierzowski in seinem offenen DKW-Cabriolet durch Münster, als eine junge Frau den Wagen entert und den Torwart mit Küssen eindeckt. »Kennst du das Mädchen?«, fragt Feldhaus. »Nie gesehen«, stammelt der Schlussmann.

Was Fußballer und Zuschauer nicht wissen können – mit dem Autokorso in Münsters Innenstadt geht im Sommer 1951 nicht nur eine famose Saison zu Ende, es ist gleichzeitig auch der Höhepunkt der Vereinsgeschichte von Preußen Münster. Der »100 000 Mark Sturm« verliert seine erste Stütze – Adi Preißler verlässt den Verein nach nur einem Jahr. Die versprochene »Großtankstelle« entpuppte sich bei näherem Hinsehen als eine einzelne schrottreife Zapfsäule. Und um die Auszahlung seines Handgelds, einen vordatierten Scheck über 10 000 DM, hat der Stürmer lange kämpfen müssen. »Oevermann hat dem Adi was vom Pferd erzählt. Irgendwann hatte der die Schnauze voll«, urteilt Feldhaus knapp 60 Jahre später. Nach nur einem Jahr wechselt Preißler zurück nach Dortmund. Zwar bleibt der Rest des Fünfersturms dem Verein erhalten, doch die Harmonie, mit Schlafzimmergarnituren und beruflicher Zukunft erkauft, ist sichtbar angekratzt. »Mit Adi«, gibt Feldhaus zu, »haben wir es uns selbst verscherzt.« Ein Verlust mit Folgen: Nie wieder wird Preußen Münster so nah dran sein, die beste Mannschaft des Landes zu werden. Und Adi Preißler führt Borussia Dortmund 1956 und 1957 zu zwei Deutschen Meisterschaften. Langfristige Erfolge lassen sich auch mit dem Geld vom Stammtisch »Matterhorn« nicht herstellen.

Der legendäre Sturm ist der Startschuss in ein neues Zeitalter

Das Ende einer grandiosen Saison. Das Ende einer einmaligen Geschichte. Der Beginn einer einzigartigen Vereinslegende, die in Münster bis in die Gegenwart liebevoll gepflegt wird. Und gleichzeitig der Startschuss für ein neues Zeitalter in der deutschen Fußballlandschaft. Was einst im Münsteraner »Stuhlmacher« bei Pils und Eisbein begann, hat längst Schule gemacht. Geld regiert die Fußball-Welt. Auch wenn 100 000 DM heute wahrscheinlich nicht einmal für einen angemessenen Dienstwagen reichen 

 
 
 
 
 
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