Der Lauf und Antilauf des Miroslav Klose

Karriere mit Charme

Er ist vermutlich der einzige Spieler der Welt, der gleichzeitig einen Lauf und einen Antilauf haben kann. Der bald 33 Jahre alte Miroslav Klose spielt seit zehn Jahren für Deutschland – vor allem, weil er etliche Krisen überwunden hat. Der Lauf und Antilauf des Miroslav Klose

Im Grunde müsste Oliver Bierhoff sehr gemischte Gefühle beim Gedanken an das Länderspieldebüt von Miroslav Klose haben. Natürlich erinnert sich der Manager der Nationalmannschaft gerne an den gelungenen Einstand des jungen Stürmers vom 1. FC Kaiserslautern. Andererseits befand sich Bierhoff schon gar nicht mehr auf dem Platz, als Klose am 24. März 2001 im WM-Qualifikationsspiel gegen Albanien eine gute Viertelstunde vor Schluss eingewechselt wurde. Teamchef Rudi Völler hatte seinen Kapitän in der Pause vom Feld genommen, schlecht hatte der an diesem Abend gespielt. Und so war der Tag, an dem die große internationale Karriere des Miroslav Klose begann, zugleich der Tag, an dem Bierhoff, der EM-Held von 1996, seinen Stammplatz in der Nationalmannschaft verlor.

Beides war so nicht unbedingt zu erwarten.

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Auf den Tag genau zehn Jahre später sitzt Miroslav Klose im Leibniz-Saal des Kurfürstlichen Schlosses zu Mainz. Pressekonferenz vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan am Samstag (20 Uhr, live im ZDF). Es ist fast schon zu kitschig, dass Kloses Jubiläumsspiel in Kaiserslautern auf dem Betzenberg ausgetragen wird, da, »wo ich meine ersten Schritte im Fußball gemacht habe« und wo er zuvor schon als Fan auf der Westtribüne gestanden hat. Als er 2001 zur Nationalmannschaft stieß, war er das eigentlich immer noch: ein Fan, der sich in die Welt des großen Fußballs verirrt hatte. Den Teamchef nannte Klose damals ehrfurchtsvoll »Herr Völler«, und seinen neuen Teamkollegen Oliver Kahn siezte er.

Klose hat sich aus jener Zeit »als schmaler Bub« in Erinnerung, aber der schmale Bub war es, der die Deutschen vor einer Blamage bewahrte. Zwei Minuten vor dem Ende – es stand immer noch 1:1 – fiel ihm der Ball im albanischen Strafraum plötzlich vor die Füße. »Ich hab mich hingekniet und ihn mit dem Kopf reingemacht«, erinnert sich Klose. Warum mit dem Kopf? »Ich weiß nicht, warum.« Vielleicht Instinkt. Egal, es war der Siegtreffer und »ein Traum für mich, ein Märchen«. Eigentlich hatte Klose dem Teamchef nur beweisen wollen, dass er über gute Ansätze verfüge und daher weitere Einladungen verdiene. »Die Ansätze sind wohl nicht so schlecht gewesen«, sagt er.

Mit seinen bald 33 Jahren stammt Klose noch aus einer anderen Zeit, er hat mit Spielern zusammengespielt, »da kennt man die Namen schon fast nicht mehr«, mit Wosz, Scholl oder Jeremies. Seine aktuellen Kollegen Mario Götze, André Schürrle oder Sven Bender könnten deren Söhne sein. Klose ist im aktuellen Aufgebot der jungdynamischen Nationalmannschaft bei Weitem der Älteste, das Länderspiel gegen Kasachstan wird sein 107. sein. Vor ihm liegen nur noch Jürgen Klinsmann (108) und Lothar Matthäus (150), und zum Torrekord von Gerd Müller (68) fehlen ihm ganze neun Treffer.

Das ist die Gesellschaft, in der sich der scheue Miro von einst inzwischen bewegt: unter lauter Weltmeistern. Und auch wenn es für Klose nie zu einem internationalen Titel gereicht hat, so hat seine Karriere doch einen eigenen Charme, gerade wegen der zyklisch auftretenden Schwankungen und der Brüche, von denen es einige gab. Klose war immer besonders anfällig für den Stürmer-Blues, für jene Phasen, in denen die Minuten der Torlosigkeit gezählt werden. Dass er sich aus solchen Krisen herausgekämpft hat, das ist vielleicht Kloses größte Leistung. »Es ist einfach eindrucksvoll, wie er auch schwierige Phasen beiseiteschiebt«, sagt Oliver Bierhoff.

Miroslav Klose ist vermutlich der einzige Spieler der Welt, der gleichzeitig einen Lauf und einen Antilauf haben kann. In der Nationalmannschaft genießt er gerade mal wieder größte Wertschätzung und höchstes Vertrauen. »Über ihn gibt es bei uns keine Diskussionen«, sagt Bundestrainer Joachim Löw. Im Verein hingegen verharrt Klose seit Monaten im Status des Ergänzungsspielers. Zuletzt wurde er bei den Bayern achtmal hintereinander eingewechselt, immer erst nach der 65. Minute. Seit Ende September stand Klose nicht mehr in der Startelf. Es war das Spiel, in dem Mario Gomez zum vorerst letzten Mal von der Bank kam. Damals kreuzten sich ihre Wege. »Mario hat seine Chance hervorragend genutzt«, sagt Klose. Gomez hat seitdem immer von Anfang an gespielt und sich mit 19 Saisontoren an die Spitze der Torjägerliste geschossen.

In der Nationalmannschaft ist es genau umgekehrt. Klose wurde im September 2009 zum letzten Mal bei einem Länderspiel eingewechselt – für Mario Gomez, für den es zugleich der bisher letzte Einsatz von Beginn an war. Warum sollte der Bundestrainer auch etwas ändern? Klose hat in den jüngsten fünf Länderspielen immer getroffen und insgesamt sieben Tore erzielt. »Er ist einfach ein ganz wichtiger Spieler für uns«, sagt Oliver Bierhoff. Und deshalb will Klose auf jeden Fall bis zur EM 2012 in seinem Geburtsland Polen weitermachen. Selbst über die WM 2014 hat er schon mal laut nachgedacht.

Warum auch nicht? Miroslav Klose hat ja gerade einen Lauf.

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