Der lange Weg des Thomas Brdaric

Der Traum vom Comeback

Im Oktober 2006 reißt der Meniskus von Thomas Brdaric. Seitdem kämpft der Stürmer von Hannover 96 um die Rückkehr in die Bundesliga - und spricht schon wieder von der Nationalelf. Andreas Bock besuchte ihn in der Reha. Der lange Weg des Thomas BrdaricImago
Heft #76 03 / 2008
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Thomas Brdaric atmet tief ein. Es duftet nach gemähtem Rasen, nach Frühling, und irgendwie nach Neuanfang. Die Netze sind in die Tore gespannt und auf der Tartanbahn liegen vier aufgepumpte Bälle. Ob Alfred Achterlik, Trainingstherapeut des Gelsenkirchener Rehazentrums Medicos, ihn später noch spielen lässt?

Brdaric ist seit Anfang Januar hier, heute trainiert er zum ersten Mal im Freien. Zusammen mit dem Duisburger Stefan Blank schaut er hinüber zur Veltins-Arena, die, nur wenige hundert Meter entfernt, für sie wie ein ferner Wunschtraum erscheint.

Plötzlich fällt Brdaric ein Ball vor die Füße – zwei, drei, vier, fünf Mal hält Brdaric den Ball in der Luft, dann springt ihm der Ball vom Fuß. »Sieht doch klasse aus«, ruft einer der Nachwuchsspieler, die auf dem Rasen kicken.

»Heute ist ein guter Tag«, sagt Brdaric, »es ist super, dass ich mal wieder Stadionluft schnuppere. Das ist wichtig für mich. Das ist ja hier auch eine Kopfsache.« Brdaric macht Fortschritte. Erstmals seit 18 Monaten hat der 33-Jährige das Gefühl, dass ein Comeback als Fußballprofi, an dem er einige Male zweifelte, doch noch möglich ist.

Sein Leidensweg begann im Oktober 2006. Damals spielte Brdaric mit Hannover gegen den Hamburger SV. Im Spiel, erinnert er sich, knickte er um, ein kurzer Schmerz, doch schon nach wenigen Sekunden konnte er weiterspielen. Erst während des Auslaufens spürte Brdaric ein konstantes Stechen, eines, das so schmerzhaft war, dass er vom Platz getragen werden musste. Die Diagnose: Meniskusriss.

Zwei Partien bestreitet Brdaric vollgepumpt mit Schwerzmitteln

»Nun hat es also auch mich mal erwischt, dachte ich«, sagt Brdaric, der bis dahin keine schwerwiegenden Verletzungen erleiden musste. Der Meniskus wurde geflickt und der Stürmer in der Gewissheit gelassen, dass er nach vier bis sechs Wochen wieder spielen könne. Doch die Schmerzen blieben, Brdaric wurde fit gespritzt, oft sogar vor dem Training. Es half alles nichts. Im Februar 2007 die zweite Operation. Erneut die Diagnose: Meniskusriss.

Wieder flickten Ärzte im rechten Knie von Brdaric herum. Dass der Knorpel im Knie bereits beschädigt war, bemerkte niemand. »Es gibt da viele Blinde«, redet sich Brdaric in Rage. Dann aber schüttelt der frühere Leverkusener einfach nur den Kopf. Namen von »Pfuschern« will er nicht nennen, er würde sich um Kopf und Kragen reden. Wie so häufig in der Vergangenheit.

Als Brdaric im Mai 2007 zwei Mal für Hannover spielt, keimt bei den Fans Hoffnung auf. Dass er die Partien nur übersteht, weil er mit Medikamenten voll gepumpt ist, wissen die wenigsten. Auch Brdaric ist anfangs euphorisch. »Das muss man selbst erlebt haben, um es zu fühlen«, sagt er, »ich habe einfach alles genommen, was der Schmerzmittelschrank hergibt. Dann ging es plötzlich.«

Wieder ein ungläubiges Kopfschütteln. »Du denkst: Super, was der Arzt mir gespritzt hat, ist ja der Hammer.« Doch der Hammer hat nur Kurzzeitwirkung und bringt eines ganz sicher nicht: Heilung. Im Sommer 2007 schwillt das Knie wieder an. Vom Karriereende ist zu lesen, Brdaric aber will nicht aufgegeben. Er fängt an, selbst zu forschen, er will wissen, was mit seinem Knie nicht in Ordnung ist.

»Die Verletzung bestimmte mein ganzes Leben«, sagt Brdaric, »ich lief die meiste Zeit wie benebelt umher, nicht nur beim Training, sondern auch zu Hause bei der Familie.« Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: »Ich wollte wieder normale Dinge tun können. Ich wollte wieder leben können.«

Seinen Ex-Coach Peter Neururer nennt er »P Punkt N Punkt«

Im August 2007 sucht Brdaric eine Klinik in Augsburg auf. Dieses Mal zeigt die Kniespiegelung einen Schaden, der schon früher hätte entdeckt werden können: der Knorpel im rechten Knie hängt in Fetzen. In der dritten Operation binnen eines Jahres nimmt der Spezialist Ulrich Boenisch Einbohrungen im Kniebereich vor. »Microfraction nennt sich das«, sagt Brdaric. Er sei, scherzt er, mittlerweile ein größerer Knieexperte als mancher Arzt.

Bei der »Mikrofrakturierung«, die vom US-Orthopäden Richard Steadman erfunden wurde, wird Eigenknorpel in die Bohrlöcher des Meniskusbereiches transplantiert, so soll die Bildung von neuem Knorpel angeregt werden. Nach der Operation ist Brdaric zum Nichtstun verdammt: Über zwei Monate sitzt er zu Hause auf dem Sofa, sein Bein in einen mechanischen Bewegungsapparat eingespannt, seine Augen auf den Fernseher gerichtet. »Natürlich kommen da Zweifel auf. Doch es musste einfach weiter gehen, ich wollte unbedingt.«


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Die Heilung ist dann tatsächlich im Oktober 2007 so weit vorangeschritten, dass Brdaric mit den Reha-Maßnahmen beginnen kann. Nach einem Besuch bei seinem Freund Michael Ballack in London und dessen aufmunternden Worten beginnt Brdaric nach einem Rehazentrum zu suchen. Seine Ansprüche sind gewachsen; er sieht in London, wie sehr manche Reha-Programme, die er bis dahin kannte, modernen Behandlungsmethoden hinterherhinken. Auf der Suche nach einem Rehazentrum in Deutschland stößt er auf das Medicos. Brdaric ist begeistert und kommt im Januar 2008 nach Gelsenkirchen.

Ein Unterschied zwischen dem kaputten rechten Knie und dem heilen linken ist von außen kaum ausmachen. Brdaric bewegt sich zwar noch zaghaft durch die Räume des Rehazentrums, doch immerhin bewegt er sich überhaupt und ohne fremde Hilfe. Wenn Brdaric nicht mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Gewichte stemmt, lächelt er. Unentwegt. Auch dann, als ein älteres Ehepaar vorbeigeht, und sie flüstert: »Ist der berühmt?«. Der Mann zuckt mit den Achseln.

Es war nie einfach, Thomas Brdaric gut zu finden. Im Grunde war es sogar ziemlich leicht, ihn nicht zu mögen. Brdaric hat merkwürdige Sachen gemacht und noch merkwürdigere Sachen gesagt. Vor einigen Jahren gab er sich den Spitznamen »Die Wilde 13«, er nahm eine CD auf. Im Interview mit dem Magazin »RUND« äußerte Brdaric einst, dass er sich über ein 4:4 mit vier eigenen Toren mehr freuen würde als über ein 1:0-Sieg, ohne selbst den entscheidenden Treffer markiert zu haben.

Er hätte wissen müssen, dass der Boulevard daraus große Schlagzeilen macht. Als ihn der damalige 96-Trainer Peter Neururer deshalb aus dem Kader strich, fühlte er sich unverstanden, bis heute spricht Brdaric nur noch von einem »gewissen P Punkt N Punkt«. Brdaric war selten der, der sich selbst in Frage stellte. Schuld hatten zumeist die anderen, vor allem die Trainer, die ihn nicht spielen ließen. Über die Jahre verfestigte sich so das Bild eines Egoplayers, eines Spielers, der sich selbst stets ein wenig überschätzt.

»Keine Prognosen, aber es sieht alles sehr gut aus«, sagt der Therapeut

Und auch heute sagt der Stürmer mit den acht Länderspiel-Einsätzen hübsche Sätze wie: »Wenn ich nach der Verletzung wieder zweistellig treffe, dann ist die Nationalmannschaft ein Thema.« Doch Brdaric, der im Rehazentrum einen 96-Trainingsanzug trägt, spricht dabei wie ein kleiner Junge, wie einer, der das alles gar nicht böse meint. Und dann wiederholt er seinen Lieblingssatz: »Wenn ich zweistellig treffe.« Arrogant wirkt das nicht. Eher unbedarft, fast naiv. Nach all den Jahren als Profi. Sein Vertrag in Hannover läuft am 30. Juni aus.

Im Rehazentrum ist Brdaric stets darauf bedacht, dass es allen gut geht. »Alles klar bei dir?«, fragt er die anderen Patienten, die neben dem Schwimmbecken mit dem Unterwasserlaufband stehen, oder die, die auf dem Fahrrad-Ergometer strampeln. »Klar Thommy«, sagen sie. Und dann wieder: dieses Lachen, dieser jungenhafte Charme – eigentlich ist es ganz einfach, Thomas Brdaric sympathisch zu finden.

Um 16 Uhr hat Brdaric noch einen Termin. Holger Just, Leiter der Therapie, beugt und streckt das Bein. Wann Brdaric wieder fit wird, kann er nicht sagen, ob er überhaupt wieder spielen wird, auch nicht. »Ich mag keine Prognosen abgeben«, sagt er, »es sieht alles sehr gut aus. Aber grünes Licht gebe ich erst, wenn sein Knie Belastungen ausgehalten hat, die denen im Spiel entsprechen«.

Brdaric sieht glücklich aus am Ende dieses Tages. Natürlich fühle er sich gelegentlich alleine, das sei normal bei Rekonvaleszenten. Doch er hält den Kontakt zur Hannoveraner Mannschaft, er versucht bei den Spielen im Stadion zu sein. Wenn Trainer Dieter Hecking es erlaubt, ist er sogar in der Kabine dabei. Schließlich wirft Brdaric seine Tasche über die Schulter. »Wer will mit nach Hannover?«, ruft er in die Runde. Als niemand antwortet, steigt er in seinen Wagen und düst davon.

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