Der kuriose Fall des Nemanja Vucicevic

Doping für die Haare

Seit exakt zehn Jahren steckt 1860 München in einer Krise. Schuld hat ein Spieler, der nur seine Freundin beglücken wollte.

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Sie haben sich den harmlosesten Ort ausgesucht für diese Untat des 4. November 2005: Burghausen, am südöstlichen Zipfel Bayerns gelegen, nahe Österreich. Diese 18.000-Seelen-Gemeinde hat die längste Burg Europas zu bieten, der Stadtname war also zwingend, und sie verfügt mit dem SV Wacker über eine Fußballmannschaft, die sich damals in der 2. Liga hält – wacker, klar. Die Burg ist immer noch da und die Fußballmannschaft auch, aber sie atmet längst wieder den Mief des Amateurbereichs.

An diesem Novemberfreitag 2005 sind die Zeiten andere und bessere. Das Stadion meldet einen Rekordbesuch, 10.050 Zuschauer sind erschienen, um so etwas wie einen Klassenkampf zu sehen: Der TSV 1860 ist da.

Wacker stieg 2002 in die Zweite Liga auf, Sechzig 2004 aus der Bundesliga ab. Treffpunkt in der Mittelschicht. Die Vertreter der Weltmetropole München, daheim ständig als Arme und Kleine geknechtet, sind plötzlich die Großen, die Burghauser indes die Proletarier aus der Provinz. Der SV Wacker und der TSV 1860 können sich nicht besonders gut riechen, und natürlich war es dem Underdog ein Fest, 2004 mit 4:2 im Grünwalder Stadion zu triumphieren – gegen die Löwen, die unter Burghausens Ex-Trainer Rudi Bommer eher handzahmen Miezekätzchen glichen.

Ein Spiel, das offiziell nie stattgefunden hat

Sechzig verpasste den Aufstieg minimal, doch jetzt, in der Folgesaison 2005/06, haben die Fans schon Plakate mit der »Adios 2. Liga«-Tour bepinselt. Der TSV spielt sauber und erfolgreich, bis er am 12. Spieltag nach Burghausen muss, in die Wacker-Arena, die selbst in Vollbesetzung putzig wirkt: Hinter der Gegengeraden ragen die Wasserrutschen des angrenzenden Schwimmbades ins Fernsehbild.

Die Fans klatschen trotzdem. Sie können nicht ahnen, dass sie Zeuge eines Duells werden, das nicht in den Büchern auftauchen wird. Als ob es nie stattgefunden hätte.

Der sportliche Part ist schnell erzählt. Die Sechziger gewinnen durch Tore des Chinesen Jiayi Shao (6.) und des Schweizers Remo Meyer (14.) lässig 2:0, allein der frühere Burghauser Stürmer Stefan Reisinger verdeutlicht, warum er exakt null Saisontore erzielen wird. Bei den Münchnern hütet Timo Ochs das Tor, ebenfalls dabei: Marcel Schäfer (heute Wolfsburg), Matthias Lehmann (heute Köln), Daniel Baier (heute Augsburg) und Torben Hoffmann (heute Sky). Reiner Maurer trainiert ein Team, das an die Tabellenspitze stürmt, und die Fans schwenken ihre Banner noch ein bisschen wilder.
 
»Bei Vucicevic ging es um die Schönheit!«
 
In der 72. Minute schlägt Maurer seinem Offensivmann Nemanja Vucicevic vor, sich doch ein wenig die Beine zu vertreten. An der Seitenlinie wartet der Serbe auf seine Einwechslung, er atmet kleine Wölkchen aus, es ist ja frisch, und streicht sich über die Glatze. In seinen 18 Minuten bleibt er dann so unauffällig, als ob auch er nie mitgemacht hätte an diesem Abend.
 
Im Winter 2004/05 war Vucicevic vom OFK Belgrad zu den Löwen gekommen, nachdem es bei Lokomotive Moskau mehr schlecht als recht lief. Auf drei Tore hat er es in München bis dato gebracht, er ist 26 Jahre jung - nicht alt - und hat ein Problem, das der Fußball nicht lösen kann.
 
1860-Präsident Karl Auer wird später sagen: »Bei Gewichthebern oder Radfahrern geht es um Leistungssteigerung. Bei Vucicevic ging es um die Schönheit.«
 
Es ging: um die Glatze.
 
Schuld hat selbstverständlich die Frau. In diesem Fall die Freundin, die mit dem nachlassend wachsenden Haupthaar nicht ganz einverstanden gewesen sein soll. Nun sind Fußballer ja stolze Geschöpfe, die nur freiwillig Schwäche zeigen, wenn sie sich, vor Schmerzen kringelnd, einen Freistoß- oder Elfmeterpfiff erhoffen. Vucicevic erhofft sich nichts davon. Er will Haare. Also handelt er. Auf eigene Faust. Ohne Rücksprache mit Vereinskollegen, Vereinsärzten oder gar dem Verein. Niemand soll etwas erfahren. Als habe das Ganze nie stattgefunden.

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