24.09.2012

Der Kampf um die Wahrheit von Hillsborough

Blutiger Samstag

Seite 3/4: Die Wahrheit ist das 97. Opfer
Text:
Dirk Gieselmann
Bild:
Imago

Einsatzleiter David Duckenfield, der die Fans in den überfüllten Block hatte leiten lassen, soll in seiner Kommandozentrale vor dem Überwachungsbildschirm gestanden haben, als hätte man ihn in seiner Uniform eingemauert. Es war sein erster Einsatz bei einem derartigen Großereignis, er mag überfordert gewesen sein, aber das erklärt nicht alles. Über sein gespenstisches Phlegma legt sich der Verdacht, dass er gar nicht helfen wollte. Duckenfield verhinderte zunächst sogar, dass Sanitäter ins Stadion gelangen konnten. Während draußen die Krankenwagen vor einer Absperrung im Stau standen, rissen drinnen Fans Werbebanden aus der Verankerung, um sie als Trage zu benutzen. Oder, wenn es zu spät war, als Bahre. Vereinzelte Polizisten fühlten währenddessen mit dicken Lederhandschuhen an den Fingern den Puls der Leblosen und erklärten auch die für tot, denen noch hätte geholfen werden können. Eine hastige Inventur des Todes.

Sollten die Hillsborough-Akten nun geöffnet werden und noch vollständig sein, wird belastendes Material zutage treten: ein Sittengemälde der britischen Exekutive, eines Apparats auf konfrontativem Kurs gegen das eigene Volk. Es war die Hochphase der Arbeiterstreiks, der IRA und zugleich die Hochphase des Thatcherismus mit seinen sozialen Ressentiments. Bei aller Verherrlichung der englischen Fußballkultur jener Zeit darf eines nicht vergessen werden: Fans galten damals als Staatsfeinde, spätestens seitdem Liverpool-Anhänger beim Europapokalfinale 1985 im Brüsseler Heysel-Stadion eine Massenpanik verursacht hatten, der 39 Zuschauer zum Opfer gefallen waren. Es scheint auf die deprimierendste Weise logisch, dass eine derart konditionierte Polizei blind für das Leiden in Hillsborough war. Sie wollte um jeden Preis einen Platzsturm verhindern und begriff nicht, wie hoch dieser Preis sein würde. Oder wollte sie es nicht begreifen?

»The Sun« ist in Liverpool nicht erwünscht

Vier Tage danach erschien die »Sun« mit dem Aufmacher »Die Wahrheit«. Chefredakteur Kelvin McKenzie behauptete in Berufung auf die Polizei von South Yorkshire: »Einige Fans haben die Opfer ausgeraubt«, »Einige Fans urinierten auf die tapferen Polizisten« und »Einige Fans verprügelten Polizisten bei Wiederbelebungsversuchen«. Thatchers Pressesprecher Bernard Ingham erklärte: »Dieser Unfall wäre nicht passiert, wenn ein offenbar betrunkener Mob sich nicht gewaltsam Zutritt verschafft hätte.« Der sinistre Versuch, von der eigenen Verantwortung abzulenken, hatte Erfolg: Bis heute werden in vielen Stadien Schmähgesänge angestimmt, die suggerieren, die 96 hätten sich selbst totgetrampelt. Im Krieg, so heißt es, stirbt die Wahrheit zuerst. In Hillsborough war sie das 97. Opfer.  
Zwar sprach der Taylor-Report, in dem noch 1989 die Ursachen der Katastrophe analysiert wurden, die Liverpool-Fans von jeglicher Mitschuld frei. Vielmehr geißelte er das Versagen der Einsatzkräfte, die Sicherheitsmängel im Stadion – und beendete so die Ära der fatalen Betonschüsseln. Dass heute überall in England moderne Arenen ohne Stehplatzsektionen stehen, ist eine direkte Folge des Reports. Doch der Tod der 96 blieb ungesühnt: Ein Straf- und etliche Zivilrechtsprozesse im Laufe der Jahre zogen niemanden zur Verantwortung, sie endeten allesamt mit dem Urteil »Tod durch Unfall«. Zuvor sollen Zeugen, darunter auch Polizisten, zu Falschaussagen gezwungen und Beweise beiseite geschafft worden sein – mutmaßlich eine konzertierte Aktion höchster Polizeifunktionäre, bis hinauf ins Innenministerium. Einsatzleiter Duckenfield könnte, was immer die Hillsborough-Akten offenbaren würden, ohnehin nicht mehr belangt werden. Er wurde zwar wegen Totschlags angeklagt, 2001 aber für nicht verhandlungsfähig erklärt. Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung.

»Es geht nicht um Rache«, sagt Steve Kelly, der Mann, der seinen Bruder verloren hat. »Es geht um die Wahrheit. Michael war kein Hooligan, er trank nie Alkohol, er hätte auch keine Polizisten verprügelt oder die Toten ausgeraubt. Er war nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich will eines Tages an sein Grab treten und sagen: ›Die Wahrheit hat gesiegt.‹«
Noch eine Stunde, bis die Debatte beginnt. Die letzte von 200 000, die der Kampf nun schon andauert. »Das Leben ging weiter, jeden Tag«, heißt es in einem Lied der Liverpooler Band »Gerry and the Pacemakers«. »Jeden Tag wurden Herzen zerrissen, und die Fähre überquerte den Mersey.« Keinen der 96 hat sie je nach Hause gebracht.
Steven Rotheram spürt die Last auf seinen Schultern, als er jetzt durch sein Büro läuft, immer wieder seine Rede probt, Passagen streicht und ersetzt. Er kann niemanden zum Leben erwecken, aber er kann heute die Ehre der Toten wiederherstellen.

 
 
 
 
 
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