24.09.2012

Der Kampf um die Wahrheit von Hillsborough

Blutiger Samstag

Seite 2/4: Rotherhams Ansporn: »Gerechtigkeit für die 96«
Text:
Dirk Gieselmann
Bild:
Imago

Nicht alle Abgeordneten sind daran interessiert, dass ihr Volk diese Wahrheit erfährt. Noch am Morgen des 17. Oktober will der Konservative Christopher Chope, einst Staatssekretär in Thatchers Innenministerium, die Abstimmung absagen lassen – zugunsten einer Debatte über die Diätenerhöhung. Erst am Nachmittag erfährt Steve Rotheram, dass er um 17 Uhr sprechen kann. Mit seiner Rede will er dem Unterhaus den entscheidenden Impuls geben. Wird er genug Kraft aufbringen? 

Noch zwei Stunden. Rotheram muss vorsichtig mit dem Kaffee sein, seine Hände zittern bereits. Er sitzt erst seit einem knappen Jahr im Unterhaus und ist noch kein Champion – diesen inoffiziellen Titel bekommt man erst, wenn man hier eine große Sache durchgeboxt hat. Heute kann er einer werden, aber darum geht es ihm nicht. An seinem Revers sitzt die kleine stilisierte Flamme mit der Inschrift »Justice for the 96«, »Gerechtigkeit für die 96«. Mit den Namen der Toten wird er, so ist es geplant, seine heutige Rede beenden. »Und was«, fragt er seinen Pressesprecher Gavin Callaghan, »wenn ich weinen muss?« Callaghan antwortet: »Dann weinst du eben, Steve.« 

Barry Devonside hat längst keine Tränen mehr. Sein Gesicht ist eine Maske, hinter dicken Brillengläsern richten sich die Augen in die Vergangenheit, zu seinem Sohn. Barry wusste von vielen Auswärtsspielen um die Gefahren der oft überfüllten Stehtribünen. Doch Christopher flehte ihn an – all seine Kumpels stünden dort, er wolle bei ihnen sein. »In einem schwachen Moment«, sagt Barry, »habe ich es ihm erlaubt. Ich konnte ihm doch nichts abschlagen.« Er selbst wählte einen Sitzplatz und sah von dort, wie die tödliche Dynamik im Block ihren Lauf nahm. An der Halifax Road, wo er sich nach dem Spiel mit Christopher treffen wollte, wartete nur dessen bester Freund. Er solle mit dem Schlimmsten rechnen, sagte dieser, bevor er zusammenbrach. Barry Devonside sah seinen Sohn nicht lebend wieder. »Dabei hatte ich seiner Mutter versprochen, ich würde auf ihn aufpassen.« 

So sah er seinen Bruder ein zweites Mal sterben

Ein paar Plätze weiter auf der Zuhörerempore sitzt Steve Kelly. »Mein Bruder Michael ist in Hillsborough geblieben«, sagt er, als wäre dieses Stadion ein Schlachtfeld und alles, was sich dort ereignet hat und danach kam, ein Krieg. Und das war es wohl auch. Eines Tages tauchten Ermittler bei Steve Kelly auf: Er müsse sich ein Überwachungsvideo von der Leppings Lane ansehen und darauf seinen Bruder identifizieren, das diene der Aufklärung. Das verkrafte er nicht, entgegnete Steve. Dann werde man ihn zwingen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. So sah er seinen Bruder ein zweites Mal sterben. In Schwarzweiß. 

Noch anderthalb Stunden, bis die Debatte beginnt. Das Manuskript in Steve Rotherams Hand ist zerknittert. Warum lag nicht er tot in einem Plastiksack, abgelegt im provisorischen Leichenschauhaus, einer kalten Turnhalle in Sheffield? Das hat er sich oft gefragt. Warum die 96 anderen, deren Namen er gleich verlesen wird? »Wenn ich es von einem einfachen Maurer zum Abgeordneten gebracht habe«, sagt er, »was hätten sie dann erst erreicht?« 

Jon-Paul Gilhooley etwa. Was wäre aus ihm geworden? Er spielte gern Fußball mit seinem Cousin. Eines Tages selbst für die Reds aufzulaufen – das war ihr Traum. Sein Cousin schaffte es. Er ist heute Kapitän des FC Liverpool, sein Name ist Steven Gerrard. Jon-Paul Gilhooley starb in der Leppings Lane. Er war gerade zehn Jahre alt. Das jüngste Opfer dieses Krieges.

»Ich bete zu Gott, dass mein Junge voll war wie ein Eimer«

Den offiziellen Erklärungen zufolge, die in einer unheiligen Allianz von der Polizei von South Yorkshire lanciert und von dem Boulevardblatt »The Sun« veröffentlicht wurden, müsste der kleine Jon-Paul betrunken gewesen sein. Die Fans wurden pauschal zu besinnungslosen Vandalen verzerrt, die in ihrem Alkoholrausch das tödliche Gedränge selbst verursacht hätten. Noch im Leichenschauhaus von Sheffield fragten die Polizisten die Hinterbliebenen, wie viel Bier ihre Söhne, Brüder, Väter, Ehemänner vor einem solchen Spiel denn zu trinken pflegten. Den Verstorbenen wurden Blutproben entnommen. »Ich bete zu Gott, dass mein Junge voll war wie ein Eimer«, schmetterte Barry Devonside den Ermittlern entgegen. »Dann hat er wenigstens keine Schmerzen mehr gespürt.«  

»Bis heute werden die Opfer als Menschen zweiter Klasse behandelt«, sagt Sheila Coleman von der »Hillsborough Justice Campaign«. »Und das ist noch untertrieben.« Vor den Zäunen der Leppings Lane, an denen Menschen zermalmt wurden, standen die Polizisten wie vor einer Herde Vieh. Und als es schon Tote gab, wurde das Spiel angepfiffen. Liverpools Keeper Bruce Grobbelaar, der Schreie vernommen hatte, rannte sofort aus seinem Tor und brüllte die Polizisten an, sie sollten verdammt noch mal helfen. Aber sie halfen nicht. Sie hatten nicht den Befehl zu helfen. 

 
 
 
 
 
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