13.03.2013

Der Kampf englischer Fans gegen Ticketwucher

Nicht um jeden Preis

Die Ticketpreise in England sind astronomisch. Nun schließen sich immer mehr Anhänger aus dem ganzen Land zum Protest zusammen. Für unsere aktuelle Ausgabe 11FREUNDE #136 sind wir auf die Insel gereist und stellten fest: Die Kritiker ernten Gegenwind von den Vereinen – und aus den eigenen Reihen.

Text:
Bild:
Imago

Schiedsrichterassistenten sind potentielle Buhmänner. Sie erkennen Tore wegen Abseitsstellung ab oder melden Missetaten der Spieler. Und sind deshalb noch häufiger Schmähungen ausgesetzt als Politessen. Wer in England als Schiedsrichter­assistent Beliebtheit genießt, der hat entweder in einem WM-Endspiel ein irreguläres Tor gegeben oder etwas Bemerkenswertes getan. John Brooks, erst seit Beginn der Saison Unparteiischer in der Premier League, wurde im Januar zum Liebling der Öffentlichkeit, weil er den Spielern von Man City auf dem Rasen ins Gewissen redete: »Geht rüber zu euren Fans, sie haben 62 Pfund bezahlt, um euch zu sehen.«

In der Tat hatten die Anhänger umgerechnet 71 Euro für ihr Ticket für das Spiel bei Arsenal zahlen müssen. Doch während sich viele Fans in England damit abgefunden haben, dass ein Auswärtsspiel samt Fahrt und Eintrittskarte die Kosten eines Wochenendeinkaufs für die ganze Familie verschlingt, zeigten die City-Fans eine deutliche Reaktion. Sie schickten knapp 1000 Karten des Gästekontingents zurück nach London, die Unverwüstlichen im Stadion reckten ein Protestbanner in die Luft: »£ 62!!! Where will it stop?« 62 Pfund! Wo soll das hinführen?

Ein Schiedsrichter-Assistent als Held

John Brooks, der Schiedsrichter-Rookie, fühlte sich in der Pflicht, die millionenschweren Stars an die Realität auf den Tribünen zu erinnern. Eine Heldentat, so nannten das viele Fans. Der englische Verband sah das anders und strich Brooks seinen bevorstehenden Einsatz im FA-Cup. Auch die Ordner im Stadion zeigten sich resolut und rissen den Fans mit Hilfe der Polizei ihr Transparent aus den Händen. Arsenal war sich nicht zu schade, in einer Stellungnahme darauf hinzuweisen, dass das Banner schließlich die Sicht einiger Zuschauer behindert hätte. Es war nicht das erste Mal, dass Unmutsäußerungen in englischen Stadien unterbunden wurden. Keine Bilder von Protesten fürs Fernsehen, the revolution will not be televised.

Doch die Sperre für Brooks und das Vorgehen der Ordner erstickten den Keim des Protests nicht. Im Gegenteil. Bei der englischen Fanorganisation Football Supporters’ Federation (FSF) gingen minütlich Mails von Fans aus ganz England ein. Der Tenor: »Es reicht.« Michael Brunskill, einer der Organisatoren der Initiative, sagt: »Der Vorfall bei Arsenal war, sorry für die Ausdrucksweise, der Tritt in den Hintern, den wir brauchten, um aufzustehen.«
Das Kellergeschoss im Pub »The Blue Anchor« in London quillt über vor Menschen. Sämtliche Dialektausprägungen englischer Sprache schwirren durch den Raum. Hier kommen die Fans aus Sunderland, Nottingham, London, Yeovil und sonstwo zusammen. Ältere Herren mit säuberlich gekämmten Scheiteln, Jungspunde in T-Shirts. Es ist Donnerstag, der 31. Januar, und heute soll in der Hauptstadt der landesweite Protest gegen den Ticketwucher losgetreten werden. »Twenty’s plenty«, heißt das Motto, 20 Pfund sind genug, äquivalent zur deutschen Initiative »Kein Zwanni – Fußball muss bezahlbar sein«.

Eine Dauerkarte für über 1000 Pfund

Die englischen Fans streben zunächst nach einer Reduzierung der Preise für die Auswärtskarten. »Das erscheint uns als das realistischste Ziel. Wir haben noch sehr viele Baustellen, aber dieses Thema treibt die Leute nach dem Arsenal-City-Spiel um«, erklärt Initiator Brunskill. In seiner Eröffnungsrede im Pub führt er dann aus: »Von dem, was die Vereine einnehmen, wir reden von Milliarden, könnten sie jedem Fan für jedes Spiel eine Freikarte geben. Die Einnahmen durch Auswärtstickets machen nur ein Prozent aus. Das müssen wir ihnen deutlich machen.«
Was dann folgt, ist so etwas wie die Eröffnungsrunde der »anonymen Stadiongänger«. »Hallo, ich heiße David, bin Fan von Chelsea, wir zahlen bei jedem Auswärtsspiel mindestens 55 Pfund pro Karte.« Ein Raunen geht durch den Pub. »Hallo, ich bin John, Arsenal, meine Dauerkarte kostet 1070 Pfund.« Lauteres Raunen. »Autsch«, ruft jemand vom Tresen.

So geht sie weiter, die Runde der Schauermärchen. Und es geht den meisten nicht nur um Auswärtstickets, sondern um alle Preise. Das Maß ist voll, sagen sie.

 
 
 
 
 
123
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden