Der Kampf der Nürnberger Fans um die Stadion-Umbenennung

Alles für den Max

Das Nürnberger Stadion wird nach einem Elektronikkonzern benannt. Eine Fan-Initiative hatte jahrelang für eine Umbenennung in »Max-Morlock-Stadion« gekämpft. Ende des vergangenen Jahres berichteten wir über die Anstrengungen und Hoffnungen der Anhänger.

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So mancher Fußballfan in Nürnberg traute am Morgen des 5. November 2011 seinen Augen nicht. Denn die Werbeschürzen an den Zeitungsautomaten der Stadt hatten eine Nachricht zu verkünden, die für Kenner der Materie wie aus dem Nichts kam. »Club ab 2012 im Max-Morlock-Stadion!«, stand dort in fetten Lettern geschrieben, egal ob bei der »Abendzeitung« oder der Nürnberger Ausgabe der »Bild«. Dem Lokalreporter Marco Puschner von der »Nürnberger Zeitung« fuhr darüber tüchtig der Schreck in die Glieder: »Ich dachte, wir hätten etwas Wichtiges verpasst. Und das wäre eindeutig mein Zuständigkeitsbereich gewesen.« Erst als Puschner einen zweiten Blick auf die Automaten warf, regulierte sich sein Blutdruck. Wieso hieß denn die »AZ« auf einmal »A7« und die »Bild« plötzlich »Bilb«?

Die Aktion ging auf das Konto der Initiative »Max-Morlock-Stadion jetzt!«, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Zeitungsschürzen ausgetauscht und damit zumindest vorübergehend für Verwirrung gesorgt hatte. Die Initiative ist aus den Reihen der Ultras des 1. FC Nürnberg hervorgegangen, hat inzwischen aber größere Teile der Fan-
szene infiziert. Ihr einziges, leidenschaftlich verfolgtes Ziel ist es, das Nürnberger Stadion nach jenem Mann zu benennen, der nicht nur fast 500 Ligaspiele für den Club absolviert hat, sondern mit seinem Anschlusstreffer gegen die Ungarn 1954 das »Wunder von Bern« überhaupt erst möglich machte. Mit der Benennung nach einem alten Helden, so die Macher der Kampagne, würde der 1. FC Nürnberg nicht nur seine reiche Tradition ehren. Es wäre auch ausgeschlossen, dass es noch einmal zu einem solch fiesen Namensmonster käme wie jenem, das jahrelang nicht nur den Clubfans die Laune verhagelte.

Der Verein Deutsche Sprache bekam eine seiner zahlreichen Krisen

Rückblick: Als am 15. März 2006 die altehrwürdige Arena (bis dahin: Frankenstadion, noch früher: Städtisches Stadion) auf den Namen Easycredit-Stadion getauft wurde, einem Produkt des Nürnberger Geldhauses Teambank, da ging ein Aufschrei der Empörung durchs Land. Mit Namen wie AOL-Arena oder Schüco-Arena hatten sich Fußballromantiker schweren Herzens arrangiert, man musste sie ja nicht selber verwenden. Doch ein Ungetüm wie Easycredit-Stadion, das schlug dem Fass nun wirklich den Boden aus: Ein traditionsreiches Stadion als billiges Marketingvehikel für ein neues Finanzprodukt, das konnte doch wohl nicht wahr sein! Erstmals kam die Kritik nicht nur von notorischen Modernisierungskritikern des Fußballs, sondern aus der Mitte der Gesellschaft: Hunderte Nürnberger dokumentierten ihren Abscheu in Leserbriefen, der Verein Deutsche Sprache bekam eine seiner zahlreichen Krisen und organisierte eine Unterschriftenaktion, die Club-Ultras veranstalteten eine symbolische Umbenennung in Max-Morlock-Stadion.

Vor Ort war dabei sogar die Tochter des seligen Max, es wurden Fahnen geschwenkt, Reden gehalten und Sektflaschen entkorkt. Allein, genutzt hat es wenig. Das Easycredit-Stadion blieb das Easycredit-Stadion und wurde, vielleicht gerade wegen der leidenschaftlichen Ablehnung, zu einem der markantesten verkauften Stadionnamen der Republik. Schwung kam in die Sache erst wieder, als die Teambank den Ausstieg aus dem Namenssponsoring zum Sommer 2012 verkündete. Es war quasi die Geburtsstunde der jetzigen Initiative für ein Max-Morlock-Stadion. »Auf einmal gab es eine zumindest semirealistische Perspektive, dass das Stadion in einem Jahr tatsächlich Max-Morlock-Stadion heißen könnte«, sagt Simon Pargent, der die Kampagne mit organisiert.

Dabei spielte dem 22-Jährigen und seinen Mitstreitern die offizielle Rückzugsbegründung der Teambank in die Karten, die sich nicht länger Anfeindungen wegen des ungeliebten Namens aussetzen wollte. »Unser Unternehmen ist ein Nürnberger Urgewächs«, sagte der Vorstandsvorsitzende Theophil Graband seinerzeit. »Wir wollen harmonisch mit den Menschen in der Metropolregion leben und arbeiten.« Kenner der Materie bezweifeln dieses Motiv für den Ausstieg und glauben, dass die Bank ihre mit dem Sponsoring verbundenen Marketingziele schlicht und einfach erreicht hat. Das Produkt Easycredit ist heute um einiges bekannter als das Unternehmen Teambank, wozu das Nürnberger Stadion definitiv seinen Beitrag geleistet hat.

Und doch höhlte auch in diesem Fall womöglich steter Tropfen den Stein. Vielleicht hat die permanente Kritik tatsächlich der Bank den Rückzug schmackhaft gemacht, zumal die Firma eigentlich nicht den Ruf eines raubtierkapitalistischen Bösewichts hat. Seit Jahren engagiert sie sich etwa in der »Deutschen Akademie für Fußball-Kultur«. Für die Morlock-Aktivisten war die Begründung des Teambank-Chefs jedenfalls eine Steilvorlage, bedeutet sie doch im Klartext: Große Unternehmen lassen sich von massiven Protesten durchaus beeindrucken. Und wo sich ein real existierender Sponsor vergraulen lässt, sollte es auch möglich sein, einen künftigen davon abzuhalten, überhaupt einzusteigen.

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