Der heilige Ernst des Joachim Löw

Schland war gestern

Als das 6:2 gegen Österreich gefallen war, sangen die Fans. Die Spieler schmusten, und Béla Réthy schrie vor Freude. Bloß Bundestrainer Joachim Löw stand mit heiligem Ernst an der Balustrade. Er spürte: Nun wäre der EM-Titel keine Sensation mehr. Er ist ein Auftrag. Der heilige Ernst des Joachim Löw

Auf den Rängen sangen die Fans »Oh, wie ist das schön!«, auf dem Platz lagen sich die Nationalspieler in den Armen, Bayern, Borussen, ein Madrilene. Sogar ZDF-Kommentator Béla Réthy geriet aus seinem notorisch polygloten Singsang und stieß einen Jubelschrei aus, der keinerlei Fremdsprachenkenntnis bedurfte. Das Volleytor von Mario Götze zum 6:2 gegen Österreich verstand jeder: Es war einfach nur wunderschön.

Doch dann schwenkte die Kamera auf Joachim Löw. Der Bundestrainer lehnte an einer Balustrade, saugte an seiner Trinkflasche und wirkte inmitten des Ausnahmezustands geradezu spektakulär unbeteiligt. Seine größte Sorge schien das ordnungsgemäße Wiederverschließen der Flasche zu sein. Wo war jetzt der Deckel? Und hinter ihm das Meer aus schwarz-rot-geilen Fahnen.

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Joachim Löw in der 88. Minute: Genauso sieht ein Mann aus, der an einer Balustrade lehnt und an seiner Trinkflasche saugt. Keine Spur von Ekstase. Hatte er den Zaubertreffer etwa gar nicht mitbekommen?

Erlösung und Verheißung – ein ergreifender Moment

Natürlich hatte er. Und erst in der Miene des Bundestrainers zeigte sich die wahre Bedeutung dieses 6:2: Es war Bewältigung der Vergangenheit und Aufbruch in die Zukunft zugleich. Erlösung und Verheißung – Epiphanie. Ein ergreifender Moment. Dass Löw nicht wie von Sinnen grinste, war also durchaus angemessen.

Er weiß: Die deutsche Nationalelf hat den Muff der Neunziger und frühen Nuller endgültig hinter sich gelassen. Sie ist längst nicht mehr die paramilitärische Turniermannschaft, die weltweit genauso belächelt wie gefürchtet wurde. Aber sie ist eben auch nicht mehr das naive »Schland«, jenes Klassenfahrtskommando der Klinsmann-Jahre.

Haut sie durch die Wand? Nein. Zeigt ihnen, wo der Ausgang ist.

»Haut sie durch die Wand«, rief Jürgen Klinsmann vor dem Spiel gegen Polen bei der WM 2006 seinen Spielern zu. Unter Joachim Löw aber werden Entscheidungen nicht mehr von David Odonkor als flankendem Monchichi herbei emotionalisiert, sie werden mit kühler Stirn herausgespielt. Löw ist es gelungen, die Energie seines Amtsvorgängers zu bewahren und dabei unter Kontrolle zu bekommen. Seine Nationalelf spielt mit Gefühl, aber eben auch, und das ist weitgehend neu, mit Verstand. »Zeigt ihnen, wo der Ausgang ist«, kann der Bundestrainer nun sagen, einen Tag vor der Revanche in Danzig. Die Spieler wissen, wo die Tür ist. Er hat sie ihnen gezeigt.

Der Auftrag: EM-Titel 2012

Löw weiß deshalb auch: Der EM-Titel 2012 wäre keine Sensation mehr, wie er es 2008 wohl noch gewesen wäre. Er ist zum Auftrag geworden.

Zunächst genügte es, die Nationalelf nach Jahren der überlaunigen Pflichtausübung wieder mit soviel Spaß bei der Arbeit zu sehen. Doch jetzt wird es ernst. Wer nicht nur schön, sondern auch derart zwingend spielt, fährt als Favorit zur EM. Noch einmal wird der zweite oder dritte Platz nicht reichen. Noch einmal darf Spanien nicht eine Nummer zu groß sein.

»Wir alle dürfen jetzt nicht abheben«

Auch das stand Löw nach dem 6:2 ins Gesicht geschrieben. Neben ihm hüpfte der überglückliche Torwarttrainer Andreas Köpke flummiartig, doch er prallte von Löws Aura ab und verschwand wieder aus dem Bild. Und so stand der Bundestrainer allein an der Balustrade, an seiner Trinkflasche saugend. Nicht einmal der getreue Hansi Flick traute sich, sich ihm zu nähern.

Weitsichtige Trainer bremsen die Euphorie. Möglicherweise fing Löw in diesem Moment ganz bewusst damit an. »Wir alle dürfen jetzt nicht abheben«, sagte er später. Möglicherweise spürte er die riesige Verantwortung, die auf ihm lastet: Der Sieg gegen Österreich ist ein Versprechen. Er muss es halten.

Möglicherweise war es aber auch eine ganz private Angelegenheit: Er, der Junge aus Schönau im Schwarzwald, ist Chef der aktuell aufregendsten Mannschaft der Welt. Wenn alles nach Plan läuft, kann er die EM gewinnen. Und dann die WM. Herberger – Schön – Beckenbauer – Löw: Da darf man schon mal einen trockenen Hals kriegen.

Also: Prost, Herr Bundestrainer!

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