Der große Calmund-Monolog

„Selbst mich hat er angesteckt“

Im neuen 11FREUNDE-Heft erzählen wir, wie Bayer Leverkusen 2002 die Fußballwelt bezauberte. Hier erklärt der damalige Manager Reiner Calmund, welche Rolle Trainer Klaus Toppmöller dabei spielte. Eine Liebeserklärung. Imago
Heft #66 05 / 2007
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»Einen großen Verdienst an den Erfolgen hatte definitiv der Trainer. Schon als wir zu Beginn seiner Leverkusener Zeit gemeinsam bei der U21-WM in Südamerika waren, ist mir aufgefallen, dass Klaus Toppmöller ein großes Fußballkind mit riesigen Träumen war. Wir hielten uns wegen unseres Spielers Diego Placente im Quartier der Argentinier auf, und dieser Moment war für Toppi wie Ostern, Weihnachten, Geburtstag und Kommunion zusammen. Er hätte sich wohl am liebsten noch ein blau-weißes Trikot übergezogen, mittrainiert und Autogramme geholt. Man konnte seine innere Freude spüren, und diese Begeisterung hat er später eins zu eins auf unsere Mannschaft übertragen. Selbst mich hat er angesteckt, und ich bin ja schon ein abgebrühter Hund.

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Der Toppi hat gemerkt: Die Bedingungen, die ich in Leverkusen habe, die hatte ich in meiner ganzen Karriere noch nicht. Und so einen Kader, wie ich ihn hier habe, durfte ich mein Leben lang noch nicht trainieren. Man muss sich vorstellen, welche Bedeutung das für die Spieler hatte. Heute weiß man, dass vielleicht 30 Prozent eines guten Spielers sein Selbstvertrauen, sein Selbstwertgefühl ausmacht. Und mit seiner Begeisterung und seinem Glauben an die Mannschaft hatte Toppmöller alle mit im Boot, vom Zeugwart bis zum Pressesprecher. Er zollte allen volle Anerkennung für ihre Arbeit, hinzu kam seine kumpelhafte Art, und die Leute waren topmotiviert. Dadurch entstand ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl, was dem gesamten Umfeld sehr gut getan hat.

Das Wichtigste aber waren natürlich die Spieler. Toppi wusste, er hatte noch nie eine solch hochkarätige Mannschaft. Anfang der 90er in Frankfurt hatte er zwar auch ein paar gute Leute, aber das war kein Vergleich zu Leverkusen. Toppmöller hat unsere Spieler – ich überziehe das mal bewusst – heilig gesprochen. Erst dadurch konnte die Mannschaft, bei allem Können und allen Talent, das Letzte aus sich herausholen. Da ist etwas entstanden, was jeder Spieler spüren konnte. Wenn wir nach Barcelona fuhren, dann wusste jeder: Heute ist für mich Feiertag, davon habe ich mein ganzes Leben lang geträumt. Da war eine Unbekümmertheit, eine Begeisterung für dieses Ereignis, die von Toppi ausging und sich auf alle Spieler und sogar die Journalisten übertrug.

Natürlich war Toppmöller enttäuscht, dass er am Ende keinen Titel geholt hat, aber im Vordergrund stand immer die Freude. Irgendwann wurde er zum großen Trikotsammler. Beckham, Zidane, er wollte sie alle haben. Er sagte immer: Mensch, jetzt spielen wir in Liverpool, in Manchester! Mensch, wir stehen im Viertelfinale! Natürlich hatten wir Glück mit unseren Einkäufen und ein fantastisches Spielerpotenzial, doch erst Klaus Toppmöller hat die pure Freude am Sport in die Mannschaft hinein transportiert.«

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Das neue 11FREUNDE-Heft ist ab heute im Handel erhältlich. Die Themen außerdem:

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