30.06.2012

Der Gastgeber feiert einfach weiter

Polska, Polska!

Die polnische Mannschaft schied früh aus dem Turnier, die polnischen Fans feierten einfach weiter. Ein Streifzug durch die vier Spielorte mit tanzenden Micky Mäusen und riesigen Kartoffeln in Rot-Weiß.

Text:
Ron Ulrich und Philipp Köster
Bild:
Imago

WARSCHAU

»Polska – Bialo czerwoni«, hallt es durchs Stadion. Die Polen besingen damit ihre Landesfarben, und das bezeichnenderweise zur Melodie von »Go West«. Zwar ist die polnische Nationalmannschaft schon lange ausgeschieden, doch der Schlachtruf übersteht die Vorrunde und wird auch von Fans aus anderen Ländern übernommen. Auch wenn so mancher Fan beim ersten Mal nur versteht: »Polska – we have a Chevrolet«, was dann doch sehr nah am Klischee gedacht war. »Die Nationalelf war eine Enttäuschung, aber wir sind stolz darauf, dieses Turnier auszurichten«, sagt die Kellnerin Maria.

Vielleicht hielten sie sich einfach an den Grundsatz von Polens Botschafter Marek Prawda. Er sprach, ganz egal, wie das Turnier ausgehe, Polen habe schon gewonnen, schließlich sei die Autobahn nach Warschau fertig geworden. Das ist in der Tat schön, noch viel schöner für Auswärtsfahrer wäre allerdings eine Schnellstraße nach Danzig gewesen. Die Rückfahrt dauerte überschlagen sieben Stunden, gebremst wurden wir durch 400 Kilometer Landstraße, unzählige Schwerlasttransporte und gefühlte 18 Blitzautomaten, allesamt funktionstüchtig, wie wir nun wissen. Heiterkeit machte sich aber breit, als uns ein polnischer Gewährsmann mitteilte, dass Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens entweder gleich vor Ort vollstreckt werden – oder eben gar nicht.

Als es vor dem Spiel von Polen und Russland gehörig in der Warschauer Innenstadt krachte, schien eine düstere Prophezeiung von marodierenden Hooligans Wirklichkeit zu werden. Doch im Vergleich zu wüsten Ausschreitungen bei vergangenen Turnieren, ob 1988 in Deutschland oder auch 2000 in Holland und Belgien, ist die Euro 2012 ein durchaus friedliches Turnier. Die allermeisten Spiele fanden in friedlicher Atmosphäre statt, was uns entfernt an 2010 erinnerte, als der reisewillige WM-Tourist nach eingehender Zeitungslektüre den Eindruck gewinnen musste, schon im Flugzeug nach Johannesburg von Gangstern entführt und ausgeraubt zu werden. Passiert ist dann nichts – wie 2012 in Polen.

DANZIG

Das mit der Übersetzung hat nicht ganz geklappt. Auf dem Platz vor dem goldenen Tor in der Altstadt sind alle bisherigen Turnierbälle in überdimensionaler Größe ausgestellt. Darauf zu lesen ist der Hinweis, diese Ausstellungsstücke nicht anzukritzeln. »Do not paint balls«, steht in Englisch darauf. Auf Deutsch: »Bitte keine Farbkugeln.« Ein anderes Hinweisschild sorgt gleichsam für Heiterkeit. »Aus Sicherheitsgründen können die Schließfächer nicht benutzt werden«, ist am Hauptbahnhof in Danzig zu lesen. Immerhin findet sich im Untergeschoss des Bahnhofs eine Abstellkammer, in der die Habseligkeiten der Fans in Regalen verstaut werden.

Ein Schließfach hätte unser Kollege besser gebraucht, als in der Tram ein Pole in den Mittvierzigern um ihn herumhüpfte. Der Mann suchte aber wohl keinen neuen Brieffreund, sondern war nur das Ablenkmanöver für drei Komplizen, die unseren Kollegen mal eben um zwei Eintrittskarten und seine Brieftasche erleichterten. Bei der Polizei am Hauptbahnhof traf er dann auf eine Beamtin aus Niedersachsen, die Mitgefühl zeigte. Anders ihr polnischer Kollege, der nur achselzuckend auf Englisch mitteilte: »Herzlich Willkommen in Polen.«

Auf der siebeneinhalbstündigen Rückfahrt hatte man dann noch Zeit, um die schöne Landschaft zu würdigen und festzustellen, dass der Pole ebenso eifrig im Schmücken des Eigenheims ist wie der Deutsche. Überall Fahnen, Wimpel, Gartenzwerge und Maschendrahtzäune in den Nationalfarben. Der Höhepunkt: Eine riesige Kartoffel in rot und weiß.

Gleiches Bild in Breslau und Posen

 
 
 
 
 
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