Der Fußball, mein Leben und ich: Stig Tøfting

»Das Gefängnis glich einem HSV-Trainingslager«

Hell's Angels, Gefängnis, Prügeleien: Stig Tøfting eilte Zeit seiner Karriere das Image des bösen Buben voraus. Für die neue 11FREUNDE-Ausgabe trafen wir ihn zum großen Karriere-Interview in Hamburg. Lest hier, wie die Begegnung verlief. Der Fußball, mein Leben und ich: Stig TøftingVolker Schrank

Stig Tøfting sieht aus wie eine Figur aus einem Marvel-Comic. Die Arme dick wie Brückenpfeiler, der Nacken ledrig wie das Gesicht einer 100 Jahre alten Squaw, die Stirn eine Wand aus Stahl. Es gibt ein Foto von Stig Tøfting, da wartet er auf den Beginn eines Boxkampfes und trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: »If you don’t like me – fight me!« Auf einem anderen Bild hat er die Fäuste gehoben, sein Oberkörper voller Tätowierungen, Tribals, Muster, Slogans, auf seinem Bauch in schwarzer Tinte: »No regrets!« So heißt auch seine Biografie. Darin schreibt er über die Hell’s Angels und einen Gefängnisaufenthalt. Über China und Kopfnüsse. Über Duisburg, Hamburg und Bolton. Über Tod, Trauer und Wut.

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»Mit wem würden Sie lieber in den Krieg ziehen: Mit mir oder mit einem hemdsärmeligen Typen, der lächelnd über den Platz trabt?«, fragt der Muskelmann. Ich würde am liebsten gar nicht in den Krieg ziehen. Aber das interessiert jetzt nicht. Stig Tøfting sitzt mir im HSV-Restaurant »Die Raute« gegenüber, ein Nachmittag im August, es hat geregnet. Wir blicken auf das Spielfeld des Volksparkstadions. Tøfting trinkt Wasser, sein siebenjähriger Sohn Cola. Der Bizeps spannt das schwarze T-Shirt, die grünen Augen funkeln.

»Wenn ich Fußball spielte, spürte ich eine große Freiheit«

Einmal, Anfang der Neunziger, verirrte sich ein Freund von mir am HSV-Trainingsgelände. Als ich ihn am nächsten Spieltag im Block traf, sagte er beiläufig zu mir: »Übrigens: Haben scheinbar einen neuen Fitnesstrainer. Sah irgendwie amerikanisch aus. Wie eine Actionfigur.« Noch während er den Satz aussprach, lief der Fitnesstrainer auf das Feld des Volksparkstadions. Auf dem Trikotrücken stand sein Name: Stig Tøfting.

Heute bestreitet der HSV ein Freundschaftsspiel gegen den FC Valencia. Tøfting hat für sich und seinen Sohn Karten von seinem Freund Bernd Wehmeyer geschenkt bekommen. Wenn er nun auf den Rasen blickt, spulen sich die Szenen vom großen Champions-League-Spiel gegen Juventus Turin ab. Der Däne wurde an jenem Septemberabend 2000 in der 27. Minute für Martin Groth eingewechselt und stand die restliche Zeit Alessandro del Pierro auf den Füßen. Von da an war er in der Startelf gesetzt. »Wenn ich Fußball spielte, spürte ich eine große Freiheit. Das Leben fühlte sich mit einem Mal so herrlich leicht an. So war es auch im Spiel gegen Turin.«

Über seinem Leben abseits des Platzes lag indes häufig eine bleierne Schwere. Als Stig Tøfting 13 Jahre alt war, verlor er seine Eltern. Sein Vater hatte erst seine Mutter, danach sich mit dem Jagdgewehr erschossen. Am nächsten Tag spielte der Junge Fußball mit seiner Jugendmannschaft, Sepp Piontek überreichte ihm den Pokal für den besten Spieler. Tøfting rannte davon.

Im Gefängnis: Rasen mähen und stündlich Liegestütze

Die dänischen Medien kannten die Geschichte über den Tod seiner Eltern, doch es gab ein Stillhalteabkommen, auch weil Tøftings Kinder noch nichts über darüber wussten. Die Journalisten schwiegen beinahe zwei Jahrzehnte. Doch im Sommer 2002, kurz vor Dänemarks WM-Spiel gegen Senegal, veröffentlichte eine Boulevardzeitung Details der Story. Die Nationalmannschaftskollegen waren außer sich, sie wollten fortan alle Medien boykottieren. Tøfting soll ruhig geblieben sein: »Ich rief nur meinen Onkel an, so dass er den Kleinen erzählen konnte, was in den nächsten Tagen los sein wird.«

Wenn Stig Tøfting erzählt, spricht er mit buddhistischer Gelassenheit, und man mag kaum glauben, dass hier einer sitzt, der sich etliche Male wegen Prügeleien verantworten musste, der Verbindungen zu den Köpfen der Hell's Angels hat, der angeblich sogar einem Verbrecher einst ein Fluchtauto besorgt haben soll. Zwischenzeitlich saß Tøfting tatsächlich mal im Gefängnis, dort mähte er Rasen und machte stündlich 50 Liegestütze: »Das war wie ein Trainingslager mit dem HSV.«

»Ich bin ein ganz ordentlicher Typ«

Tøfting hat beinahe 500 Profispiele bestritten, er hat bei zwei Weltmeisterschaften teilgenommen, mit Duisburg stand er 1998 im Pokalfinale, mit dem HSV spielte er in der Champions League – und doch steht sein Name bis heute vornehmlich für Ärger. »Wenn man Tøfting im Internet sucht, dann bekommt man das Gefühl, ich sei ein ziemlich übler Kerl. Doch wenn mich die Leute kennenlernen, merken sie, dass ich ein ganz ordentlicher Typ bin. Vielleicht wäre diese Böser-Bube-Schublade nie aufgemacht worden, wenn ein paar große Titel gewonnen hätte.« 

Dann passiert etwas, was für gewöhnlich nur in RTL-Vorabendserien oder Arztromanen passiert. Ein Mann vom Nebentisch steht auf. Er hat unser Gespräch 90 Minuten lang belauscht, hat mitbekommen, wie Tøfting vom Jagdgewehr auf dem Küchenboden berichtete oder vom Tod seines Sohnes Jon erzählte. Der Mann legt seine Hand auf Tøftings Schulter und sagt: »Stig, du hast vielleicht keine Titel gewonnen, doch du hast mein Herz gewonnen.« Der Kitsch klatscht in das Selterglas. Stig Tøfting blickt aufs Spielfeld. Er sieht sehr friedlich aus.


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