30.06.2012

Der Fußball, die Ukraine und ich (17)

Deutsches Geisterspiel

Die ukrainische Bahn ist sehr langsam. Deshalb hat man vor der EM ein paar südkoreanische Züge importiert, die beinahe so schnell sind wie deutsche ICE – Andreas Bock verpasste dennoch ein sehr wichtiges Fußballspiel.

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Die Ukraine ist flächenmäßig eines der größten Länder Europas. Von Osten nach Westen sind es etwa 1600 Kilometer, von Donezk nach Kiew 730, Mit einem handelsüblichen Ukraine-Express benötigt man für diese Strecke 13 Stunden. Vor der EM herrschte hier deswegen ein bisschen Panik. Wie werden die ausländischen Fans reisen? Werden sie rechtzeitig zu den Spielen kommen?

Kurzerhand importierte man ein paar Züge aus Südkorea. Schnellzüge, die mit dem ukrainischen Schienensystem kompatibel sind und die beinahe so schnell durchs Land fahren wie deutsche ICE. In Spitze schaffen sie 162 km/h. Das Problem: Die Züge fahren nur zweimal am Tag. Zwischen 6 und 7 Uhr sowie zwischen 16 oder 17 Uhr. Der erste Zug ist meistens sehr schnell ausgebucht. Ich bekam für die Strecke Donezk-Kiew jedenfalls nur ein Ticket für 16:50 Uhr. Ankunft um 23:50 Uhr, also nach Abpfiff des Halbfinales Deutschland gegen Italien. Doch ich war mir sicher, dass es irgendwo in diesen Super-EM-Zügen eine Möglichkeit geben würde, dieses Spiel zu sehen.

Power and Beauty in der PR-Schleife

In den Abteilen befinden sich sechs Bildschirme, über die für gewöhnlich ein PR-Clip flimmert. Man sieht darin ukrainische Folklore, ukrainische Landschaften, ukrainische Städte, ukrainische Menschen. Mal tanzen sie, mal töpfern sie, mal schmeißen sie Laub in die Luft. Fast immer stehen sie dabei vor alten Gebäuden oder Statuen aus der Stalin-Ära. Geschnitten ist der Clip wie ein MTV-Musikvideo. Er dauert fünf Minuten, dann beginnt er von vorne. Man sieht ihn auf der Strecke Donezk-Kiew also 84 Mal.

In meinem Abteil saßen am Donnerstagabend zahlreiche Spanien-Fans, die ebenfalls die leise Hoffnung hatten, dass hier um 21:45 Uhr Ortszeit das Halbfinale gezeigt würde. Um 21:43 Uhr blickten wir aber immer noch in die PR-Schleife, gerade waren Bilder aus Donezk zu sehen. Eine stilisierte Rose und ein stilisiertes Kohlestück. Darunter der Slogan: »Power and Beauty«.

Ich hatte zwei Tage in Donezk auf der Couch eines befreundeten Kollegen verbracht. Er war knapp eineinhalb Wochen in Donzek. Sein Kollege über drei Wochen. Als ich ihnen von der Schönheit Lwiws und der pulsierenden Metropole Kiew erzählen wollte, durfte ich nicht weiterreden. Sie blickten auf die Artema-Straße in Donezk. Dann sagten sie, dass es hundert Meter nach rechts ein Café gebe. Und irgendwo solle eine Statue von Sergei Bubka stehen. Keine Power, kein Beauty, sagten sie. Nur: Stadthass.

Mangelnde Kommunikation

 
 
 
 
 
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