Der Fußball, die Ukraine und ich (17)

Deutsches Geisterspiel

Die ukrainische Bahn ist sehr langsam. Deshalb hat man vor der EM ein paar südkoreanische Züge importiert, die beinahe so schnell sind wie deutsche ICE – Andreas Bock verpasste dennoch ein sehr wichtiges Fußballspiel.

Die Ukraine ist flächenmäßig eines der größten Länder Europas. Von Osten nach Westen sind es etwa 1600 Kilometer, von Donezk nach Kiew 730, Mit einem handelsüblichen Ukraine-Express benötigt man für diese Strecke 13 Stunden. Vor der EM herrschte hier deswegen ein bisschen Panik. Wie werden die ausländischen Fans reisen? Werden sie rechtzeitig zu den Spielen kommen?

Kurzerhand importierte man ein paar Züge aus Südkorea. Schnellzüge, die mit dem ukrainischen Schienensystem kompatibel sind und die beinahe so schnell durchs Land fahren wie deutsche ICE. In Spitze schaffen sie 162 km/h. Das Problem: Die Züge fahren nur zweimal am Tag. Zwischen 6 und 7 Uhr sowie zwischen 16 oder 17 Uhr. Der erste Zug ist meistens sehr schnell ausgebucht. Ich bekam für die Strecke Donezk-Kiew jedenfalls nur ein Ticket für 16:50 Uhr. Ankunft um 23:50 Uhr, also nach Abpfiff des Halbfinales Deutschland gegen Italien. Doch ich war mir sicher, dass es irgendwo in diesen Super-EM-Zügen eine Möglichkeit geben würde, dieses Spiel zu sehen.

Power and Beauty in der PR-Schleife

In den Abteilen befinden sich sechs Bildschirme, über die für gewöhnlich ein PR-Clip flimmert. Man sieht darin ukrainische Folklore, ukrainische Landschaften, ukrainische Städte, ukrainische Menschen. Mal tanzen sie, mal töpfern sie, mal schmeißen sie Laub in die Luft. Fast immer stehen sie dabei vor alten Gebäuden oder Statuen aus der Stalin-Ära. Geschnitten ist der Clip wie ein MTV-Musikvideo. Er dauert fünf Minuten, dann beginnt er von vorne. Man sieht ihn auf der Strecke Donezk-Kiew also 84 Mal.

In meinem Abteil saßen am Donnerstagabend zahlreiche Spanien-Fans, die ebenfalls die leise Hoffnung hatten, dass hier um 21:45 Uhr Ortszeit das Halbfinale gezeigt würde. Um 21:43 Uhr blickten wir aber immer noch in die PR-Schleife, gerade waren Bilder aus Donezk zu sehen. Eine stilisierte Rose und ein stilisiertes Kohlestück. Darunter der Slogan: »Power and Beauty«.

Ich hatte zwei Tage in Donezk auf der Couch eines befreundeten Kollegen verbracht. Er war knapp eineinhalb Wochen in Donzek. Sein Kollege über drei Wochen. Als ich ihnen von der Schönheit Lwiws und der pulsierenden Metropole Kiew erzählen wollte, durfte ich nicht weiterreden. Sie blickten auf die Artema-Straße in Donezk. Dann sagten sie, dass es hundert Meter nach rechts ein Café gebe. Und irgendwo solle eine Statue von Sergei Bubka stehen. Keine Power, kein Beauty, sagten sie. Nur: Stadthass.

Mangelnde Kommunikation

21:46 Uhr: Das Programm gab nicht auf. Es wurde unaufhörlich getöpfert, getanzt, gelaubt. Immer wieder. Immer von vorne. Immerhin hat der Clip zwischen der zweiten und dritten Minute eine unfassbar aufregende Wendung. Da lernt eine rothaarige Frau (Typ Kate Winslet) einen dunkelhaarigen Mann (Typ Richard Gere) kennen. Sie werfen sich verträumte Blicke zu. Irgendwann hofft man sehr stark, dass sie sich küssen. Oder prügeln. Oder einen Joint rauchen. Irgendwas machen. Doch sie schauen sich nur verträumt an. Ich wollte die Bildschirme aus dem Abteil werfen, doch sie sind sehr fest montiert. Ich wollte woanders hingucken, doch die Bildschirme geraten immer wieder ins Blickfeld. Ich verfluchte mich also, da ich nichts zu lesen mitgenommen hatte. Kein Buch, keine Broschüre, nicht mal ein »Lustiges Taschenbuch« auf ukrainisch.

21:49 Uhr: Die Spanier wurden unruhig. Einer zog sich seinen Pullover aus und saß jetzt im Unterhemd im Gang. Ein anderer versuchte, eine Verbindung zum Internet herzustellen und SMS zu verschicken. Sinnlos. Ein dritter fragte nun schon zum achten Mal die Bahn-Stewardess, warum er denn nicht das Programm umstellen könnte. Er sei schließlich TV-Techniker. Sie lehnte ab.

1:0, lange Gesichter

22:10 Uhr: Jemand schrie den Namen Balotelli. Ein Japaner hatte irgendwie eine SMS erhalten. Diese verdammte Super-Technik aus Fernost! Es stand 1:0 für Italien. Lange Gesichter überall. Auch bei den Spaniern. Hier hofften alle auf einen Sieg der Deutschen.

22:33 Uhr: Halbzeit. Auf dem Bildschirm posierte gerade ein Pärchen vor einer stalinistischen Kanone in Donezk. Beauty oder Power? Oder beides? Dann schrie ein Mann (Typ japanischer Skilehrer): »Balotelli!« Freute sich der Skilehrer noch über das 1:0? Stand es mittlerweile 2:0? Hatte Deutschland in der Zwischenzeit getroffen? Er sagte »Two!« Dann fragte ich: »Zero?« Er schüttelte den Kopf und sagte wieder: »Two!«

Ich verstand nur die Wörter Balotelli, Klose und Gomez

22:38 Uhr: Ich spielte mit einem Ukrainer ein paar Partien Backgammon. Eine Bahn-Stewardess brachte ein sogenanntes »Lunch-Paket« vorbei. Das besteht aus einem alten Brötchen, Scheiblettenkäse, fettiger Wurst und ein paar Cherrytomaten. Dazu gibt es ein Trinkpäckchen. Multivitamin. Bzw.: Multi-»Vitamin«. Kostet 40 Griwna, vier Euro. Hungerhass.

Die zweite Halbzeit verging. Es wurde immer schlimmer. Die Japaner standen mittlerweile zwischen den Abteilen und erhielten mit ihren Superhandys im Sekundentakt neue Nachrichten. Sie sprachen kein Englisch. Ich verstand nur die Wörter Balotelli, Klose und Gomez. Der Skilehrer sagte weiterhin »Two«.

Ich ging auf Toilette, dann wieder raus. Ich spielte eine halbe Partie Backgammon, dann ging ich wieder auf Toilette. Ich unterhielt mich mit den Japanern, sie unterhielten sich nicht mit mir. Ich blickte auf mein Handy. Kein Empfang. Zughass.

Um 23:55 Uhr erreichten wir Kiew. Ich stürzte aus dem Waggon. Hatte Italien wirklich 2:0 gewonnen? Oder stand es 2:2? Quasi Doppel-Two? Ich eilte durch eine Unterführung, vorbei an den Spaniern und Japanern, an den Taxis und Rollkoffern. An der Metrostation hatte ich erstmals wieder Internet, und da standen sie, die Zahlen: 2 und 1. Ich kaufte am Kiosk ein Dosenbier und trank es schnell aus. Ich dachte an Stalin und Richard Gere. Das Spiel war aus.

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