Der Fußball, die Ukraine und ich (16)

Auf der Suche nach Ailton

Ailton hat in nahezu jedem Land der Welt gespielt. Irgendwann soll er auch mal in Donezk gewesen sein. Andreas Bock, unser Mann in der Ukraine, hat sich auf Spurensuche begeben.

In Donezk gibt es eine Sergei-Bubka-Statue, einen 350 Meter hohen TV-Sendemast und ein Delphinarium. Das war’s. Nein, ach, es gibt noch eine Straße, die führt von Norden nach Süden und heißt Artema. Man kann allerhand auf ihr machen. Zum Beispiel sie von Norden nach Süden abgehen und dann wieder umdrehen.

Auf der Artema-Straße gibt es zahlreiche Volunteers. Das sind diese außerordentlich netten und zuvorkommenden jungen Menschen, die an nahezu jeder Bus- oder Metrostation auf EM-Touristen warten, um ihnen zu verraten, wie man zum Stadion oder zur Fanzone kommt, auch wenn man dort gar nicht hin will. Sie tragen türkisfarbene T-Shirts – und sprechen manchmal sogar englisch.

Heute musste ich ihre Hilfe in Anspruch nehmen, denn ich wollte zum Stadion von Metalurh Donezk. Irgendwann, vor vier oder fünf Jahren, soll Ailton dort gespielt haben. Ich fragte einen Türkis-Volunteer nach dem Weg. Der Vounteer antwortete nicht, sondern faltete einen der Pläne aus, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Dann ging er mit dem Finger den Index eines Planes ab. Sekunden vergingen. Minuten. Irgendwann entdeckte ich auf der Karte das Symbol eines Stadions. Ich zeigte mit dem Finger drauf und fragte: »This? Metalurh? Stadium?« Er schaute mich glücklich an und sagte: »Da!« Also ging ich los.

Keine Volunteers in der Provinz

Es folgte eine Stunde Fußmarsch, die meiste Zeit ging es bergauf. Als ich beim Stadion ankam, stand dort nicht »Metalurh« am Eingang, sondern »Smolyanka«. Am Eingang stand auch kein Volunteer, sondern ein Bauarbeiter. Er schaute mich nicht glücklich an. Ich setzte mich auf die kleine Tribüne und sah ihm dabei zu, wie er Steine zur Einfahrt schleppte. Ich war beim dritten Donezker Verein gelandet.

Also wieder eine Stunde in die andere Richtung. Immerhin hat Donezk auch abseits der Artema allerhand zu bieten. Ich kam etwa an einer Tankstelle vorbei, danach an einem schlafenden Hund, schließlich an einem Möbelhaus. Momentan im Angebot: Schwarze Speckledersofas für 13.000 Griwna. Schließlich erreichte ich das Stadion. Daneben ein Bäcker, ein Fleischer, ein Kiosk. Sonst: Wohnblocks (groß). Sonst: Asphalt (rissig). Sonst: Straßenhunde (lebend). Bezeichnend.

Ailton? Schulterzucken.

Das Metalurh-Stadion ist ein kleines Schmuckkästchen. Zwei Geraden mit alten Tribünendächern laufen hinter dem einen Tor in einer Kurve zusammen. Auf der anderen Seite ist der Bereich hinter dem Tor gerade. Eine Mischung aus dem Craven Cottage und der alten Essener Hafenstraße. Fassungsvermögen: 5000 Zuschauer. Hier hat Ailton also mal gespielt.

Das Stadion stand offen, zwei Bauarbeiter transportierten Dinge mit Schubkarren, ein Mann lag auf der Treppe vor der Geschäftsstelle. Die war geschlossen. Ich fragte also den Mann, ob er Ailton kenne. Er zuckte mit den Achseln. Dann sagte ich »Metalurh« und er streckte den Daumen nach oben. Wir guckten uns noch eine Weile an, dann merkten wir, dass das Gespräch beendet war.

Ein brasilianisches Phantom

Die Bauarbeiter mit der Schubkarre ignorierten mich. «Ailton?«, fragte ich, doch sie stellten Klötze und Mörtel neben einen Eingang. Dann drehten sie mit der leeren Karre um und steckten sich mit ihren alten neue Zigaretten an. Schließlich bog ein Mann um die Ecke, der ein bisschen aussah wie ein amerikanischer Fitnesstrainer. Ich konnte mir gut vorstellen, dass er mit Ailton Sit-ups gemacht oder Lkw gezogen hat. Ich fragte ihn, ob er Ailton kenne. Doch er war leider kein Amerikaner, und deswegen blieb auch dieses Mal nichts anderes übrig, als den Daumen zu heben. Zum Abschied sagte er: »Russia!« Ich sagte: »Da!« Und dann ging ich wieder.

Ailton in Donezk? War sein ukrainischer Klub vielleicht doch Metalist Charkiw? Oder gar Schachtar? Als ich wieder Zuhause war, überprüfte ich mein Halbwissen. Nein, ich hatte mich nicht geirrt, Ailton spielte tatsächlich mal in Donezk. Sogar bei Metalurh. Er unterschrieb im Frühjahr 2008 einen Zweijahresvertrag. Er debütierte am 29. März 2008 gegen Tavriya Simferopol und verabschiedete sich am 12. April 2008 gegen Naftovik-Ukrnafta. Zu beiden Spielen kamen 800 Zuschauer. In der zweiten und letzten Partie schoss er sogar ein Tor. Ailton in Donezk. Das klingt wie eine Doku-Soap auf RTL2. Danach ging er nach Altach (Österreich), Campina Grande (Brasilien), Chongqing (China), Krefeld und Oberneuland. Das wiederum klingt wie ausgedacht.

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