Der Fußball, die Ukraine und ich (15)

»I'm Tony Montana! You fuck with me?«

Andreas Bock fährt für sein Leben gerne Marschrutka. Manchmal bleibt ihm allerdings keine andere Wahl und er muss aufs Taxi umsteigen. Hier lernte er Konrad kennen. Den Tony Montana von Kiew.

Konrad hat einen guten Humor. Seine Visitenkarte zeigt ihn im Outfit von Tony Montana, der Hauptfigur aus dem Film »Scarface«. Auf der Rückseite ist eine Art Hologramm: Wenn man die Karte waagerecht hält, erscheint Kiew, wenn man die ein wenig kippt, sieht man Miami bei Nacht. War nicht teuer, hat Konrad erzählt. 500 Griwna für 5000 Visitenkarten. Die verteilt er nun an seine Gäste und sagte dazu: »I'm Tony Montana! King of Miami!« Konrad ist Taxifahrer. Er fährt einen ockerfarbenen Lada.

Selbst das Wort »Metro« bedeutet in Kiew anscheinend etwas anderes als »Metro«

Manchmal rufe ich ihn an und er befreit mich aus misslichen Lagen. Neulich etwa hatte ich mich irgendwo am Fluss verlaufen. Kein englisch- oder deutschsprechender Mensch weit und breit. Selbst das Wort »Metro« bedeutete hier anscheinend etwas anderes als »Metro«. Ich zog Konrads Visitenkarte, blickte auf Miami. Dann wählte ich seine Nummer, und erklärte ihm, welche Dinge ich vor mir sehe: Den Fluss, eine Brücke, einen großen Sandberg.

»Dawai! Dawai! I know place!« Doch er hatte keine Zeit, er käme in einer halben Stunde. Ich sagte ebenfalls »Dawai, dawai«, und setzte mich ans Ufer des Dneprs. Eine halbe Stunde später klingelte mein Telefon. Nur: War das Konrad? Ein Mann sprach in einem seltsam gekünstelten Dialekt.

Ich: »Konrad?«
Er: »What do you want?«
Ich: »Konrad? Are you Konrad?!«
Er: »I have ears, you know. I hear things.«
Ich: »I would like to speak to Konrad!«
Er: »No Konrad here.«
Ich: »But it’s Konrad number!«
Er: »No Konrad here. You have enough?«
Ich: »I have enough? You called me!«

Dann legte er auf. Hatte Konrad nun auch versucht, die Stimme von Tony Montana zu imitieren? Wenn ja, war es ihm kräftig misslungen. Er klang wie ein sowjetischer Gegenspieler aus einem James-Bond-Film der Achtziger.

»Bad business«, sagte Konrad

Zehn Sekunden später kam der ockerfarbene Lada um die Ecke gebogen. »What’s the problem? Where is your mobile?«, fragte ich. »Bad business«, sagte Konrad. Er sei falsch abgebogen, dann hätten Männer mit dicken Armen seinen Wagen klauen wollen, er konnte einen in die Flucht schlagen, er haute ab, verlor dabei aber sein Handy. »Wer waren diese Typen?«, fragte ich. »A man called...«, sagte er, sprach den Namen aber nicht aus. Dann legte er den linken Ellbogen aus dem Fenster und sagte: »Friend! I am not a Taxidriver!« Er startete den Wagen und führte einen dreiminütigen Monolog. Es ging um Geld, Waffen, Unterwelten. Kurz: Eigentlich arbeite er im Diamantengeschäft. Momentan sei sein Kofferraum voller Geld. »Taxi is fake! Only for business! You know!«

Ich sah mich schon an der nächsten Ecke aus dem Wagen springen. Hechtrolle, oder so was in der Art. Doch Konrad hielt vor meinem Block, 9B, Kiew Kharkvskiy Massiv. Ich drückte ihm 100 Griwna in die Hand. Dann tastete ich nach dem Türgriff, keine falsche Bewegung, Alter, ganz entspannt. Doch die Tür war verschlossen. Konrad grinste und wühlte in seiner Jackentasche, dann legte er sein Handy auf das Armaturenbrett und sagte: »I'm Tony Montana! You fuck with me, you fuckin’ with the best!« Ich blickte auf das Handy, dann auf seine Visitenkarte, die in einem Fach daneben lagen. Er gab mir die Hand und lachte und lachte und lachte. Ich glaube, er lachte mich aus. Er hatte einen Witz gemacht.

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