Der Fußball, die Ukraine und ich (14)

Das Foto-Modell

Mit den Touristen-Fotos, die während dieser EM geschossen werden, könnte man den Atlantik trockenlegen. Andreas Bock wähnt sich auf zwei bis drei Millionen Bildern. Meist mit total lustig angezogenen Fans.

Neulich sprach mich ein ukrainisches Paar an. Der Mann sagte »Hallo!« und die Frau sagte, dass ich ihrem Bruder ähnlich sehe. Dann fragte sie, ob es mir was ausmache, wenn sie ein Foto von mir mache, damit sie es ihrem Bruder zeigen könnte. Gut, dachte ich, warum nicht. Wenngleich ich bezweifelte, dass ihrem Bruder das Ergebnis gefällt. Ich trage mittlerweile einen 25-Tage-Bart und Schweißperlen rannen mir während der Aufnahme über die Augenlider – es waren etwa 45 Grad im Schatten.

»Ich mit dem Nationalflaggen-Stelzen-Mann 1/247«

Es war dennoch außerordentlich freundlich, dass die Frau mich fragte. Denn normalerweise läuft das bei der EM so: Tourist A rennt mit seiner Digitalkamera oder seinem Handy durch die Fanzonen. Dann erspäht Tourist B ein Fotomotiv (französische Fans auf Stelzen, griechische Fans mit Centurio-Helmen, deutsche Fans mit Bierhelmen). Dann rennen sie dorthin und stellen sich anbei. Tourist C nimmt die Kamera und schreit: »Foto, Foto!« Dann heben die Leute den Daumen oder ziehen Grimassen. Später legen sie eine Bildergalerie auf ihren Rechnern an. Unter die Bilder schreiben sie: »Ich mit dem Nationalflaggen-Stelzen-Mann 1/247«. Oder: »Ich mit dem Nationalflaggen-Schminke-im-Gesicht-Mann 665/3522.«

Das dieser Tage beliebteste Fotomotiv ist der sogenannte Stretchmann. Dieser trägt einen Ganzkörper-Anzug aus Gummi, der eng an der Haut liegt. Er hat die Farben einer Nationalflagge. Das sieht so aus, wie es klingt: Nicht gut. Doch die Stretchmänner kümmern sich nicht darum. Sie sind beliebter als Baby-Elefanten im Berliner Tierpark. Dafür nehmen sie auch beschwerliche Wege in Kauf. Für eine Strecke von etwa 100 Metern brauchen sie drei Stunden, denn sie werden auf dem Weg etwa 484 Mal fotografiert. Stretch-Männer, die wie ich in Kiew Kharkvskiy-Massiv wohnen, müssen etwa drei Tage vor Anpfiff losfahren, um diesen überhaupt mitzuerleben.

Begegnung mit dem Kettenmann

Ich stehe oft neben all diesen Menschen mit den lustigen Verkleidungen, denn ich finde es außerordentlich faszinierend, dass sie ihre spektakuläre Performance gratis darbieten. Gestern lief ich zum Beispiel eine Weile neben einem Engländer her, der in einer mittelalterlichen Kettenrüstung durch die Stadt zog und aussah wie ein Statist aus einem Robin-Hood-Film. Ich sagte ihm, dass die Rüstung ziemlich schwer sein müsste. Er antwortete: »What?« Dann wiederholte ich die Frage, doch er sagte nichts mehr. Er schien sehr erschöpft und setzte sich auf eine Bank. Er trank ein Bier. Ich probierte es noch einmal und rief ihm leutselig zu: »Met?« Doch er reagierte nun gar nicht mehr. Er hatte anscheinend Pause.

Doch schon wenige Sekunden später bog eine Touristengruppe um die Ecke. Im Schlepptau zwei Männer mit TV-Kameras. Als sie den Kettenmann sahen, hopsten sie ihm entgegen. Die TV-Männer packten ihre Gerätschaften aus und zerrten den Kettenmann nach oben. »Foto, Foto«, riefen die Touristen. »Make something«, sagten die Kameramänner. Der Kettenmann hob sodann die Arme, dann sang er: »England!«. Und noch einmal: »England!« Die Leute knipsten, filmten und sie schauten zufrieden durch ihre Displays. Schließlich hopsten weiter, weil sie einen Stelzenmann erspähten.

Die Fotos werden sie an diesen wunderschönen Moment mit dem Kettenmann erinnern. Ich bin auch auf ihnen zu sehen – wie auf etwa drei Millionen anderen Bildern, die während dieser EM von Fans und anderem Faschingsvolk gemacht wurden. Das Gute: Ich hatte mich inzwischen rasiert und es war kühl, keine Schweißperlen im Gesicht. Und dennoch fühlte ich mich neben dem Kettenmann under-dressed. Sie werden es auf dem Foto sehen: Dieser Blick, leicht unsicher. Doch morgen wird alles anders. Morgen werde ich der erste EM-Fan, der als Kettenhemd tragender Stretchmann auf Stelzen durch Kiew läuft. In der linken Hand halte ich einen Met-Becher, in der rechten einen Baby-Elefanten.

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