Der Fußball, die Ukraine und ich (13)

Wie einst Horst Ehrmantraut

Immer wenn Andreas Bock Spiele der DFB-Elf alleine und in unkomfortabler Position schaut, gewinnt sie. Nun hat er Sorge, wie Horst Ehrmantraut zu werden.

Der Besitzer meines Stammkiosks ist früher häufig mit dem Lkw nach Deutschland, Holland und Belgien gefahren. Deswegen kann er ein paar Brocken Deutsch sprechen. Sein Lieblingssatz lautet: »Ich bin früher häufig mit dem Lkw nach Deutschland, Holland und Belgien gefahren.« Es ist meistens nach Mitternacht, wenn ich ihn besuche. Ich hole mir dann ein Mykolynezke-Bier und verbringe noch ein paar Minuten auf dem Balkon unserer Wohnung, sechster Stock, Plattenbausiedlung, Kiew Kharkvskiy-Massiv.

Der Balkon ist etwa 80 Zentimeter tief und vier Meter breit. Hier steht und hängt allerhand rum, ein Aschenbecher, ein bisschen Spielzeug, eine Wäscheleine, etliche Kartons von Elektrogeräten, die irgendwann mal aus- und dann wieder eingepackt wurden. Der Ausblick ist toll: Man schaut auf andere Plattenbauten und kann zwischen ihnen einen kleinen See erkennen.

Sie nannten ihn »Voodoo-Horst«

Das Beste an dem Balkon ist aber ein Plastikstuhl. Abgesehen davon, dass er rot ist, sieht er aus wie der, den Horst Ehrmantraut eines Tages ins Frankfurter Waldstadion brachte. Ehrmantraut sagte damals, er mache das, weil er in der Bankenstadt Frankfurt nicht elitär wirken wolle. Indes, die Medien machten aus ihm einen abergläubischen Trainer. Sie nannten ihn »Voodoo-Horst«. Wie auch immer, der rote Kharkvskiy-Massiv-Plastikstuhl und ich sind gute Freunde geworden. Letztes Bier vor dem Schlafengehen und ein bisschen Lichter im Plattenbaudschungel gucken. Normalerweise gegen 2 Uhr nachts.

Am Freitag kam ich allerdings früher nach Hause. Körperlich am Ende. Die Pollen waren los und in meiner Nase tobte seit Stunden ein Speed-Metal-Konzert. Ich wollte das Viertelfinale Deutschland gegen Griechenland eigentlich im Innenhof der Deutschen Botschaft gucken. Doch war ich dort sicher? Ich wusste nur, dass ich hier auf dem Balkon geschützt war, der, wenn man es genau nimmt, ein schlauchartiger Wintergarten ist. Also setzte ich mich hin. Die Vorberichte liefen bereits, ein paar meiner Kollegen waren nach Danzig unterwegs. Ich blieb sitzen, ZDF-Mediathek, später Al Jazeera England.

Mehr als nur Plastik

Ich schaue Fußballspiele gerne in Gemeinschaft. Am Vorabend hatte in einem Kiewer Kellerclub auf einer Couch gelegen. Um mich herum Dynamo-Fans, die allerhand zu diskutieren hatten. Wenn es laut wurde, ließ ich mir Passagen von meinem ukrainischen Mitbewohner Eugen oder seinem Kumpel Igor übersetzen. Es ging zumeist um Schiedsrichter und Torkameras.

Und doch kommt es immer wieder vor, dass ich wichtige Spiele alleine gucken. Das war auch bei den letzten Turnieren so. 2008 schaute ich etwa Deutschlands 3:2-Sieg gegen die Türkei in einer richtig miesen Bierkneipe auf einem richtig miesen Barhocker am Hamburger Hauptbahnhof – ich hatte meinen Zug verpasst. Vor zwei Jahren, als die WM in Südafrika stattfand, habe ich das Achtelfinale gegen England von einem alten Bürostuhl mit abgebrochenen Lehnen aus verfolgt. Alle Kollegen waren mit einem Mal ausgeflogen und hatten mich vergessen. Manchmal kamen SMS: »Wahnsinn!« Oder: »Jaaaaa!« Dann schrieb ich zurück: »Jaaaaa!« Deutschland gewann 4:1.

Ausgleich, runter mit dem Kwas

Dieses Mal kamen keine SMS, keine Anrufe, nichts. Mein Handy lag in der Küche, ich war zu schwach, um aufzustehen. Deutschland spielte gut, mit Tempo, Marco Reus und Miroslav Klose gefielen mir und dem Kommentator von Al Jazeera, der immer wieder die Uneigennützigkeit des Lazio-Stürmers lobte. Und als Philipp Lahm das 1:0 schoss, jubelte er so laut, als hätte die englische Nationalelf gerade die EM gewonnen.

Dann fiel das 1:1. Ich trank den Kwas aus und dachte an das Champions-League-Finale Bayern gegen Chelsea. Ich drückte mich tief in den roten Stuhl. Und da: das 2:1, 3:1, 4:1. Der Al-Jazeera-Mann grölte, Deutschland war im Halbfinale. Ich wollte den Stuhl nehmen und irgendwas mit ihm machen, doch der Balkon ist zu eng, der Stuhl ließ sich einfach nicht verschieben. Also schaute ich auf die Lichter von Kharkvskiy Massiv. Nichts regte sich. Ich ging hinunter und holte mir am Kiosk noch ein Mykolynezke.

Ehrmantraut interessiert niemanden

Auch vor dem Kiosk steht ein Plastikstuhl. Er sieht dem Ehrmantraut-Modell sogar noch ähnlicher, denn er ist weiß. Ich sagte zum Besitzer: »Guter Stuhl!« Er zog die Schultern hoch und machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte: »Geht so.« Ich sagte noch: »Glücksstuhl!« Dann wollte ich ihm von Horst Ehrmantraut berichten, doch es interessierte ihn nicht. Er erzählte mir, wie er früher häufig mit dem Lkw nach Deutschland, Holland und Belgien gefahren ist.

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