Der Fußball, die Ukraine und ich (10)

Wo geht’s hier bitte zum Oktoberfest?

Das Deutschland-Dänemark-Spiel wollte 11FREUNDE-Redakteur Andreas Bock in Oktoberfestatmosphäre verbringen. Er fand den »Biergarten«, einen Pub, der dem Michael Ammer der Ukraine gehört. Es klang vielversprechend.

Eric Aigner ist der Partykönig der Ukraine. Ihm gehören Pubs, Restaurants, Jazz-Bars, Nachtclubs, das komplette Programm. Eine Mischung aus Dieter Bohlen und Michael Ammer – nur ohne Haare. Früher hat er ein paar Mal Probleme mit der Mafia bekommen, später mit seinen Geschäftspartnern. Das liegt daran, dass er Verträge nur per Handschlag macht.

Aigner kam Mitte der Neunziger nach Kiew und fing klein an: Ein kleines Pizza-Restaurant. Danach kam der Biergarten, »Eric’s Biergarten«, spartanische Einrichtung, improvisiertes Programm, neben der Holzwand soll jemand mit Filzstift »Eric« gemalt. Danach ging es steil bergauf. Es ist die alte Geschichte: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Oder so ähnlich. Später einmal wurde er von der »Kiew Post« in der Liste der einflussreichsten Kiewer auf Platz 18 gewählt.

Löwenbräu ist universal

Da dirigierte er schon das halbe Kiewer Nachtleben. 18 Läden gehörten ihm zwischenzeitlich. Er vereinte sie alle unter dem Banner »Eric’s Family«, den »Musikclub 112«, das »Schnitzelhaus« oder das »Pex«. »Viola’s Biergarten« gehörte auch dazu, der Pub seiner Ex-Frau. Nachdem Eric Aigner sich von ihr trennte, ging er nach Odessa und Donezk, Geschäfte, neue Clubs, neue Partys. Viele seiner Schuppen gibt es immer noch. Manche heißen nun anders. Aus »Eric’s Biergarten« wurde irgendwann »Biergarten«.

An den Fenstern haben sie hier die Flaggen der Teilnehmerländer aufgehängt, hinter der Theke servieren Kellnerinnen Löwenbräu. Sie sprechen kein bayrisch, kein deutsch, nicht mal englisch. Müssen sie auch nicht. »Löwenbräu« ist universal. Gleich beginnt das Spiel Deutschland gegen Dänemark.

Aigner besitzt um die Ecke einen Jazzclub, der heißt »44 Art Club«, und der ist ziemlich großartig. Während auf verschiedenen Breitbildschirmen Fußball läuft, spielt auf der Bühne eine Band. Hinter der Theke hängen Bilder von Jim Morisson, Kurt Cobain und Jimmy Hendrix. Hier sitzen Rastafarians neben Männern mit sehr dicken Brillen und Büchern von Albert Camus in der Ledertasche.

Keine Lederhosen

Nun aber »Biergarten«, der deutscheste Pub in Kiew. Das sagt man sich. Draußen an der Tür werben sie mit »Kaltem Bier, WiFi und Fußball«. Im Oktober fand hier früher das Oktoberfest statt. Was dann los war, kann man auf zahlreichen Partyfotos sehen. Auf einer Homepage sieht man Aigner munter durch die Räume tanzen, unter einem Bild steht: »Wenn das Fernsehen auftaucht, schwingt sich Eric in Lederhosen.« Eric ist übrigens Chemnitzer.

Noch zehn Minuten bis zum Anpfiff. Bisher weit und breit keine Lederhosenatmosphäre. Der Countdown läuft. Drei Bardamen hüpfen hin und her. Ein Mann mit geschorenem Kopf und einer Tattoo-Galerie am Körper nickt sie mal in diese, dann wieder in jene Richtung. Unten gibt es weitere Räume, da rauchen sie Wasserpfeife. Der Mann sagt: »Da!« Er sieht aus wie Christian Ziege anno 2002 – mit Tattoos.

Gleich kommen sie. Oder?

Ich bestelle ein Löwenbräu. Oktoberfest- und Deutschland-Atmosphäre im Glas. Ich warte. Warte. Noch ein Löwenbräu. Warte. Warte. Gleich kommen sie sicherlich, Menschen in Lederhosen, Trachten, mit Deutschland-Perücken. »Bierstube since 1998«: dieses Schild kann man draußen nicht übersehen.

Die Tür öffnet sich und eine Gruppe setzt sich an den Nebentisch. Schweizer. Essen, trinken, schwizern. Egal. Auch Süden, auch schwer zu verstehen. Noch ein Löwenbräu. Schließlich macht der tätowierte Christian Ziege den Fernseher an. Das Spiel beginnt. Deutschland auf dem Fernseher, wenigstens das, denke ich. Doch dann schaltet Ziege um. Ich sehe Cristiano Ronaldo und Rafael van der Vaart, nein, denke ich, das ist verdammt noch mal das falsche Spiel. Der Laden heißt »Biergarten«. Steht draußen an der Tür. Weiß auf Bronze und dahinter die bayrische Flagge. Biergarten! Deutschland! Löwenbräu! Oktoberfest! Doch Ziege lässt nicht mit sich reden. Niederlande, Holland, vor meinem inneren Auge die Lederhosen. Wenn Eric Aigner wüsste, dass Ziege aus seinem einstigen Vorzeigeladen einen »Biertuin« gemacht hat.

Ich stehe auf und gehe zur Fanmeile. Dorthin, wo Deutschland immer schon Deutschland war. Sogar in der Ukraine. Christian Ziege sagt zum Abschied nicht mal Servus.

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