In der Fußball-Diaspora von Schleswig-Holstein

Hölle des Nordens

Was macht man, wenn man aus dem Ruhrgebiet kommt und in der Fußball-Diaspora landet? Auf der Suche nach einer neuen Heimat in Schleswig-Holstein.

Heft: #
128

Jürgen Klopp saß mir mit nackten Beinen gegenüber. Wenn er etwas besonders lustig fand, schlug er sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. Es klang wie ein Peitschenschlag und ich zuckte jedes Mal zusammen. »Das hier ist die emotionalste Fußballregion in Deutschland«, sagte Klopp und deutete eine Geste an, die wohl alles einschließen sollte: das Trainingsgelände der Borussia, wo wir uns getroffen hatten, die Stadt Dortmund und das ganze Ruhrgebiet. »Zumindest gibt es einen riesigen Unterschied zu allen anderen Gegenden in Deutschland.« Klopp machte eine Pause, grinste mich an und sagte: »Der größte, glaube ich, ist zu Schleswig-Holstein.«

Dann kam wieder der Peitschenknall, doch diesmal zuckte ich nicht zusammen. Ich erstarrte. Was wusste Klopp? Ließ er Informationen über Journalisten einholen, die ihn befragten? Oder stand mir auf der Stirn geschrieben: »Dieser Mann ist zwar in Dortmund geboren und hat seit dem 16. Lebensjahr eine Dauerkarte für die Südtribüne, doch nach 45 Jahren im Ruhrgebiet wird er die emotionalste Fußballregion Deutschlands verlassen und ausgerechnet in den gottverlassensten Zipfel von Schleswig-Holstein ziehen«?

Doch während ich ihn mit geweiteten Augen anstarrte, redete Klopp schon weiter, und ich atmete auf. Es war nur eine ganz normale Antwort auf eine normale Frage in einem normalen Gespräch gewesen. Dennoch ging mir die Bemerkung nicht mehr aus dem Sinn, denn Klopp hatte über meine kommende Heimat als eine Vorhölle für Fußballfans gesprochen. Wusste ich eigentlich, worauf ich mich einließ?

Als ich Klopp im März 2011 für ein ausländisches Magazin interviewte, wusste ich, dass Schleswig-Holstein das einzige der alten Bundesländer ist, das noch nie einen Klub in der Bundesliga hatte. Ich wusste auch, dass in weiten Teilen des nördlichsten Bundeslandes Handball den Ton angibt. Zudem wusste ich seit der Wohnungssuche, auf der ich mich mit vielen Einheimischen unterhalten hatte, was ältere Holsteiner auf die Frage nach ihrem Lieblingsverein meist antworten: »Früher war ich mal HSV-Fan. Aber das ist schon lange her.« Und bei den jungen Holsteinern, das hatte ich bei all unseren Haus- und Wohnungsbesichtigungen gesehen, war die Sache auch eindeutig: So sicher, wie sich hinter der Tür zum Mädchenzimmer Pferdeposter verbargen, hatten die Jungs einen Kalender von Bayern München an der Wand.

Trotzdem: Das ganze Ausmaß des Kulturschocks wurde mir erst klar, als ich ein Jahr nach dem Interview zusammen mit 231 anderen Leuten im kalten Regen von Todesfelde stand, den schwermütigen Seemanns-Pop von Santiano hörte und mich mit einem Mitglied des wohl selbstironisch benannten VfB-Lübeck-Fanklubs »Victory« unterhielt. »Wir sind das einzige Land, das in den obersten drei Ligen nicht einen einzigen Vertreter hat«, sagte er kopfschüttelnd. »Das ist fast unglaublich, aber wahr. Fußball hat es eben schwer hier.« Dann lächelte er mir freundlich zu. »Dafür ist alles sehr familiär. Ich zum Beispiel mag das eigentlich gar nicht, wenn die Stadien so voll und so laut sind.«

Das Leben am Meer ist kein Heimspiel

Doch mit Todesfelde anzufangen, das hieße ja, mit dem Ende der Reise zu beginnen. Oder besser: mit dem Ende der Suche. Starten wir also mit dem Anfang, mit der unangenehmen Diagnose eines Dortmunder Lungenarztes, gefolgt von der Entscheidung, das Leben umzukrempeln und an einen Ort zu gehen, wo die Luft besser und das Atmen leichter ist. Dorthin, »wo andere Urlaub machen«, wie Holsteiner gerne mit einem ironischen Unterton sagen und dabei die Augenbrauen hochziehen, um anzudeuten, dass auch das Leben am Meer kein Heimspiel ist.

Apropos Heimspiel. Als Ruhrpottler gibt man natürlich seine Jahreskarte nicht ab und nimmt selbst eine Anreise von 470 Kilometern (einfache Wegstrecke) mehr oder minder gerne in Kauf. Aber man ist es auch gewohnt, an mehreren Tagen der Woche irgendwo auf dem Fußballplatz zu stehen, und sei es in Wattenscheid oder Wanne-Eickel. Deshalb brachte der Umzug nach Schleswig-Holstein ein Problem mit sich, das ich zunächst gar nicht bedacht hatte: Ich brauchte einen Verein! Sozusagen einen Leihklub für die vielen Wochenenden, an denen ich nicht in die alte Heimat fahren wollte oder konnte.

Gerne möchte ich an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, eine Lanze für die Schwachen und Ausgegrenzten der Fußballwelt zu brechen, die sogenannten »Modefans«. Es ist nämlich alles andere als leicht, sich einen Verein auszusuchen. Im Gegenteil: Wer quasi in einen Klub hineingeboren wird, macht sich die Sache ganz schön einfach, während alle anderen schuften und schwitzen müssen. Nicht zuletzt aus Angst vor der falschen Entscheidung. Das fängt schon damit an, dass man sich erst mal ein Bild vom Angebot machen muss. Was gibt es denn hoch im Norden überhaupt für Vereine? Holstein Kiel und VfB Lübeck, ja klar. Und sonst? Was ist zum Beispiel mit Flensburg, nur halb so groß wie Herne, aber die drittgrößte Stadt in Schleswig-Holstein? »Das Lustige an Flensburg ist, dass es da keine Ultras beim Fußball gibt, sondern beim Handball«, erklärte mir Karsten, ein Holstein-Kiel-Fan von Mitte Vierzig, wenige Monate nach meinem endgültigen Umzug an die Küste. »Das gibt’s im Handball normalerweise nicht, und der Verein hat Schwierigkeiten damit, weil diese Fans sich eben auch wie Ultras verhalten. Inzwischen wurden schon Hallenverbote ausgesprochen.« Er musste selbst lachen. Vor meinem geistigen Auge sah ich Banner, auf denen »Sektion Hallenverbot« steht, und entschloss mich dazu, meinen neuen Fußballverein vielleicht doch lieber etwas weiter südlich zu suchen als an der dänischen Grenze.

Karsten und ich saßen an einem erbärmlich kalten Februartag in einer Kieler Studentenkneipe. (Die Stadt ist übrigens erstaunlich hässlich – im Grunde wie Gelsenkirchen, nur eben am Meer.) »Holstein war nach dem Krieg, zu Oberligenzeiten, immer eine norddeutsche Spitzenmannschaft, hat 1963 aber den Sprung in die Bundesliga haarscharf verpasst«, führte Karsten mich in die lokale Fußballgeschichte ein. Drei Mannschaften aus dem Norden seien damals für die Bundesliga vorgesehen gewesen. Hinter dem HSV und Werder Bremen war das Gerangel groß. »Am Ende war Holstein Kiel minimal hinter Eintracht Braunschweig. Die wurden ein paar Jahre später Meister, während Holstein in der Regionalliga verschwand«, erzählte Karsten seufzend. »Das hat schon Tradition: Bei jeder Ligareform schneidet Holstein schlecht ab.«

So ist der Deutsche Meister von 1912 heute nur viertklassig und eigentlich doch gleich der perfekte Kandidat für mich. Holstein bringt schließlich alles mit, was man braucht: einen guten Namen, einen noch besseren Spitznamen (»Störche«), viel Tradition, ein schnuckeliges Stadion und die passende Mischung aus Pech und Unvermögen, damit man sich beim Mitleiden auch rechtschaffen fühlen kann. Aber es gab ein Problem. Ein sehr großes Problem.

Ich war an jenem Tag in Kiel, weil das Schicksal meine Schritte gelenkt hatte. Kaum war ich aus Dortmund weggezogen, wurde der BVB im DFB-Pokal ausgerechnet gegen Holstein gelost, für mich nur eine Stunde Fahrt über die Bundesstraße 202. Doch als die ARD direkt nach der Auslosung nach Kiel schaltete, um die Reaktion der Störche einzufangen, hörte man, wie die Spieler meinen Verein als »Hurensöhne« besangen.

»Wir sind besser als der HSV!«

Karsten lachte, als er daran dachte. »Holstein Kiel raus auf die große Fußballbühne und gleich rein ins Fettnäpfchen – herrlich!«, sagte er. Ich konnte das aber nur bedingt lustig finden. Obwohl die Stimmung im Stadion später trotz der Eiseskälte gut war und ich grinsen musste, als die Gegentribüne beim Stand von 0:3 sang »Wir sind besser als der HSV!« (der zuvor 1:5 gegen den BVB verloren hatte), fand ich einfach die rechte Bindung zu diesem Klub nicht.

Die Partie war für Holstein Kiel die Endstation einer Pokalreise, die acht Monate zuvor mit einem Skandalspiel begonnen hatte. Im Juni gewann Holstein den schleswig-holsteinischen Landespokal ausgerechnet beim verhassten Rivalen VfB Lübeck, und damals war es zu schweren Ausschreitungen gekommen. Siebzig Personen wurden verhaftet, und Holstein sperrte einen Großteil seiner Ultraszene aus.

In Lübeck hingegen sind die Ultras weiterhin sehr rege. Wie ich später in Todesfelde erfahren sollte, haben sie sogar eine Art Jugendabteilung, in der sie ihren Nachwuchs ausbilden. Das führt dazu, dass Lübeck – eine Stadt wie eine mittelalterliche Puppenstube, von der große Teile zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören – flächendeckend mit sogenannten Spuckis beklebt ist. Einer gibt mir wegen der Orthografie Rätsel auf: »SMASH KIHL«. Als ich über Facebook um eine Erklärung der Schreibweise bitte, meldet sich rasch ein Holstein-Fan. »Leute aus dem schleswig-holsteinischen Zonenrandgebiet nennen ihre Landeshauptstadt ›kiHL‹, denn HL ist das Autokennzeichen dieser Häuseransammlung«, führt er aus. Der Aufkleber und seine Erklärung führen mich zur nächsten Station meiner Suche: die schleswig-holsteinische Version der Schlacht um Mittelerde, das 120. Derby zwischen Lübeck und Kiel. Das Ganze wird dadurch noch interessanter, dass der VfB eine enttäuschende Saison spielt, während Kiel auf den Aufstieg in die dritte Liga hofft. Außerdem wird in Lübeck gespielt, und so kann ich endlich die mythenumrankte Lohmühle besuchen!

Schnurrbärtige Männer in schlechtsitzenden Jeans

Man muss allerdings sagen, dass ihr Mythos erheblich größer ist als ihr Charme. Das Stadion liegt zwischen Autobahn und Baumarkt, am Himmel kreisen die Krähen und unten verscheuchen mich die Ultras, als ich ihnen bei der Vorbereitung ihrer Choreografie zusehen will. So wandere ich mit Bier und Fischbrötchen die Straße entlang, vorbei an dem größten Polizeiaufgebot der Ostseeregion seit dem G 8-Gipfel in Heiligendamm, biege rechts ab – und entdecke einen Ort, an dem die Zeit stehengeblieben ist. Er befindet sich auf der Südseite des Stadions, rechts vom langsam abblätternden Schriftzug »Lohmühle«, unter dem Hinweisschild zur Kneipe »Alte Holze«. Wer hier eintritt, landet in den achtziger Jahren und trifft schnurrbärtige Männer in schlechtsitzenden Jeans, die Kippen ohne Filter rauchen. Man hört Depeche Mode und sieht echte »Kuttenfans«, deren Westen mit Aufnähern übersät sind, die man seit mindestens fünfzehn Jahren nicht einmal mehr in der schummrigsten Bahnhofspassage bekommt. Außerdem kann man eine gut durchgebrannte Bratwurst kaufen, ohne sich anstellen zu müssen.

Doch dann passiert es. Die Dame am Bratwurststand hat sich in ein Gespräch verwickeln lassen, achtet nicht auf ihr Kerngeschäft und plötzlich steigen dicke Rauschwaden aus dem Grill auf. Ein Mitglied des Fanklubs »Lübsche Jungs« reckt einen Arm in die Luft, um den mehrere grün-weiße Schals gewickelt sind, und ruft: »Pyrotechnik wird erlaubt!« Das zerstört die Illusion, denn so was hätte in den Achtzigern niemand gerufen. Mein Herz sinkt vollends, als uns fünfzehn Minuten vor Spielbeginn der Stadionsprecher nicht in der guten alten Lohmühle begrüßt, sondern, »im Poker­Stars.de-Stadion an der Lohnmühle«.

Andererseits passt der neue Name auch irgendwie, denn was dem Klub buchstäblich an allen Ecken und Enden fehlt, ist Geld. »In Lübeck gibt es keine Wirtschaftskraft im Hintergrund«, hatte Karsten mir schon in Kiel erklärt. Die Stadt leide nach wie vor an der alten innerdeutschen Grenze, denn sie habe Lübeck von seinem traditionellen Hinterland Mecklenburg abgeschnitten, was für die Stadt als Wirtschaftsstandort tödlich gewesen sei.

Der Kampf der Besitzlosen aus der Hansestadt gegen die Glücklosen aus der Hauptstadt ist zwar nicht gut, aber spannend. Die Lübecker Ultras machen einen Radau, der durchaus zweitligareif ist, und als der Außenseiter in der 65. Minute das einzige Tor des Tages erzielt, steht die Lohmühle so Kopf, wie sie es eben tun kann, wenn nur 3888 Zuschauer das größte und traditionsreichste Spiel eines ganzen Bundeslandes sehen wollen.

»In Lübeck fehlt die Identifikation mit dem Verein«, sagt mir drei Wochen danach der VfB-Fan in Todesfelde. »Die Leute kommen nur, wenn Erfolg da ist.« Das ist zwar nicht nur in Lübeck der Fall, aber es belegt eine gewisse Trostlosigkeit. Es gibt Leute, die, wie Holger Stanislawski es bei St. Pauli mal formulierte, »auf die Atmosphäre des Verfalls stehen«, aber ich gehöre nicht dazu. Jedenfalls nicht, wenn ich die Wahl habe. Und schon gar nicht in einer so angenehmen Gegend. Da hätte ich ja gleich im Ruhrgebiet bleiben können.

Und so fahre ich vierzehn Tage später am Hansapark in Sierksdorf vorbei, der in den letzten dreißig Jahren von Millionen Ruhrpottkindern besucht worden sein muss. Im Radio höre ich, dass tief im Westen 22 Grad gemessen werden. Hier an der Ostsee kommen wir mit Wohlwollen auf 10, trotzdem stellt sich kein Neidgefühl ein. Erstens scheint die Sonne und zweitens sagt der nächste Verein, den ich testen werde, von sich selbst, dass er »Fußball am schönsten Urlaubsort Deutschlands« spielt. Gemeint ist damit Timmendorfer Strand, die Heimat des NTSV Strand 08, der in der Schleswig-Holstein-Liga kickt.

Ich bin dorthin unterwegs, weil Timmendorfer Strand nur 40 Kilometer von uns weg ist. Das wäre auch ungefähr die Entfernung, die mich vom ebenfalls fünftklassigen Preetzer TSV trennt. Aber angesichts der Ereignisse um Hertha BSC erscheint es mir gerade nicht attraktiv, zum Fußballgucken in eine Ortschaft zu fahren, die Preetz heißt. Zum anderen spielt Strand 08, wie der Name vermuten lässt, wirklich nur wenige Minuten vom Meer entfernt. Ich kann es nicht sehen, aber riechen, als ich den Platz des Vereins erreiche. Dort warten etwa 150 Zuschauer auf den Beginn des Spiels gegen den Tabellenvorletzten Breitenfelder SV. Anders gesagt: Fremde fallen hier auf. Und ich bin ganz eindeutig fremd, schon allein wegen der schwarz-gelben Strickmütze, die meine Ohren vor dem Wind schützt. »Das ist Lothar, der ist auch aus dem Ruhrgebiet«, sagt jemand und stellt mir den Platzwart vor.

Wie sich rasch herausstellt, ist Lothar eigentlich aus dem Osten, hat sich aber schon 1959, mit gerade 15 Jahren und nach drei Schülerländerspielen für die DDR, über die damals noch offene Grenze gemacht, nach Essen. »Ich habe bei Rot-Weiss in der A-Jugend gespielt, Otto Rehhagel war in der ersten Mannschaft. Wir telefonieren heute noch regelmäßig«, sagt Lothar. Wie sich in den nächsten Minuten herausstellt, kennt er auch Rudi Assauer, Charly Körbel (»Dem habe ich hier um die Ecke eine Wohnung besorgt«) und mehr oder weniger die komplette Mannschaft und Führungsriege von Werder Bremen aus der Rehhagel-Ära.

Anfang der Siebziger trug es Lothar nämlich im Urlaub auf einer berüchtigten Bundesstraße an der Ostsee bei 170 Stundenkilometern aus der Kurve. Danach musste er – obwohl sich der Zusammenhang auch auf Nachfragen nicht erschließt – von Fleischer auf Gärtner umschulen. Das tat er in Bremen. »Und da habe ich dann später allen von Werder den Garten gemacht«, sagt er und begrüßt seine Freundin. Die muss seit einiger Zeit bei den Heimspielen von Strand 08 aushelfen, weil die Verbandsrichtlinien vorschreiben, dass mindestens eine Frau unter den Ordnungskräften ist. »Wegen Abtasten und so«, erklärt Lothar.

Wie alle anderen, so sind auch Lothar und seine Freundin an diesem sonnigen Samstag vor allem neugierig auf den neuen Trainer von Strand 08, einen Lübecker Polizisten mit Namen Jan Voigt. Der bisherige Coach war in Personalunion auch Manager des Klubs, also eine Art ostholsteinischer Felix Magath, fühlte sich aber mit der Doppelfunktion überfordert. Der neue Mann hat jedoch keinen guten Einstand. Kurz vor dem Anpfiff ertönt die House-Version der Musik aus »Fluch der Karibik«, kurz nach dem Anpfiff steht es 0:1 durch einen direkt verwandelten Freistoß. Die »Strandpiraten«, wie der Stadionsprecher die Jungs von Strand 08
nennt, spielen einen ganz ordentlichen Ball, laufen sich aber vorne fest und hinten in Konter. Zur Pause steht es 0:3 und selbst Lothar ist fast sprachlos. Aber nur fast.

Mittlerweile trägt er eine gelbe Weste und kontrolliert den Eingang. Heute ist nicht viel los, aber im letzten Jahr hat St. Pauli hier abends ein Testspiel bestritten und da musste Lothar den Sicherungskasten der Flutlichtanlage bewachen. »Da kann nämlich jeder dran und das Licht ausmachen, und dann hätte das Spiel abgebrochen werden müssen, weil es eine Stunde dauert, bis die Lampen wieder brennen.« Als die zweite Hälfte beginnt, will ich wieder zu meinem Platz, aber Lothar hat noch die eine oder andere Geschichte im Köcher. »Der Ball, den der Uwe Reinders damals Jean-Marie Pfaff ins Tor geworfen hat«, sagt er, »der liegt bei mir unter der französischen Liege. Die Jungs hier dürfen sich den manchmal angucken, aber ich gebe ihn nie raus.«

Nach der Pause greifen die Strandpiraten mit Mann und Maus an, treffen zweimal das Tor und einmal den Pfosten, verlieren aber mit 2:3. Beim Abpfiff werfe ich einen Blick auf das Stadionheft »Piratenpost«. Das Titelblatt der aktuellen Ausgabe verspricht »Fußball & Meer« – und hat sein Wort durchaus gehalten.

Die erste Mannschaft von »Deathfield«

Auf der Rückfahrt von Strand 08 komme ich an Luschendorf vorbei. Das ist beileibe nicht der einzige Name hier, der beim Reisenden Interesse weckt. So gibt es zum Beispiel auch Buntekuh und Altenteil. Und wer nach Todesfelde will, der kommt an Quaal vorbei. Todesfelde ist ein Dorf von kaum mehr als tausend Seelen, nicht weit weg von Bad Segeberg, wo sie seit 60 Jahren Karl May verfälschen. Die erste Mannschaft von »Deathfield«, wie die Fußballabteilung sich auf der Vereinshomepage tatsächlich nennt, spielt ebenfalls in der fünften Liga. An dem düsteren Sonntag, an dem ich vielleicht Fan von Todesfelde werde, trifft sie auf die zweite Mannschaft des VfB Lübeck.

Die Gäste haben ein paar Fans mitgebracht, von denen einer sogar eine große Trommel trägt. Aber sie sind natürlich weit in der Unterzahl, denn hier nimmt man den Spruch »Hurra, das ganze Dorf ist da« fast wörtlich. Obwohl man durch Todesfelde fahren kann, ohne es zu merken, lockt kaum ein Verein in dieser Liga so viele Leute an. Beim Lokalderby gegen Schackendorf kann man durchaus mit 350 Fanatikern rechnen.

Und es sind wirklich Fanatiker. In der Nähe der Eckfahne steht eine kleine, überdachte Holztribüne. Eine Bande informiert den Besucher, dass dies die »SVT-Fanecke» ist, doch diese Erklärung wäre nicht nötig, so lautstark und wenig neutral kommentieren die Zuschauer dort jeden Pass. Oder besser: jeden Fehlpass. Denn auf dem holperigen Rasen finden die jungen und technisch guten, dafür aber körperlich unterlegenen Lübecker nicht zu ihrem Spiel, während Todesfelde nicht lange fackelt. In der 24. Minute schießt ein Mann mit dem erstligatauglichen Namen Vincenzo Testa das 1:0, und Todesfelde lässt ihn hochleben.

»Fußball beim SV Todesfelde ist sooooo geil!!!«

Ich gebe es zu: Mich hatte an Deathfield nur der Name gereizt. Aber vor Ort stellt sich heraus, dass man an dem Verein noch andere Sachen mögen kann. Zum Beispiel war ich erst verärgert, als man mir für die Bratwurst 2,60 Euro abnahm – dann aber erfreut, dass ich dafür gleich zwei Thüringer bekam. Auch die große blau-gelbe Tafel, die auf einem Hügel an der Längsseite steht, hat was. »Fußball beim SV Todesfelde ist sooooo geil!!!«, behauptet sie.

Aber der Lübecker Fan mit der Trommel gibt mir zu denken. Nachdem ich ihm erzählt habe, woher ich komme und was ich so mache, sagt er etwas mitleidig: »Sie sind siebzig Minuten über die Bundesstraße gegurkt, um den SV Todesfelde zu sehen? Auf die Idee muss man erst mal kommen.« Sein Unverständnis ist angebracht. Da bin ich nun ohnehin schon viele hundert Kilometer entfernt von meinem eigentlichen Verein – und will mir dann auch noch einen weiteren aussuchen, der mich ebenfalls Stunden im Auto kostet? Nur wegen des Namens? Ein Name ist keine Heimat, nicht einmal eine zweite. Um eine Heimat zu finden, muss man entweder eine Beziehung zum Ort aufbauen oder zu den Menschen dort. Mit Fußballvereinen ist es nicht viel anders, das wird mir auf der Rückfahrt von Todesfelde klar. Denn als ich durchgefroren und nassgeregnet wieder im Auto sitze, ist mein erster Gedanke: Wo und wie hat eigentlich Strand 08 gespielt? Die müssten am kommenden Wochenende ja wieder ein Heimspiel haben. Und das wäre doch eine gute Gelegenheit, um noch ein paar von Lothars Geschichten zu hören.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!