Der freie Fall eines Traditionsklubs

Uneisern Union

Union Solingen geht es nicht gut. Schon in Ausgabe #98 berichteten wir, wie der heruntergekommene Traditionsklub sein Team an einen Kontrahenten verlor und was Ex-Nationalspieler Thomas Brdaric damit zu tun hat. Der freie Fall eines TraditionsklubsOliver Tjaden
Heft#98 01/2010
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Zwei Mädchen sitzen gelangweilt in einer blaugelben Bretterbude, in der blaugelbe Fanartikel hängen. Wer die Preisliste studiert, stolpert über ein T-Shirt, auf dem »Mission Aufstieg« steht. Die beiden Mädchen haben wenig zu tun, von dem Shirt geht keines über die Theke. Die Menschen essen lieber Bratwurst oder spannen ihre Schirme auf. Ihr Klub ist die Hertha der sechsten Liga, bereits im Herbst so gut wie abgestiegen. Selbst gegen einen Gegner namens SV Hönnepel-Niedermörmter reichte es neulich nur zu einem 2:2. Die jüngere Geschichte von Union Solingen ist die Geschichte eines Zerfalls, alles liegt in Trümmern.

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Union war einmal ein Klub wie Fortuna Köln oder Darmstadt 98, irgendwie noch gut bekannt aus der zweiten Liga, aber schon lange nicht mehr dort gesehen. Seit 1990 folgte Insolvenz auf Insolvenz. Die dritte konnte erst vor zwei Jahren abgewendet werden, die Schulden sind geblieben. Jedes Jahr werden jetzt 60.000 Euro abbezahlt, noch vier Jahre lang. Bei einem Gesamtetat von 180.000 Euro ist das keine leichte Übung. Eingestellt hat man den Spielbetrieb deshalb noch lange nicht: Im Stadion am Hermann-Löns-Weg steigt Ende November das Lokalderby gegen den FC Remscheid. Die Niederrheinliga ist jene Spielklasse, in der demnächst auch Ex-Bundesligatorschützenkönig Ailton auflaufen wird. Der Brasilianer hat gesagt: »Ganz Deutschland lacht, dass ich jetzt in der sechsten Liga spiele.« In Solingen wären sie schon froh darüber, wenn Deutschland wenigstens mal wieder über sie lachen würde.

Erste Maßnahme: Gehaltskürzungen von über 50 Prozent

Andreas Sonius, der Präsident, trinkt Filterkaffee. Er sitzt vor dem Spiel im VIP-Raum und lobt die Frau hinter der Theke für ihre Gestaltungskunst. Die Stehtische sind weihnachtlich geschmückt, Dominosteine liegen auf Papptellern. Selbst das Titelblatt der Stadionzeitung ziert eine Kerze. Daneben steht: »Schenkt uns ein Licht in dunkler Zeit.« Der fromme Spruch könnte von ihm stammen. Sonius ist ein Typ, der gerne gestreichelt werden möchte, der noch nicht alles versteht, was über ihn hereingebrochen ist. Er wurde im Februar zum Präsidenten gewählt. Seine erste Maßnahme waren Gehaltskürzungen von über 50 Prozent. Im Frühjahr strömten die Zuschauer noch zu Union, manchmal kamen sogar 1300, die Mannschaft spielte begeisternden Fußball, stand an der Tabellenspitze, aber ein neuer Sponsor blieb nicht hängen. Der Sponsorenpool auf der Stadionwand weist bis heute nur ein paar regionale Unternehmen aus, eines davon heißt: »Prinz Siggi aus Gräfrath«. Etwas wenig für eine Stadt mit 160.000 Einwohnern.

Ein Präsident in der Bundesliga müsse über den Dingen schweben und dürfe den Bodenkontakt nicht verlieren, hieß es bei der Inthronisation von Uli Hoeneß. Ein Präsident in der sechsten Liga muss vor allem die Privatschatulle öffnen, zumindest aber haftet er mit seinem eigenen Vermögen. Sonius ist angestellter Geschäftsführer einer großen Firma für mobile Toilettenhäuschen. Er hat bis zur A-Jugend selbst im schnuckeligen Stadion gespielt, jetzt kritisiert ihn sogar schon das »Solinger Tageblatt«. Sein bescheidenes Ziel lautet, das wiederholt er gebetsmühlenartig: »Langfristig eine Wirtschaftlichkeit herstellen.« Die Ex-Spieler sagen: Er kennt sich leider nicht aus im Fußballgeschäft. Er selbst sagt: »Wir hätten die Spieler einfach nicht bezahlen können.«

Die »Menschen in den Bäumen«

Bei frustrierten Traditionsvereinen wird ständig über die besseren Zeiten geredet. In Solingen werden die Erinnerungen mit einem Bild garniert. Mit wem man auch spricht, stets kommt die Sprache auf die Zeit zwischen 1975 und 1989. Und dann sagt immer irgendjemand: »Die Menschen saßen sogar in den Bäumen!« Die Ersatztribünen wachsen auch heute noch neben dem Kassenhäuschen in den Himmel. Früher war die Heimstätte für 16 500 Menschen zugelassen, aber gegen Schalke und Gladbach kamen 20000. Im kargen VIP-Raum steht die Zweitligalegende Werner Lenz, dessen Schnurrbart noch ähnlich prächtig sprießt wie damals. Der Goalgetter zeigt auf Bilderrahmen: »Hier auf dem Foto bin ich drauf, und auf dem, und auf dem.« Zwischen 1975 und 1983 erzielte er 95 Tore in 235 Spielen, spielte zusammen mit Gerd Zimmermann und Wolfgang Schäfer. Die Trikotwerbung verhieß: Qualität made in Solingen. Und auch Lenz erwähnt die »Menschen in den Bäumen«, danach muss er wieder auf die Tribüne, zweite Halbzeit.

Frank Zilles, der 35 Zweitligaspiele für den Wuppertaler SV bestritten hat, sitzt im Klubheim von TuRU Düsseldorf. Er hat zuletzt zwei Jahre lang Union Solingen trainiert, jetzt trainiert er eine Union-Filiale. Wenn er am Spielfeldrand steht, schaut er meistens sehr streng. Er selbst verortet sich eher bei Magath als bei Klinsmann. Zilles hat keinesfalls irgendwelche Ergänzungsspieler mitgenommen, sondern ausnahmslos Stammpersonal. Die Kicker wussten im Sommer nicht, wie es in Solingen weitergeht, also haben sie ihn angerufen. Er betont: »Ich wollte Solingen nicht zerrupfen.« Wenn er gewollt hätte, hätte er alle Spieler holen können, behauptet er. Zilles wohnt weiterhin in Solingen, sein Sohn spielt in der B-Jugend von Union. Letzte Saison hat er die Trikots noch persönlich aus der Wäscherei geholt und gefaltet, war Trainer und Sportlicher Leiter in Personalunion. Er ist durch den Wechsel sportlich und finanziell vorwärtsgekommen, aber es wirkt so, als wäre er noch nicht ganz zu Hause.



Zilles arbeitet jetzt für einen anderen Präsidenten, einen, wie er im Lehrbuch für Mäzenatentum steht. Heinz Schneider hat eine Telefonbaufirma, leistet sich bevorzugt Ex-Profis als Trainer und urlaubt auch öfter mal fern der Heimat. Zilles muss ihn dann telefonisch über seine Taktik informieren, sei es in Brasilien oder in Marbella. Als in der Sommerpause neun Spieler den Klub wechselten, war das für Schneider ein Coup. Für die Union-Fans war es ein Stich ins Herz. Reichte es nicht schon, dass sie ohne den Erfolgstrainer auskommen mussten? Dass sie von der vor Geld strotzenden TuRU eher mitleidig belächelt werden? Und dass die Stadt das Stadion, den Ort ihrer größten Triumphe, weiter verfallen lässt? Der Exodus der Spieler war aus der Sicht der Fans ein Sakrileg. Sie sind im Herbst zum Spiel bei der TuRU gefahren und haben gerufen: »Ihr habt die Kohle, wir haben den Stolz.«

Thomas Brdaric kam als Zugpferd

Nur 550 Zuschauer waren im TuRU-Stadion, 350 davon kamen aus Solingen. Fast wären es noch weniger gewesen: Einige der Solinger Fans hatten überlegt, das Spiel vom S-Bahn-Gleis, das hoch über der Sportanlage liegt, anzuschauen. Sie gönnen dem Klassenfeind nicht einmal ihr Eintrittsgeld. Das rote Tuch für die Fankurve blieb jedoch Thomas Brdaric. Thomas Brdaric? Der ehemalige Nationalspieler machte 2008 Schlagzeilen, als er bei der Poker-WM in Las Vegas startete. Bis heute betreibt er eine Fußballschule in Solingen. Im März 2009 wurde er von Präsident Sonius als neuer Sportlicher Leiter installiert – oder besser: als Zugpferd. Blöd nur, dass Frank Zilles nichts von der Personalie wusste. Immerhin stand der Name Union Solingen mal wieder bundesweit in den Gazetten. Sogar der WDR schickte ein Kamerateam vorbei, erinnert sich Sonius. Brdaric hatte ein Konzept für den Klub, das auf zwei Säulen stand: Er wollte lukrative Freundschaftsspiele arrangieren – und zehn fremdfinanzierte Spieler in Solingen parken, junge Spieler vom Balkan.

Wie Thomas Brdaric in das Gefüge integriert werden sollte, darüber gibt es heute unterschiedliche Meinungen. Der Vorstand spricht von einer »zweiwöchigen Übergangsphase«. Trainer Frank Zilles und CoTrainer Marc Schweiger sagen, dass sie zwei Wochen auf ein angekündigtes Telefonat warteten. Das erste Mal, dass sie Brdaric wiedersahen, war in einer blaugelben Spielertraube, die einen weiteren Heimsieg bejubelte. Brdaric war eigens von der Tribüne hinuntergeeilt. Der Erfolg hatte plötzlich sehr viele Väter. Wenig später monierte Trainer Zilles in einer Pressekonferenz, dass die Spielerverträge für die nächste Saison noch nicht verlängert wurden – und erhielt anschließend die Kündigung. Der Vorstand beförderte Brdaric übergangslos zum Trainer, wieder eine bundesweite Schlagzeile.

Von den zehn Balkan-Bombern war noch keiner eingetroffen

Was folgte, war jedoch lokale Bestürzung: Die Union verspielte den fast sicheren Platz in der NRW-Liga noch. Das Experiment mit dem Zugpferd war nach hinten losgegangen: Nach zwei Spielen der aktuellen Saison – von den zehn fremdfinanzierten Balkan-Bombern war noch keiner eingetroffen – trennte man sich von Brdaric. Der hatte zuvor wenigstens die Defizite des von ihm zusammengestellten Kaders erkannt. Seine Lösung, ab sofort auch vormittags zu trainieren, fanden die überwiegend berufstätigen Spieler allerdings wenig hilfreich.

Jetzt könnte man vermuten: Die Spieler, die von Solingen nach Düsseldorf wechselten, seien Söldner des bezahlten Freizeitfußballs. Zwischen 150 und 400 Euro verdient man in der Feierabendliga im Monat, zumindest, wenn das Gehalt auf der Steuerkarte erscheint. Wer etwas besser ist als seine Kollegen, kann auch schon mal auf 1000 oder 1500 Euro kommen. Dennis Prostka, der Torwart, der im Frühjahr und im Herbst jeweils »zu Null« spielte, ist alles andere als ein Söldner. Er war die letzten sechs Jahre im Bergischen Land beschäftigt. Wenn er sagt, »mein Herz hängt an Union Solingen«, dann kann man ihm das getrost glauben. Prostka hat es als Jungtorwart nicht in die Bundesliga geschafft, weil er den Managern etwas zu klein war. Der 28-jährige Sportstudent ist eigentlich zu gut für die sechste Liga – und gerade Vater geworden. Er sagt, er musste sich im Sommer darauf verlassen können, dass das Gehalt regelmäßig überwiesen wird. In Solingen war das in den letzten Jahren nicht immer der Fall.

Ende November ist dort viel von zweigleisiger Planung die Rede. Der Vorstand glaubt, dass ein paar Jahre in der Landesliga helfen könnten, um noch eine Chance zu bekommen. Eine allerletzte. Die 0:1-Niederlage gegen den FC Remscheid war bereits die dreizehnte der Saison, 13 Punkte bis zum rettenden Ufer. Bis zur Winterpause spielt Union Solingen noch gegen Uerdingen, Viersen und Wuppertal II. Sie können in den Spielen den Untergang entschleunigen, aufhalten werden sie ihn nicht. Das Schlimmste steht ihnen noch bevor: In der siebten Liga ist das Stadion wohl nicht mehr rentabel. Dann müsste der einstige Zweitligist umziehen, in die Walder Jahnkampfbahn. Den Union-Fans wäre es nicht egal, aber sie würden auch dort ihr Lieblingslied anstimmen. Es heißt: »14 Jahre zweite Liga, das ist das, was für uns zählt.«

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