Der finnische Klub ROPS im Bann der Wettmafia

Die Betrogenen vom Polarkreis

Ein Wettskandal erschüttert derzeit die Fußballwelt. Bereits 2011 war unser Redaktor einem Skandal auf der Spur: Der finnische Klub Rovaniemen Palloseura wurde drei Mal von der internationalen Wettmafia unterwandert. Ein Schicksal, das zeigt, wie klein die Fußballwelt geworden ist – und wie böse. Wir haben uns auf die Reise nach Lappland begeben. Der finnische Klub ROPS im Bann der WettmafiaHarri Palviranta für 11FREUNDE
Heft#115 06/2011
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Als der russische Geschäftsmann Roman Abramowitsch einst über London hinwegflog, sah er die Stamford Bridge, das Stadion des stolzen FC Chelsea. Es gefiel ihm. Er kaufte den Verein. Als der Singapurer Geschäftsmann Wilson Raj Perumal einst über Lappland hinwegflog, sah er Keskuskentää, das Stadion des mickrigen Rovaniemen Palloseura. Es gefiel ihm. Er kaufte den Verein.

Der Unterschied: Der FC Chelsea war einverstanden – Rovaniemen Palloseura, kurz ROPS, wusste von nichts. Der finnische Erstligist wurde systematisch unterwandert. Er verlor über Jahre hinweg Partien in dem naiven Glauben, es sei schlicht aufs Pech oder wenigstens das Unvermögen seiner Spieler zurückzuführen. Tatsächlich aber war es deren volle Absicht: Sie verursachten Elfmeter oder verschossen sie, sie ließen sich vom Platz stellen oder agierten bewusst weit unter Form. Als Wilson Raj Perumal im Februar in Helsinki, bei einem seiner Rückflüge von Lappland nach Singapur, festgenommen wurde, fanden die Ermittler die Namen von neun ROPS-Profis auf seinem Laptop. Er hatte sie fürs Verlieren bezahlt.

60.000 Einwohner im uferlosen Fichtenmeer

Wenn man, wie Perumal, Rovaniemi aus der Luft sieht, weiß man nicht, wo diese Stadt anfängt und wo sie endet. Sie ist flächenmäßig die größte Europas, aber die nur 60.000 Einwohner verlieren sich in einem uferlosen Meer von Fichten. Bei diesem Anblick kommt dem redlich Reisenden erst mal keine Geschäftsidee. Es sei denn, er besitzt ein Sägewerk.

Wilson Raj Perumal besitzt keines, eine Geschäftsidee kam ihm dennoch: Hier, im Fichtenmeer, suchte er die Bestechlichen und die Naiven, um Spiele in seinem Sinne zu manipulieren. Profis, die so wenig verdienten und so perspektivlos waren, dass er sie leicht gefügig machen konnte. Und einen Verein, der aufgrund seiner Randständigkeit weder das Wissen noch die Mittel hatte, um sich des Angriffs zu erwehren. In Rovaniemi, wo der Legende nach der Weihnachtsmann residiert, der personifizierte Glaube an das Gute, hat das Böse im Fußball Gestalt angenommen.

»Ich möchte nicht darüber sprechen. Bitte nicht.«

Jouko Kiistala, der langjährige Manager von ROPS, hat seinen Job hingeschmissen und dabei mehr verloren als nur den Glauben an den Weihnachtsmann. Er war es, der jene neun Spieler einst aus Sambia und Georgien nach Rovaniemi holte, der sich um sie kümmerte, wenn sie Heimweh hatten, und der sie für eine weiterführende Karriere in Europa aufbauen wollte. Und er war es, den sie schließlich verrieten, indem sie sich von Perumal schmieren ließen. Nun sitzt er irgendwo in den Wäldern Lapplands in seiner Blockhütte und schrubbt Gitarrenakkorde in Moll. Am Telefon sagt er: »Lassen Sie mich in Ruhe. Ich möchte nicht darüber sprechen. Bitte nicht.«

Um Kiistalas abgrundtiefen Blues zu verstehen, muss man wissen: Es war das dritte Mal, dass er hinters Licht geführt wurde. Bevor Perumal in Rovaniemi sein Unwesen trieb, soll bereits 2005 der malaysische Profizocker William Bee Wah Lim mindestens ein Spiel von ROPS verschoben haben. Über den serbischen Mittelsmann Dragan Antic hatte er einen deutschen Amateurfußballer von einem badischen Regionalligisten in Rovaniemi eingeschleust. In der 5. Minute des Spiels gegen Tabellenführer MyPa, der ohnehin hoher Favorit war, verschuldete dieser durch einen haarsträubenden Fehlpass das 0:1, in der 51. Minute verursachte er zudem einen Elfmeter, der zum 1:3 führte. Das Spiel endete 1:5. Lim, der von einem Heimcomputer in Baden-Baden aus astronomische Summen auf MyPa gesetzt hatte, war durch dieses Ergebnis um drei Millionen Euro reicher geworden. Der Deutsche verließ Rovaniemi unmittelbar danach fluchtartig und bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bis heute. Sein mutmaßlicher Auftraggeber Lim wurde 2006 in Deutschland verhaftet und tauchte, nachdem er 2007 gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt worden war, in seiner Heimat unter.

Im Jahre 2008 kam es zu weiteren Verdachtsfällen: Der Serbe Ratko Marjanovic und der Este Aleksandr Kulik, eigentlich recht solide Kicker, leisteten sich eine Reihe geradezu unfassbarer Böcke, die zu Niederlagen führten. Beide wurden vom Verein schließlich noch vor Ablauf der Saison suspendiert, offiziell wegen ihrer mangelhaften Einstellung. Harte Beweise konnten nicht gegen sie vorgebracht werden, doch ihre Nähe zum wegen Spielmanipulation vorbestraften estnischen Trainer Valeri Bondarenko lässt Schlimmstes befürchten.

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