Der fairste WM-Schwarzmarkt aller Zeiten

Weißwein in der Prinzenloge

Selten war es bei einer WM so einfach, vor Ort an WM-Karten zu kommen wie in Südafrika. 11FREUNDE-Außenreporter Simon Riesche hat für uns den Schwarzmarkt-Test gemacht – und landete für 20 Euro im VIP-Bereich. Der fairste WM-Schwarzmarkt aller ZeitenImago »Guten Tag, Herr…« Ich fühle mich wie der gestresste Mann in der legendären Fernsehwerbung für das Mittel gegen Vergesslichkeit. Mensch, wer ist denn noch mal dieser feine Herr, der da so freundlich mit mir redet? Er spricht gutes Englisch, mit leichtem französischem Akzent. »What do you think of the game«, fragt er mich interessiert. »Not too bad«, antworte ich verlegen. Dann fällt es mir auf einmal ein: Das ist doch Gérard Houllier, der ehemalige Trainer von Liverpool und Lyon. Wie ich an die Karte gekommen sei, will er wissen. Ein Freund habe sie mir geschenkt, sage ich und versuche besonders locker zu wirken. Er lacht. Ich glaube, er weiß genau, dass das geflunkert war.

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Rückblende, drei Stunden vor meiner Begegnung mit dem großen Coach: Es ist noch leer auf dem großen Platz vor Soccer City, Johannesburgs großem WM-Stadion. Ein paar orangefarbene Fans krakeelen in der Mittagssonne. Ich bin auf der Suche nach einer Karte für das Spiel zwischen Holland und Dänemark, sicherlich eines der attraktiveren Vorrundenspiele dieses Turniers. Es ist viel geschrieben worden über die Ticketsituation der WM in Südafrika. Zwar seien die Spiele größtenteils ausverkauft, doch gleichzeitig gäbe es sehr viele Sponsorentickets, viel mehr als Sponsoren. Keine schlechten Voraussetzungen also für einen blühenden Schwarzmarkt.

Wie viel ich denn zahlen wolle, fragt mich eine ältere Dame mit Zahnlücke. »Nicht mehr als 200 Rand«, sage ich frech, das sind in etwa 20 Euro. Es sollte eigentlich ein Scherz sein, bestenfalls eine kühne erste Verhandlungsposition. Umso überraschter bin ich, als die Frau sofort einwilligt. „Das ist ein fairer Preis“, sagt meine Dealerin, es sei ja schließlich nur ein Fußballspiel. Woher sie die Karten habe, frage ich. Ein weißer Mann habe sie ihr geschenkt, lacht sie. Klingt komisch, aber wer weiß, vielleicht stimmt es ja. Erst jetzt schaue ich auf das Ticket in meiner Hand. Kategorie 1 steht da in kleinen schwarzen Buchstaben. Liest sich gut.

Hinter mir telefoniert Luis Figo, oben grüßt Sepp Blatter

Etwas stutzig werde ich, als mich eine hübsche Hostess am Stadioneingang in Empfang nimmt. »Ich hoffe, Sie werden sich bei uns im VIP-Bereich ganz wie zuhause fühlen«, flötet sie. Ja, das werde ich! Mein Platz ist in Höhe der Mittellinie, hinter einer rubinroten Kordel. Die trennt unseren Bereich vom gemeinen Stadionpöbel. Hinter mir telefoniert Luis Figo, neben ihm sitzt ein afrikanischer König, oben vom Balkon grüßt Sepp Blatter. Hinter der Glasscheibe gibt es Freigetränke und Canapés. So lässt es sich leben.

Zugegeben, in meinem T-Shirt falle ich kleidungstechnisch etwas aus der Reihe, aber ich bin nicht der einzige Außenseiter. Neben mir sitzt ein junger Amerikaner in Shorts. »Hast Du Dein Ticket auch von der Frau mit der Zahnlücke«, fragt er mich flüsternd. Ja, antworte ich mit verschwörerischer Stimme. Er erzählt mir, dass er bisher an keinem Tag dieser WM mehr als umgerechnet dreißig Euro für eine Eintrittskarte bezahlt hat. Wir wollen anstoßen auf diese Weltmeisterschaft, die den Fans das Geld nicht aus der Tasche zieht. »Lass mich eben zwei Flaschen vom Bierstand holen«, schlage ich vor. Eigentlich sei ihm ein Glas Weißwein lieber, sagt mein Sitznachbar. Das sei hier ja außerdem umsonst.

In der Halbzeit gehe ich rüber zu Rudi Völler, dessen weißes Haupt ich zuvor einige Reihen über mir entdeckt hatte. Endlich ein volksnahes Gesicht in dieser ansonsten gesichtslosen Masse gelangweilter Schlipsträger. Gegenüber Tante Käthe gebe ich mich als 11FREUNDE-Journalist zu erkennen. »Herr Völler, Zeit für ein kurzes Interview?« Rudi Nazionale zögert kurz, wiegelt dann aber freundlich ab. »Ach ne, lass mal«, sagt er und klopft mir auf die Schulter. Dann verschwindet er in Richtung Buffet.

Die gibt es wirklich, nicht nur auf Zeitschriftenpapier!

Das Spiel ist vorbei, Holland hat Dänemark 2:0 geschlagen. Mit einem weiteren Glas Wein stehe ich im sich jetzt leerenden Stadion. Unweit von mir unterhalten sich zwei Männer, die mir irgendwie bekannt vorkommen. Eine dänische Klatschreporterin klärt mich auf. »Das ist unser Kronprinz Frederik«, neben ihm sein holländisches Pendant, Willem-Alexander. Donnerwetter, die gibt es wirklich, ganz real, nicht nur auf Zeitschriftenpapier in Wartezimmern und Friseursalons.

Zeit zu gehen. Während ich vor dem Stadion auf den Bus warte, rauscht eine Fahrzeugkolonne an mir vorbei. Da verschwinden sie, die Völlers, Houlliers und Prinzen. Ich winke ihnen hinterher, mit dem wohligen Gefühl, einen guten Fußball-Nachmittag gehabt zu haben. Es lebe Südafrika, die Dame mit der Zahnlücke und der wohl fairste WM-Schwarzmarkt aller Zeiten!

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