Der Experten letzter Ratschlag: »Jetzt hilft nur noch ein Wunder!«

Einfach nur Scheiße reden

Wenn Schalke 04 heute Abend in der Europa League gegen Bilbao antritt, sind sich Fußballexperten weltweit wieder einig: »Da hilft nur noch ein Wunder!« Tim Jürgens über einen Berufszweig irgendwo zwischen Astrologe, Frisör und Taxifahrer.

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Axel Springer war ein weiser Mann. Er wusste, dass sich Zeitungen besser verkaufen, wenn sie ein Horoskop enthalten. Menschen brauchen Führung, sie brauchen Hoffnung – und wenn die Druckerschwärze auf den bunten Seiten diese von Zeit zu Zeit befeuert, sinkt die Gefahr des Volksaufstandes. 

Auch Fans leben von ihren Träumen. Die meisten hoffen darauf, dass es mit ihrem Team eines Tages wieder aufwärts geht. Und deshalb gibt es viele Menschen, die ihr Tagwerk als »TV-Experten« versehen. Die meisten haben selbst einmal als Profi gewirkt, was ihnen Glaubwürdigkeit verleiht. Ihre Erziehung ermöglicht ihnen, dass sie zwei Hauptsätze fehlerfrei bauen und aussprechen können. 

Fußballer, die wie Taxifahrer reden

Die Guten plaudern wie Frisöre über Haarspray, sie reden über Dinge, die niemandem wirklich weh tun und doch für die Dauer eines Haarschnitts ungeheuer staatstragend erscheinen. Sie geben Hinweise wie Taxifahrer, die man beim Aussteigen respektive Ausschalten längst wieder vergessen hat. Sie sitzen da in ihren dunklen Jacken, aufgereiht wie Vögel auf der Stange und wenn ein Team hoch verloren hat oder sich im Abstiegskampf schwer tut, dann stellen sie mit geballter Fachkenntnis fest: »Jetzt hilft nur noch ein Wunder«. 


Manchmal tritt es ein, meistens nicht. Ist aber auch egal, denn Meinungen im Fußball versenden sich schneller als der Schall. Schließlich ist morgen schon das nächste Spiel. Während früher das Ende der aktiven Karriere oft in die Lotto-Annahmestelle führte, geht es heute für viele arbeitssuchende Ex-Kicker schnurstracks in die Catering-Räume der TV-Sender. Da ist gut geheizt, es gibt Freigetränke und Fingerfood. 

Steffen Freund gab mir einen weisen Rat

Sogar als Mitarbeiter eines Mediums wie 11 FREUNDE tritt man von Zeit zu Zeit im Fernsehen auf und liefert Analysen, die im Idealfall eine schwungvoll vorgetragene Melange aus Zeitungslektüre, gesunder Menschkenntnis und Pressekonferenzschnippseln sind.Einmal saß ich im Warteraum eines Nachrichtensenders Steffen Freund gegenüber. Der DFB hatte Wichtiges zu verkünden und wir beide wechselten uns als »Experten« (zumindest in meinem Fall gesprochen »Ecchsspääade«) im Halbstundentakt im Studio ab. Ich war etwas später eingetroffen, also fragte ich Freund, was genau die Moderatoren denn so wissen wollten. Er sagte: »Ach, die fragen ab und zu was, und dann antwortest Du halt.«

Marktforschungen haben ergeben, dass der beliebteste unter den TV-Experten Ottmar Hitzfeld ist. Dicht gefolgt von Franz Beckenbauer und, Sie ahnen es bereits, Steffen Freund. Deutlicher niedriger in der Gunst der Zuschauer stehen der hintersinnige Jan Age Fjortoft und »Motzki« Sammer. Da jeder sich auf seine Weise um den Fußball verdient gemacht hat, wird wohl kein TV-Zuschauer auf die Idee kommen, am Sachverstand dieser Menschen zu zweifeln. 

Ironie ist im Fußball eine Todsünde

Es liegt also der Verdacht nahe, dass ein »Ecchsspääade« vor allem eine Qualität braucht, um beim Fan zu landen: Er darf nicht belästigen. Seine Meinung muss ausgewogen formuliert sein, relaxt vorgetragen werden, nicht besserwisserisch wirken und auf keinen Fall einen doppelten Boden besitzen. Denn die Ironie ist im Fußball immer noch eine Todsünde. Ist auch besser so, denn das größte Problem dieses Spiels ist doch, dass wir zum Glück vorher nicht wissen können, wie es hinterher ausgeht. 

Wenn also die Woche über sich »Ecchsspääaden« den Kopf zerbrechen, ob Podolski seinen Zenit überschritten hat oder die Hertha vor einem Scherbenhaufen steht, sind all diese Voraussagen aus berufenem Mund nur Quatsch mit Soße, wenn es am Samstag dann ganz anders kommt. Tiefgründig wie ein in Fernost von einem Windhauch umkippender Sack mit Reis, kompetent wie die morgendliche Rasur. Naß oder trocken, schwarz oder weiß, hell oder dunkel. Ist doch egal. Das ganze Geld mit Quatsch verdient – und wenn einem mal wieder gar nichts einfällt: »Jetzt hilft nur noch ein Wunder!«


»Einfach Scheiße reden, kommt am besten an«

Dazu noch eine Geschichte: Vor einiger Zeit nahm ein Kollege an einer Talkrunde mit arrivierten TV-Ecchsspääaden teil. Er war das erste Mal dort und setzte er sich schüchtern an den Tisch. Ein älterer Kollege grinste ihn an und sagte: »Junge, mach dir keinen Kopp. Einfach Scheiße reden, kommt am besten an.«

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