11.09.2013

Der ewige Frank Lampard

The very top

Frank Lampard, Fixpunkt des FC Chelsea und der Nationalmannschaft Englands, wird von den Medien seit Jahren systematisch in die Pensionierung geschrieben. Der Mittelfeld-Oldtimer kontert mit Leistung – und seinem 100. Länderspiel.

Text:
Paul Hofmann
Bild:
Imago

Harry Redknapp ist ein aufrichtiger Mann. Er gibt zu, gern mal tiefer ins Glas zu schauen. Er verteufelt »diesen neumodischen Computer-Kram«. Er hat seit seiner Jugend eine Schwäche für den FC Arsenal – und kommunizierte das als Trainer des rivalisierenden Klubs West Ham United.

Als deren Trainer konfrontierte man Redknapp 1996 auch mal mit dem Vorwurf, er würde seinen Neffen mit Spielzeit begünstigen. Redknapp fuhr fürchterlich aus der Haut. Nicht, weil man ihn der Vetternwirtschaft bezichtigt hatte, sondern weil die Qualität seines Verwandten sträflich missachtet wurde. »He has strength, can pass, can score goals. He will go right to the very top, right to the very top«, prophezeite er. Er sei körperlich stark, könne passen, Tore schießen und würde irgendwann zur absoluten Spitze gehören. Sein Neffe, ein blaßer, korrekt gescheitelter 18-jähriger Junge, saß neben ihm. Sein Name: Frank Lampard.

Drei Jahre später debütierte Lampard in der Nationalmannschaft. Englands Gegner: Belgien. Lampards Widersacher: Marc Wilmots, »Willi, das Kampfschwein«. Er war der Erste, der Lampard meterdicke Knüppel zwischen die begabten Beine werfen wollte. Nach fünf Minuten legte der Debütant Alan Shearer den Führungstreffer auf. Belgiens Branko Strupar glich wenig später aus, bevor Jamie Redknapp – Harrys Sohn, Franks Cousin und Englands Regisseur unisono – in der zweiten Hälfte den 2:1-Endstand markierte. Ein unbedeutendes Freundschaftsspiel, in dem Englands Coach Kevin Keegan weitere Jungprofis wie Phil Neville, Michael Owen und Emile Heskey testete. Eine Randnotiz statt Sockel der Lampardschen Mittelfeld-Hegemonie. Zur Europameisterschaft 2000 und der Weltmeisterschaft 2002 erhielt »Fat Frank« – Lampard war damals nicht mit dem besten Stoffwechsel gesegnet – keine Einladung. Turniererfahrungen mit Englands A-Team sammelte er erstmals 2004 in Portugal. Dort brillierte Lampard bis zum Viertelfinal-Aus derart, dass er sich im All-Star-Team des Turniers wiederfand.

Sie nannten ihn »Fat Frank«

Es war eine der wenigen Sternstunden des Frank Lampard im Dress der »Three Lions«, denn das neue Juwel fiel tief. Infolge unerwartet schwacher Leistungen bei der Weltmeisterschaft 2006, die in einem vergebenenen Elfmeter beim Viertelfinal-Aus gegen Portugal gipfelten, spekulierte die englische Medienlandschaft sogar über einen Burnout Lampards und verhaspelte sich immer wieder in wirren Wechselspekulationen. Mitte des letzten Jahrzehnts war Frank Lampard für einige der beste, für viele der effektivste Spieler der Welt. Doch auf der Hochzeit seiner Karriere musste er sich von den Journalisten kritisieren und von den eigenen Fans auspfeifen lassen.

Die Unmutsbekundungen aus dem eigenen Lager konnte er auch mit guten Auftritten in der folgenden EM-Qualifikation nicht unterbinden – England verpasste das Turnier in Österreich und der Schweiz. Die Medien scholten Lampard, trotz der Niederlage im entscheidenden Spiel gegen Kroatien zum »Man of the Match« gekürt, als unsichtbar. Bei der Weltmeisterschaft 2010 lief es nur unwesentlich besser: Er erzielte im Achtelfinale gegen Deutschland zwar ein reguläres Tor, das aber nicht gegeben wurde. Es wäre Lampards erstes bei einer WM und der 2:2-Ausgleich gewesen – so jedoch traten die Engländer die Heimreise an. Bei der Europameisterschaft 2012 musste Lampard wegen einer Oberschenkelverletzung passen.

Oft hielten Journalisten und Fans ihm vor, im Chelsea-Trikot wäre er ein anderer als in den Farben Englands. Es war die umgedrehte Podolski-Debatte, nur war sie lauter und irgendwie missmutiger, da sich in Englands Nationalteam – im Gegensatz zur DFB-Elf – keine neuen Anführer hervortaten. Mit den zwei Gesichtern des Frank Lampard lagen die Kritiker nicht zwingend im Unrecht, doch welcher Engländer hatte sein fußballerisches Vermögen in diesen Jahren auf Länderspielebene schon beständig abgerufen?

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