17.06.2012

Der dritte Mann - wie Ersatztorhüter bei großen Turnieren mit ihrer Rolle umgehen

Aussichtslos auf der Bank

Im Verein die unumstrittene Nummer Eins, im Nationalteam nur dritte Wahl - das Schicksal eines dritten Torhüters bei einem großen Turnier ist hart. Wochenlang mit der Gewissheit trainieren, dass die Einsatzchancen gleich Null sind. Was für Erfahrungen haben deutsche Torwartgrößen mit dieser Situation gemacht?

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Für den vorläufigen EM-Kader nominiert zu werden, ist für jeden Spieler eine tolle Sache. Noch viel besser ist es, unter den finalen 23 zu sein. Vier Mann schafften den Sprung in Joachim Löws Elite nicht: Cacau, Sven Bender, Julian Draxler und Marc-André ter Stegen erwischte es kurz vor ultimo. Besonders bitter erschien dies für ter Stegen. Erst seine unglückliche Leistung beim 3:5 gegen die Schweiz, dann das vorzeitige EM-Aus. Schwierige Tage für den 19-jährigen Keeper von Borussia Mönchengladbach. »Jetzt ist er ein bisschen geknickt, aber wir werden ihn wieder aufbauen. Ich bin überzeugt, dass er das wegstecken wird«, versicherte Löw. Fraglos hat ter Stegen dank seiner Qualitäten eine hervorragende Zukunft vor sich. Fraglos wird ihn das zu diesem Zeitpunkt wenig interessiert haben. Doch vielleicht wird der Ärger schnell verrauchen. Denn die Frage stellt sich, ob die Position des dritten Torhüters für einen Stammtorwart eines Bundesligisten überhaupt eine lohnende ist. Wochenlanges Training, ohne auch nur den Hauch einer Chance auf wenigstens ein paar Spielminuten zu haben.

 Damit ein dritter Torwart zum Einsatz kommt, müssen eigentlich schon alle Dämme brechen. Bei Jörg Butt taten sie es. Er genoss bei der WM 2010 das Privileg, im Spiel um Platz drei gegen Uruguay im Tor zu stehen. Bundestrainer Joachim Löw ging das letzte WM-Spiel im Chill-out-Modus an und gleichzeitig entzündeten sich die Schleimbeutel von der eigentlichen Nummer Zwei, Tim Wiese. Für Jörg Butt war es nicht die erste Erfahrung als allerallerletzter Mann im Kader. Bereits bei der EM 2000 und WM 2002 übernahm er diese Rolle, damals noch als Jungspund, 2010 als erfahrener Back-Up. Überhaupt ist die Liste der dritten Männer der vergangenen zwei Jahrzehnte prominent bestückt: der loyale Andreas Köpke, Kumpeltyp Oliver Reck, der egozentrisch veranlagte Jens Lehmann, Schwiegermutters Liebling Timo Hildebrand, ja, sogar der vulkanische Oliver Kahn. Bei dieser bunte Mischung wird schnell klar: den typischen dritten Mann gibt es nicht. Zumindest vom Charakter her.

Jung und wissbegierig die Rolle akzeptieren

Die Tendenz beim Alter geht klar zum jungen Talent, dass auf allerhöchsten Niveau erste Erfahrungen sammeln soll. Auch Kahn und Co. lernten so die Nationalmannschaft und die Abläufe bei Turnieren kennen. Timo Hildebrand findet diese Möglichkeit am sinnvollsten: »Es kommt natürlich immer auf die Situation an. 2010 Jörg Butt mitzunehmen war die richtige Entscheidung, da Rene Adler sich verletzte und plötzlich ein Platz offen war. Da brauchte man einen erfahrenen Mann mit Qualität für den Notfall, denn für Manuel Neuer und Tim Wiese war es das erste große Turnier. Aber grundsätzlich halte ich einen jüngeren Torhüter für besser. « Ironie der Geschichte ist, dass Hildebrand selbst Opfer dieser Variante wurde. Bei der EM 2008 ließ Joachim Löw Hildebrand völlig überraschend zu Hause, der zu dem Zeitpunkt endlich einen Satz nach vorne auf die Position zwei gemacht hatte. Dafür nominierte der Bundestrainer den jungen und länderspiellosen René Adler, Robert Enke rückte auf Position zwei hinter Jens Lehmann vor.

Wissbegierig und lernfähig sollen die dritten Torhüter sein, ausgestattet mit ausgeprägtem Ehrgeiz, obwohl dieser mit ziemlicher Sicherheit nicht belohnt wird. Allerdings darf es der dritte Mann damit auch nicht übertreiben, denn zwei Sachen sind entscheidend für die Nominierung: Erstens muss er in der Lage sein, die Reservistenrolle richtig einzuschätzen. Während des Turniers plötzlich Ansprüche zu stellen oder sich im Training hängen zu lassen, die Torwartkollegen eventuell sogar verbal zu attackieren ist dem dritten Mann verboten. Im Gegenteil, das Pushen und Unterstützen der Nummer Eins und Nummer Zwei ist die Hauptaufgabe. Zweitens darf er die Stimmung im Team nicht verhageln. Mit einem Gesicht wie drei Tage Regen durch das Mannschaftsquartier zu laufen sollte vermieden werden. Gute Miene zum bösen Spiel. Das ist das Schicksal eines dritten Keepers.

Als Oliver Reck beinahe gegen England stürmte

Rudi Völler 2004 und Jürgen Klinsmann 2006 sahen Timo Hildebrand prädestiniert für diesen Part. An einem Oliver Kahn oder Jens Lehmann vorbeikommen? Undenkbar. »Die Rollen waren klar verteilt, da musste ich mich nicht sonderlich drauf vorbereiten. Ich war einfach froh, bei beiden Turnieren dabei zu sein«, blickt Hildebrand zufrieden zurück. Ähnlich erging es Oliver Reck bei der EM 1996. Er war die letzte Nummer Drei, die einen Titel mit nach Hause nehmen durfte. Gegen Andreas Köpke und Oliver Kahn ohne Chance, konzentrierte sich der damalige Bremen darauf, das Knuddelgefühl innerhalb der Mannschaft aufrechtzuerhalten: »Es gab zwei Cliquen, die Bayern und die Dortmunder. Ich habe das Ganze ein bisschen entzerrt und so meinen Teil zum Gewinn der Europameisterschaft beigetragen.« Und beinahe wäre Reck sogar noch zu seinem Einsatz gekommen – als Stürmer. Vor dem Halbfinale gegen England gingen dem deutschen Team die Spieler aus. 19 hatte man dabei, sechs waren verletzt oder angeschlagen. Kapitän Jürgen Kohler war da schon gar nicht mehr in England, weil er sich im ersten Spiel gegen Tschechien das Knie verletzt hatte. Also entwickelte Bundestrainer Berti Vogts ernsthafte Gedankenspiele, Oliver Kahn und Oliver Reck auf das Feld zu schicken. Im Training kickte Reck zeitweilig schon draußen mit. Glücklicherweise kam es für alle Beteiligten dann doch nicht so weit. Die Spieler wurden rechtzeitig fit. Für das anschließende Finale nominierte Vogts Jens Todt vom SC Freiburg nach.

Oliver Reck fühlt sich als Titelträger. Anders geht es Andreas Köpke. Der heutige Torwarttrainer der DFB-Elf war beim WM-Triumph 1990 als dritter Mann dabei: »Als richtiger Weltmeister fühle ich mich nicht. Ich habe ja keine Minute gespielt.« Dennoch sieht er die Zeit in Italien positiv: »Die Erfahrung, bei der WM 1990 dabei zu sein, war für meine  Entwicklung und meine Karriere die wichtigste überhaupt.« Weshalb Köpke die Position des dritten Torhüters auch heute als Auszeichnung und nachhaltig für den zukünftigen Weg junger Torhüter ansieht. Außerdem habe die heutigen Keeper ja noch Glück, denn inzwischen dürfen beide Ersatztorhüter auf der Bank sitzen. Somit gebe es für den Trainer durchaus die Option, im Wechselfall auch den dritten Mann zu bringen. Desweiteren erleben die Keeper das Spiel viel intensiver, sind in die Spielvorbereitung mit eingeschlossen und habe dadruch ein wesentlich größeres Zugehörigkeitsgefühl. Zuvor durfte der dritte Torwart nur in Zivil bei seinen Kameraden auf der Bank verweilen und sah eigentlich aus wie ein Zeugwart: »Das war damals noch eine Drei-Klassengesellschaft. Damals brauchtest du schon einen verständnisvollen Trainer, um wenigstens mal in Torwartkleidung am Rand zu sitzen.  Ich hatte bei der WM 1990 Glück, saß zwischendurch auch als Nummer zwei auf der Bank, weil Raimond Aumann und ich uns abgewechselt haben. Franz Beckenbauer belohnte uns für unsere tollen Trainingsleistungen.«

Der Kampf um die Nummer Drei wird härter

 
 
 
 
 
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