Der deutsche Plan B: Ein Kommentar

Der seltsame Dunst von Unzufriedenheit

Deutschland hat gewonnen, aber nicht begeistert. Der Sturm und Drang der WM 2010 ist einer neuen Effizienz gewichen. Unseren Redakteur Christoph Biermann beruhigt dieser Plan B.

Gibt es hier eigentlich was zu maulen, nachdem die deutsche Mannschaft zum ersten Mal überhaupt bei einer Europameisterschaft alle drei Gruppenspiele gewonnen hat? Gibt es einen Anlass zu Sorgenfalten, nachdem sie in der so genannten »Todesgruppe« dem Tod zwar mit zwischendurch zitternden Knien aber letztlich doch ziemlich sicher von der Schippe gesprungen ist? Und welche Einwände könnte es geben, wo angesichts des nächsten Gegners Griechenland der rote Teppich ins Halbfinale bereits ausgerollt scheint?

Mauernde Gegner

Woher kommt der seltsame Dunst von Unzufriedenheit, der auch über dem Sieg gegen Dänemark lag? Wie schon in den beiden Partien vorher war wieder viel von »der Luft nach oben« die Rede. Thomas Müller sprach ausdrücklich davon und andere auch, denn eigentlich kam in allen drei Spielen der Vorrunde das deutsche Kombinationsspiel nicht so in Gang, wie man es in den letzten beiden Jahren oft gesehen hatte. Klar, längst gehen die Gegner vor allem mit der Maßgabe ins Spiel ein solches nicht in Gang kommen zu lassen. Portugal machte das Zum Auftakt sehr gut, Holland danach eher schlampig, und Dänemark blieb fast bis in die Schlussminuten konsequent dabei, als sie doch eigentlich einen Siegtreffer benötigten. Und es bedarf keiner besonderen Voraussagekraft, um zu behaupten, dass es im Viertelfinale gegen Griechenland wieder genauso wird.

Joachim Löw hatte genau das erwartet und seiner Mannschaft seit der WM 2010 deshalb einen veränderten Stil verpasst, in dem weniger das Konterspiel als eben das geduldige Kombinieren gegen fest betonierte Abwehrreihen im Vordergrund steht. Doch bei der Europameisterschaft ist es bislang noch nicht richtig in Gang gekommen. Natürlich wirkt die Mannschaft reifer und nicht mehr so jugendlich draufgängerisch wie vor zwei Jahren. In den drei Spielen der Vorrunde dominierte sie alle Gegner über die meiste Zeit und wackelte defensiv nur in wenigen Momenten. Doch am wohlsten fühlt sich das Team immer noch dann, wenn es einen Gegner überfallartig überrennen kann, wie etwa beim Siegtreffer gegen Dänemark.

Turnier im Zeichen klassischer Werte

Die deutsche Version des Tiki-Taka hakt bislang aber noch, vor allem wenn man sie mit der des spanischen Originals vergleicht. Das liegt vor allem daran, dass sich bislang nicht alle Spieler gleichzeitig zu den höchsten Höhen ihrer Kunst haben aufschwingen können. Bastian Schweinsteiger etwa, großartig gegen Holland, war gegen Dänemark wieder ein Mann auf der Suche nach seiner Form. Mesut Özil ist genau das bislang in allen Spielen der Vorrunde gewesen und droht ein Opfer des Superstar-Hypes zu werden. Traurig schaute er wieder drein, weil ihm so wenig Zauberstückchen gelangen und wirkt beladener von eigenen wie fremden Erwartungen als selbst Mario Gomez, für den das doch eigentlich eine Spezialdisziplin ist.

Aber vielleicht läuft auch alles darauf hinaus, dass dieses Turnier für die deutsche Mannschaft eines im Zeichen klassischer Werte wird: von spielerischer Ordnung also, taktischer Gründlichkeit und kämpferischer Hingabe. Denn genau das sind die Bausteine der drei Siege gegen drei starke Gegner gewesen. Vielleicht sollten wir Löws Team daher auch gar nicht erst mit den Bildern vergleichen, die wir aus den letzten beiden Jahren im Kopf haben und hektisch die Luft nach oben suchen. Denn Leichtfüßigkeit und sprühende Kreativität kann man sowieso nicht erzwingen, und wenn sie sich nicht einstellen wollen, muss man sich eben aufs Zweckmäßige beschränken. So mag der Plan A für die Europameisterschaft zwar anders ausgesehen haben, aber es ist gut zu wissen, als wie belastbar sich Plan B erwiesen hat.

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