Der BVB heute zu Gast im Stade Vélodrome von Marseille

Der flammende Ring

Die Ultra- und Fankultur von Olympique Marseille gilt als die stärkste und am besten organisierte in ganz Frankreich. Sie prägt vor allem ihr starker Zusammenhalt. Heute Abend gastiert Borussia Dortmund im Stade Velodrome. Der BVB heute zu Gast im Stade Vélodrome von Marseilleimago
Heft #73 12 / 2007
Heft: #
73

Als Bernard Tapie ging, applaudierte niemand. Polizisten zerrten den geschassten Präsidenten von Olympique Marseille aus seinem Büro, in dem er sich zuvor verbarrikadiert hatte, vorbei an den immer noch fragenden Gesichtern der Journalisten und den enttäuschten Erwartungen der Fans. Tapie nahm sie nicht mehr wahr, er schüttelte keine Hände, er lächelte nicht. Er schrie. Ein verwirrter Mann. So laut seine Amtszeit war, so krawallartig war sein Abschied. Fast unwirklich.

Dabei mutet die »Ära Tapie« so glanzvoll an: Unter seiner Ägide feierte OM die größten Erfolge, das Team wurde fünfmal in Folge französischer Meister und gewann 1993 die Champions League. Doch dann fiel der mit Brillanten besetzte Turm des Bernard Tapie wie ein fragiles Kartenhaus in sich zusammen. Tapie hatte vor dem Punktspiel gegen US Valenciennes Bestechungsgelder gezahlt, OM musste in die Division 2, Tapie ins Gefängnis. Der Verein stand plötzlich vor dem Ruin. Und auch der Champions-League-Pokal glänzte alsbald nicht mehr so sauber wie zuvor: Jean-Jacques Eydelie gab in einem Gespräch mit der französischen Sportzeitung »L’Équipe« zu, dass sämtliche OM-Spieler – mit Ausnahme von Rudi Völler – vor dem Finale gegen den AC Mailand gedopt waren.

Die Fans haben Tapie nicht verziehen, doch sie schimpfen nicht auf ihn, sein Name ist im Leben mit und für OM schlichtweg vergessen worden, er wurde hinter dubiosen Verschwörungstheorien aus dem Gedächtnis der Kurve getilgt. Was bleibt, ist die Erinnerung an das Tor von Basile Boli, das einzige an jenem Endspiel-Abend im Münchener Olympiastadion im Mai 1993.

Es ist heute fast ein wenig ruhig geworden rund um den skandalgebeutelten Verein. Man könnte meinen, die OM-Fans haben sich an die kleinen und großen Eskapaden gewöhnt. Sie gehören einfach zu OM, zu den Fachgesprächen in der »Chevalier Roze«, der Südkurve des Stade Vélodrome, zu den Smalltalks am Hafen, sie werden diskutiert in den Vorstandsetagen der Banken und in den »Cités HLM«, den tristen Vororten im Norden der Stadt.

Mitunter versuchen die Fans, das Bild neu zu zeichnen: »Paris wollte uns was«, heißt es häufig in Ultrakreisen in Analogie zur Berichterstattung der regionalen Tageszeitung »Le Provençal« über die »Affäre Tapie«. Doch werden solcherlei Resümees nicht allein aus der allgegenwärtigen Paris-Antipathie heraus konstruiert, vielmehr ist es die unerschütterliche Liebe zum eigenen Verein, die solch verquere Kausalität entstehen lässt. Denn eines steht in Marseille stets an erster Stelle: Schütze OM! Und zwar so sehr wie OM dich schützt.

In Marseille würde nie jemand auf die Idee kommen, die heilige Kurzform, das Sigel, aufgrund von Skandalen abzustreifen. Das Akronym OM verspricht Leben, Geborgenheit und Schutz. Am Boulevard Michelet erzählt man sich gerne die Geschichte von jenem Neuankömmling, dem in den Straßen von Marseille tagtäglich die Fensterscheiben seines Autos eingeworfen wurden, bis zu dem Moment, als er sich einen Aufkleber mit den Worten »J’aime OM« an eine auffällige Stelle seines Wagen klebte. Heute kann er sein Auto gar offen abstellen.

Ein politisches Statement: Bomberjacken auf links gedreht

»OM ist ein blau-weißes Band, das alle Marseiller eint, es ist ein magisches Sigel, ein Glaubensbekenntnis«, sagt Dr. Martin Döring, Sprachwissenschaftler an der Universität Hamburg. Döring untersuchte vor einigen Jahren die Fanstruktur von OM und das Verhältnis von Politik und Fußball in Marseille. OM sei schon immer ein ganz eigenes Phänomen in Frankreich gewesen, nicht nur aufgrund ihrer Spieler, ihrer Erfolge, sondern vor allem auch wegen ihrer Fans. In Marseille gibt es eine Ultra-Kultur, die in die frühen achtziger Jahre zurückreicht und die als die stärkste und am besten organisierte in ganz Frankreich gilt. Gruppen wie die »Yankees« oder die »South Winners« genießen dabei eine Ausnahmestellung, sie sind offiziell vom Verein anerkannt, regulieren den Kartenverkauf, und werden mitunter gar in vereinspolitischen Fragen angehört.

Auch in Punkto Temperament und Enthusiasmus sind die OM-Fans einzigartig in Frankreich. Man orientiert sich eher an den italienischen Tifosi denn an Fans in Paris, Bordeaux oder Toulouse. »Der Blick des OM-Fans richtet sich immer weg von Frankreich, weg vom Zentrum, weg von Paris«, sagt Döring. Frankreich abgewandt ziehen die Fans ihre Identifikation aus der Geschichte der Zuwanderung, der nordafrikanischen Kultur und der Vielzahl verschiedener Ethnien, die sich nicht nur auf dem Platz wiederfinden, sondern auch im Stadion. Im Stade Vélodrome versammelt sich ein buntes Gemisch an Menschen. »Das 60.000 Zuschauer fassende Stadion spiegelt wie eine lebendige Landkarte die Geographie von Marseille wider«, , so Döring in Anlehnung an den Soziologen Christian Bromberge.

Sitzt auf der Tribüne »Jean Bouin« die Prominenz der Stadt, so stehen in den Kurven »Ray Grassi« und »Chevalier Roze« Schüler, Studenten, Arbeiter und Angestellte, aber auch zahlreiche Maghrebiner, die Migranten mit nordafrikanischen Wurzeln. Viele verstehen sich hier gar als anarchistisch. Stolz sind sie in allen Ecken des Stadions, den rechten Pöbel vertrieben zu haben. Die auf links gedrehte Bomberjacke mit dem orangefarbenen Innenfutter erinnert noch an einstige Fehden und ist heute ein Statement, eine antifaschistische Geste: sie verhöhnt die rechten Boneheads der Kop of Boulogne Fans von Paris St. Germain.

Das Azurblau dominiert aber nach wie vor die Kurven. Und mittendrin finden sich immer wieder Plakate mit dem Spruch »Droit au but« – geradeaus zum Tor. Es hängt in der »Ray Grassi« wie ein Sinnbild. Im Stade Vélodrome gibt es keinen Blick gen Zentrum, und vor allem: keinen Blick zurück.

Verwandte Artikel

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!