Der Bayern-Fan in meinem Büro

Heute, 11:30 Uhr: Rumheulen

Seit Jahren teilt Dirk Gieselmann sein Büro mit einem Bayern-Fan – und wurde so zum Kenner der Topographie der Arroganz. Doch am Ende dieser Saison hängt der Kollege nur noch schlaff im Sessel. Und Gieselmann bangt: Ist er etwa tot? Der Bayern-Fan in meinem Büro

Ich sitze mit einem Bayern-Fan in einem Büro. Das war bislang in etwa so, als teilte ich meinen Schreibtisch mit Rolf Eden, Franz-Josef Wagner, Helmut Berger und Josef Ackermann gleichzeitig. Sie waren die Sendboten seiner Stimmungen, seine Dämonen, und seine Seele lag vor mir wie eine offene »Sport-Bild«.  

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Der Rolf Eden in ihm kam verlässlich hervor, wenn die Saison losging. Wie der Lustgreis vom Kurfürstendamm flanierte mein Kollege einer rolex-goldenen Zukunft entgegen, die selbst zunehmende Arterienverkalkung nicht trüben konnte. An der Kaffeemaschine pfiff er »FC Bayern, Stern des Südens«. Zwei Stück Zucker, eins für ihn, eins für Mario Gomez, dann streichelte er dessen Porträt im Bayern-Jahrbuch.  

»Lieber Kalle Rummenigge, so geht es nicht!«

Doch es gab auch schlechtere Tage, zumal in dieser Spielzeit. Die trafen meinen Kollegen, der als Bayern-Fan schon ein Unentschieden für Folter hält, besonders hart. Dann entpuppte sich sein innerer Franz-Josef Wagner: Ein 0:0 gegen Köln genügte, und schon redete er wirr zu nicht anwesenden Personen. »Lieber Kalle Rummenigge«, deklamierte er in unser gemeinsames Büro hinaus. »So geht es nicht!«  

Hielt der Misserfolg an wie im Frühjahr, mutierte mein Kollege zum Helmut Berger. Wie der österreichische Weltschauspieler verwahrloste er binnen Sekunden, Frisur und Sakko verrutschten ihm, und er begann, verwaschen von vergangenen Triumphen zu faseln. Nächte mit Mick Jagger und Carsten Janker, Ludwig II und Ottmar I – alles wurde eins, mia san mia, und die Welt ist im Untergang begriffen, natürlich nicht der FC Bayern oder gar er selbst. Ich schenkte ihm dann manchmal eine Kopfschmerztablette.  

»Dann kaufen wir uns eben den Erfolg!«

Doch das Leid meines Kollegen war stets nur Wehleid und niemals echte Not. Lange vorm Aufprall öffnete sich ein Fallschirm, und er glitt einem warmen Gedanken entgegen: »Festgeldkonto!« Das war der Ackermann in ihm, der das Victoryzeichen machte, den Doppelstinkefinger in Richtung derer, die es nicht so dicke haben. »Dann kaufen wir uns eben den Erfolg, holen Vidal, Hummels, Ya Konan!«, brüllte er wie von Sinnen. Das »Wir« meinte er dabei so ernst, dass er sich durchaus als Miteigentümer des angesparten Geldes fühlte – für den Moment wähnte er sich also auch wesentlich reicher als zum Beispiel ich. Mich mal zum Mittagessen einzuladen, kam ihm trotzdem nie in den Sinn.   

Nun, gegen Ende einer Spielzeit, in deren Verlauf diese vier Wahnsinnsgreise jeweils mehrfach in ihn gefahren sind und ihn bis an den Rand der Bewusstlosigkeit geschüttelt haben, hängt mein Kollege sehr erschöpft in seinem Bürostuhl und rührt im Kaffee, ohne dabei noch irgendetwas vor sich hin zu pfeifen. Selbst nach dem 8:1 beim FC St. Pauli ist sein Puls schwach, seine Wagner-Philippika murmelt er nur noch leise vor sich hin, die Kopfschmerztabletten wirken längst nicht mehr, und Geld allein macht auch nicht glücklich. Wahrscheinlich kommt noch nicht mal Manuel Neuer.  

Ein Schatten eines Schattens seiner selbst

»Was wollt ihr eigentlich mit dem Petersen?«, fragte ich meinen Kollegen deshalb heute Morgen und hoffte, am Beispiel des Cottbussers einen Streit darüber anzetteln zu können, wie viele junge Stürmer der FC Bayern schon auf der Ersatzbank hat vergammeln lassen. Wobei mir die Diskussion an sich äußerst gleichgültig ist. Ich wollte nur sicher gehen, dass ich nicht mit einer Leiche ein Büro teile. Doch mein Kollege, mittlerweile ein Schatten eines Schattens seiner selbst, antwortete stimmlos: »Die Frage ist doch: Was will der Petersen eigentlich mit uns?«  

Ich erschrak. Das klang verdammt todesnah. Wo ist sie hin, die zwischen Omnipotenz und Mimosenhaftigkeit oszillierende Arroganz? Und wer ist bloß dieser fünfte Dämon, der da plötzlich in ihn gefahren ist?

Ich tippe auf Louis van Gaal, den enttäuschten General. Also entweder wachsen meinem Kollegen in Kürze Gladiolen aus den Ohren. Oder es steht wirklich sehr schlecht um ihn.

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