20.05.2014

Der außergewöhnliche Aufstieg des Igli Tare

Fly like an Igli

In Ludwigshafen verlachten ihn die Mitspieler, in Kaiserslautern verfluchten ihn die Fans. Wie der ewig unterschätzte Igli Tare zu einem der wichtigsten Männer im italienischen Fußball aufstieg – als Sportdirektor bei Lazio.

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Giovanni Troilo & Imago

Als Igli Tare das Eingangstor zum Lazio-Trainingsgelände in Formello erreicht, steppt dort ganz kurz der Bär. Vier Männer mittleren Alters hüpfen auf und ab und halten ihre Stifte, Kameras und einen kleinen Jungen in die Höhe. Sie schreien »Igli!« und »Oh!« und »Signore!«, schließlich ist Igli Tare nicht irgendwer. Der Mittelstürmer, der früher manchmal ein wenig ungelenk vor dem Tor wirkte, ist heute Sportdirektor bei Lazio Rom. Er hat Miroslav Klose geholt oder den Brasilianer Hernanes. Er ist mittlerweile ein mächtiger Mann, ein edler Herr mit Designeranzug, ein geheimnisvoller Padrone, der seine Augen beim Sprechen stets ein wenig zusammenkneift. Und selbst wenn er seinen Mitarbeitern nur beiläufig zunickt, so glaubt man doch, dass sie danach ganze Ländereien kaufen oder zumindest einen neuen Spieler.

Abends werden sie zu Hause erzählen, dass er mit ihrem Jungen eine Runde über den Parkplatz gefahren ist. Vielleicht werden sie auch sagen, dass Tare ihm einen Vertrag angeboten habe, und dann werden sie alle lachen.

Kein Grund für Genugtuung

Eine Viertelstunde später steht Igli Tare in seinem Büro im ersten Stock der Geschäftsstelle im Formello, 40 Kilometer nördlich von Rom. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Gemälde mit Lazios Wappentier, dem Adler, daneben Bilder von Miroslav Klose und den Pokalhelden von 2009 und 2013. Wenn dieser 1,91-Meter-Riese ein bisschen was von dem Mackertum eines Stefan Effenberg hätte, könnte er auf seinen Balkon treten und sagen: »Ich hab’s allen gezeigt!« Doch Tare setzt sich einfach in seinen Sessel. Er lächelt nicht, denn dafür gibt es keinen Grund. Fußball ist eine ernste Sache. Er legt das Sakko ab und sagt: »Das ist Schicksal.«

Igli Tare war früher Stürmer. Er spielte in Deutschland für Südwest Ludwigshafen, den VfR Mannheim, Fortuna Düsseldorf, den Karlsruher SC und den 1. FC Kaiserslautern. Auch wenn es in Düsseldorf ziemlich gut lief, war Tare nie ein Topstar, manchmal sogar eher so was wie ein Maskottchen des Misserfolgs. Die Trainer stellten ihn selten von Beginn an auf, die Fans pfiffen ihn aus, wenn die Mannschaft schlecht spielte und sie einen Sündenbock brauchten. Doch im Gegensatz zu anderen, die in solchen Situationen aus dem Profikarussell fielen, ging es für ihn immer weiter, auf wundersame Weise sogar höher. In der »taz« stand mal: »Tare fällt von unten nach oben.« Viele Fans und Mitspieler fragten sich: Wie geht das?

Als sich Igli Tare im Winter 1992 auf den Weg nach Deutschland machte, fror er. Er hatte für seine Flucht aus dem kommunistischen Albanien nach Deutschland umgerechnet 800 Euro bezahlt. Stundenlang stapfte er mit fremden Männern und den Schleusern durch Wälder, der Schnee lag meterhoch. Irgendwann sah er das Schild »Bundes­republik Deutschland«, und er dachte, jetzt würde alles gut. Er kam bei seinen Cousins in Ludwigshafen unter, die bereits zwei Jahre zuvor mit 3000 anderen Albanern die deutsche Botschaft in Tirana gestürmt und später eine Einreiseerlaubnis für die BRD erhalten hatten. Igli Tare war 17 Jahre alt, als ein neues Leben beginnen sollte, mit langen Haaren, mit Jeans, und natürlich mit diesem Traum von der Bundesliga.

Die harten ersten Jahre

Er beantragte Asyl in einem Heim unten am Hafen und fand über Walter Pradt, einen Mitarbeiter des Sozialamtes, einen Job beim Grünflächenamt. An manchen Tagen war er stolz, denn er lebte in Deutschland und hatte Arbeit. An anderen Tagen schämte er sich. Er wollte doch eigentlich hoch hinaus, Fußballprofi werden – und nun harkte er Beete. Oft zog er seine Kapuze tief ins Gesicht, damit ihn niemand erkannte.

Immerhin bekam Tare die Möglichkeit, Fußball zu spielen, denn Pradt war auch Trainer beim damaligen Oberligisten Südwest Ludwigshafen. Doch Tare kam mit dem Amateuralltag nicht zurecht. »Die ersten drei Jahre in Deutschland waren die schlimmsten meines Lebens«, sagt er und schaut noch ein bisschen ernster drein als sonst. Allerdings, sagt er, habe auch er Schuld daran gehabt. Die neue Kultur, die neue Sprache, keine Freunde, keine Bundesliga. Er hatte als 15-Jähriger für Partizani Tirana in der ersten albanischen Liga debütiert und war U21-Nationalspieler gewesen – nun saß er auf der Ersatzbank, bei einem Oberligaklub, den niemand kannte. Tare war zwar in Deutschland, doch es bewegte sich nichts.

 
 
 
 
 
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