Der AC Mailand will das Lamentieren verbieten

Wir kommen, um uns nicht zu beschweren

Der AC Mailand will seinen Spielern das Lamentieren verbieten. Kaum vorstellbar, wie sich Filippo Inzaghi im Zaum halten wird. Und sowieso: Gehören Beschwerdegesten nicht zum italienischen Fußball wie Grätschten einst zu Vinnie Jones? Der AC Mailand will das Lamentieren verbietenimago

Vor zehn Jahren kam es zu einem äußerst verstörenden Zwischenfall. Paolo Di Canio, damals Profi von West Ham United, erhielt von der Fifa den Fair-Play-Preis. Der Italiener hatte auf eine Torchance verzichtet, damit der verletzt am Boden liegende gegnerische Torwart behandelt werden konnte. Di Canio? Genau, dieser Di Canio. Jener Spieler, der in den Jahren zuvor vermehrt durch stumpfe Äußerungen in der Presse aufgefallen war, der bei sogenannten Rudelbildungen auf dem Platz stets den Anführer gab und sich nur allzu gerne mit der immergleichen Geste vor dem Schiedsrichter aufbaute, wenn es Dinge zu diskutieren gab – oder auch nicht. Während seiner Zeit bei Sheffield Wednesday stieß er sogar mal einen Referee zu Boden, er wurde daraufhin elf Spiele gesperrt. Unsere ach so schönen Klischees vom ewig lamentierenden Italiener wurden durch Di Canios Verhalten mit schöner Regelmäßigkeit bedient. Und wenn unser Mann in London mal ruhigere Phasen erlebte, reichte ein Blick nach Mailand, wo Filippo Inzaghi pro Spiel gefühlte 87 Mal die Schultern hochzog, den Kopf zu Seite drehte, die Finger krümmte und den Daumen anlegte.

[ad]

Di Canio heftete sich im Sommer 2001 den Titel an sein Revers, der ehrenwerteste Fußballer der Welt zu sein. Was also nun? Wir steckten doch über all die Jahre so herrlich knietief im Stereotypensumpf, er diente uns als idealer Nährboden für Mythen, für unser Halbwissen in der Kurve und ein solides Grundrauschen am Stammtisch. Noch heute experten wir von den Gladbacher Fohlen, der Diva vom Main, dem Karnevalsverein aus Mainz, dem etwas anderen Klub FC St. Pauli, von der deutschen Disziplin, von der brasilianischen Artistik, von der englischen Härte. Fußball-Schubladen, die eine beruhigende Wirkung haben. Sie stecken all die Akteure in klare Rahmen.

Ein Deutscher ist ein Pedant, ein Italiener kein Sportsmann

Glücklicherweise wurde im Fall Di Canio alles wieder gut. Er manövrierte sich vier Jahre nach seinem Fair-Play-Preis selbst ins Abseits. Der Stürmer, anno 2005 bei Lazio Rom unter Vertrag, posierte nach einem Stadtderby mit dem römischen Gruß. Er war für immer gebrandmarkt als mieser, kleiner Faschist und stellte damit unser klebriges Weltbild wieder her. So wie ein Deutscher ein elender Pedant ist, ist ein Italiener kein Sportsmann.

Doch dieser Tage flatterte eine Nachricht durchs Netz, die dieses Bild erneut zu verrücken scheint. Sie vermeldet eine Anti-Protest-Regel, die der AC Mailand aufstellen will und nach der die Spieler fortan eine Strafe zahlen müssen, wenn sie sich beim Schiedsrichter beschweren. Der Beschluss wurde gefasst, nachdem Zlatan Ibrahimovic wegen seines Protests Anfang April im Spiel gegen den AC Florenz für drei Spiele gesperrt worden war. »Proteste bringen nichts, sondern verschlechtern nur noch die Situation«, sagt Milans Geschäftsführer Adriano Galliani. Was für eine  Erkenntnis in einer Liga, in dem das gute alte Lamentieren eine mindestens 100-jährige Tradition genießt. Er hätte auch sagen können: Eine Bank zu überfallen und an der Kasse seinen Personalausweis vorzulegen bringt nichts, sondern verschlechtert nur noch die Situation.

Wie auch immer: Der italienische Fußball krankt seit einigen Jahren, heißt es häufig. Leere Stadien, gewalttätige Fans, destruktiver Fußball. Und nun das noch: Spieler, die sich auf dem Platz wie Gentlemen benehmen. Gerade dem AC Mailand schaute man doch vornehmlich zu, weil man sich so herrlich in Rage reden konnte. Alleine der Spieler Filippo Inzaghi bot so viel Angriffsflächen, dass manch ein Zuschauer, erschöpft von Wutanfällen, im Anschluss an ein Milan-Spiel gerne mal zwei bis drei Wochen Urlaub im Kurhotel einreichte. Und wenn Schlaumeier dann noch behaupteten, Inzaghi sei schlichtweg ein ausgebuffter und cleverer Stürmer, und, ganz hobbyphilosophisch und unaufgeregt, Berti Vogts zum Thema Hass zitierten (»Dieser gehört nicht zum Fußball, den kann man zu Hause mit seiner Frau ausleben«), war das innere Inferno perfekt. Und, ja: Es fühlte sich gut an. Denn wer will schon Seelenfrieden beim Fußball. Außerdem bestätigte dieses Gefühl alles, was wir über die italienische Serie A zu wissen glaubten.

Bald vergessen: Die Daumen-Zeigefinger-Geste

Wie also kann man sich Spiele mit Beteiligung des AC Mailand  in Zukunft vorstellen? Werden wir da Männer sehen, die Entscheidungen einfach akzeptieren und hemdsärmelig wegdackeln? Werden also, weil von Inzaghi und Co. kein  römischer Gruß zu erwarten ist, italienische Profis in naher Zukunft als die glorreichsten Sportsmänner in die Geschichte des Fußballs eingehen? Wird in zehn Jahren die Daumen-Zeigefinger-Geste gänzlich vergessen sein? So wie es scheint, kommt es genau so. Und dann, ja, dann wird sich die italienische Schublade, verdammt noch mal, nicht mehr schließen lassen. Das kann so niemand gewollt haben.  

Der geneigte Weltbildkonservierer muss sich also Ruhe verschaffen. Er googelt – in der Annahme, dass es heute und in Zukunft beim Fußball immer noch die traditionelle italienische Geste geben wird – die Begriffe »Italien« und »Kein Fairplay«. Und siehe da, er gelangt sodann zu einem Bericht samt Video von einem Serie-B-Spiel zwischen Ascoli und Reggina aus dem Jahr 2009. Wir sehen: Einen Reggina-Spieler verletzt am Boden, außerdem einen Mitspieler, der den Ball in Richtung Seitenaus schießt, um eine Spielunterbrechung zu ermöglichen. Doch dann schaltet dieser unsportliche Ascolianer schnell, schnappt sich den Ball und umkurvt die Reggina-Defensive, die längst aufgehört hat zu spielen. Pass nach innen, Tor. Es folgt, das was in Italien immer folgt, wenn sich Spieler ungerecht behandelt fühlen: Diskussionen, Proteste, Rudel. Wut. Herrlich.



Doch kurz bevor man das kleine Kreuz links oben am Browserfenster anklicken kann, sieht man aus dem Augenwinkel noch das: Reggina stößt an, die Ascoli-Spieler verharren auf ihren Positionen, sie lassen den Gegner ungehindert durch ihre Abwehr laufen. Wieder: Pass nach innen, Tor. Es ist der 1:1-Ausgleichstreffer. Würden wir es aussprechen können, würden wir sagen: Sehr fair! Doch wir haben mit Müh und Not die Maus endlich über das kleine Kreuz in der linken Ecke bewegt und klicken drauf. Zurück bleibt ein wieder äußerst verstörender Zwischenfall. Zudem der Gedanke, dass man als Schubladenliebhaber niemals auf die Idee kommen sollte, Dinge allzu genau zu recherchieren.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!